Verschickte Kinder

Essenszwang, Toilettenverbot und Heimweh – Kinderkurheime in der DDR

Postkarte aus dem Kinderkurheim in Dahmshöhe.

Postkarte aus dem Kinderkurheim in Dahmshöhe.

Eichwalde. „Ich musste vor allen anderen Strafe stehen, im Speisesaal, weil ich in der Mittagsruhe gequatscht habe. Ich erinnere mich an die Bürstenmassage, das Nacktsein, auch so über den Flur zu laufen, an meine Scham. Bei der ersten Bürstenmassage bin ich fast umgekippt. Ich wurde angeschrien und sollte sofort auf das Zimmer gehen. Ab dann kompletter Blackout“, so beschreibt ein ehemaliges Kurkind seinen Aufenthalt im Kinderkurheim Dahmshöhe bei Fürstenberg/Havel (Oberhavel). Das war 1982, das Kind war damals zehn Jahre alt.

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Heute machen im Haus Dahmshöhe, das von der Lebenshilfe betrieben wird, Menschen freiwillig Urlaub. Anstelle eines Kellers mit verordneter Bürstenmassage gibt es dort nun einen Wellnessbereich, statt Stockbetten helle Suiten mit gemusterten Polstermöbeln, und anstelle von Essenszwang verspricht ein Büfett gute regionale Küche. Von 1948 bis 1990 war das heutige Haus Dahmshöhe ein Kinderkurheim. Pro Jahr wurden hier im Vier-Wochen-Turnus etwa 700 Kinder beherbergt.

Acht Millionen Kinder sind deutschlandweit verschickt worden

Hunderte solcher Erinnerungen an Kinderkurheime und zahlreiches Archivmaterial hat die Historikerin Julia Todtmann für ihre Masterarbeit analysiert. Sie ist die erste Forscherin, die sich mit dem Kinderkurwesen in der DDR beschäftigt hat. Bisher wurde das Phänomen der Massenverschickung vor allem in der BRD beleuchtet.

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Die Autorin Anja Röhl hat als erste über westdeutsche Verschickungskinder geschrieben. Dank ihres Engagements hat sich eine bundesweite Initiative aus ehemaligen Heimkindern gegründet. Fast 6000 Menschen haben auf der Website Zeugnis abgelegt und von ihren Erfahrungen berichtet – die meisten von ihnen waren in BRD-Heimen.

Julia Todtmann forscht zu Kinderkurheimen in der DDR.

Julia Todtmann forscht zu Kinderkurheimen in der DDR.

Acht Millionen Kinder sind zwischen 1950 und 1980 in ganz Deutschland in sogenannte Kinderkuren verschickt worden. „Die Kinderverschickung ist ein Trauma, das BRD und DDR teilen. Aber die Systeme sind sehr unterschiedlich“, sagt Todtmann, die Public History an der Freien Universität in Berlin studiert hat. Das Kinderkurwesen in der DDR sei ein zentralistisches System gewesen, das im Zuge des Aufbaus des Sozialismus in den 50er Jahren etabliert wurde. Maßnahmen und Richtlinien hat das Ministerium für Gesundheitswesen verantwortet, finanziert wurden die Kuren über die Sozialversicherung.

Kinder durften nicht aus der Reihe tanzen

Über die Kinderkurheime nahm der Staat direkten Einfluss auf die Erziehung. Die Kinder sollten nicht aus der Reihe tanzen, sondern sich nahtlos in die Gemeinschaft einfügen. Es gab feste Essens-, Schlafens- und Toilettenzeiten. Kinder, die sich nicht ins Kollektiv des Heimes einbrachten, wurden nicht selten in Protokollen als „altklug, geltungsbedürftig, nervös oder verwöhnt“, beschrieben, hat Todtmann festgestellt.

Auf der anderen Seite der Grenze gab es eine Reihe von unterschiedlichen Trägern wie die Caritas oder das Deutsche Rote Kreuz, die die Heime betrieben. In der BRD war die angewandte Gewalt noch flächendeckender, sagt Todtmann. Dort gab es festgeschriebene Kataloge von Gewaltmaßnahmen, wie Isolationshaft oder Fixierungen, an denen sich die Erzieher orientierten, die Kinder mussten Uniformen tragen und ihre Namen wurden teilweise durch Nummern ersetzt.

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„Das war in DDR-Heimen anders. Im Vergleich zur BRD gab es hier sehr fortschrittliche Ansätze in der Erziehung, gerade für die 50er und 60er Jahre“, so Todtmann. Man ging davon aus, dass die Erzieher aufgrund ihrer sozialistischen Haltungen eine natürliche Autorität innehatten und somit gar keine Form der Bestrafung einsetzen mussten.

Toilettenverbot während der Schlafenzeiten

Auch wenn die Bestrafungen in der DDR nicht festgeschrieben wurden, berichteten trotzdem viele Kurkinder gegenüber Todtmann von Züchtigungen und Demütigungen. Viele erinnern sich etwa an einen Essenszwang: „Wir mussten ständig Eier essen. Ich kann sie bis heute nicht essen. Ich habe mit Erbrechen reagiert auf den Essenszwang. Strafe war dann, das Erbrochene aufzuessen“, so die Schilderung eines ehemaligen Kurkinds, das mit vier Jahren im sächsischen Gohrisch war. Andere berichten von einem Toilettenverbot während der Schlafenszeiten, von öffentlichen Demütigungen und Ausgrenzungen wegen ihres Heimwehs.

Die meisten der 2,6 Millionen Kinder, denen die Hausärzte einen Aufenthalt im Kinderkurheim verordneten, waren sechs oder sieben Jahre alt. Manchen wurde der Aufenthalt aufgrund chronischer Bronchitis, Asthma oder Haltungsschwächen verschrieben, aber die meisten Kinder wurden vorsorglich in die Heime geschickt. „Mehr als die Hälfte der Kinderkuren dienten der Prophylaxe. Die Kinder sollten in den Heimen fit für die Schule gemacht werden“, sagt Todtmann, die neben ihrem Studium als Lehrerin in Strausberg (Märkisch-Oderland) arbeitet.

Zur „Prophylaxe“ ins Kinderkurheim

Todtmann war früher selbst einmal zur „Prophylaxe“ in einem Kinderkurheim. Vier Wochen lang, im Herbst 1998, in Schöneck in Sachsen, da war sie sechs Jahre alt. Sie erinnert sich an Episoden aus dieser Zeit – an die öffentliche Demütigung der Erzieher, wenn Kinder ins Bett pinkelten und daran, wie sie schnell ihr Essen aufaß, damit man ihr die Briefe von Zuhause vorlas. „Es gab eine vierwöchige Kontaktsperre in diesem Heimen – man hatte überhaupt keinen Kontakt zu den Eltern“, erinnert sie sich.

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Ihre persönlichen Erfahrungen seien trotzdem weniger drastisch als die anderer, sagt Todtmann. Viele der Menschen, die sie befragt hat, kämpfen noch heute mit den Folgen der Kinderkurheimaufenthalte. Todtmanns Forschung für ihre Masterarbeit ist mittlerweile abgeschlossen. Aber sie will weiter Erinnerungen sammeln an dieses bisher wenig beleuchtete Kapitel.

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