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Sorry, mein Fehler!

Warum es wichtig ist, über Misserfolge zu sprechen

Nicht gleich den Kopf hängen lassen: Jeder und jede macht mal Fehler. Wichtig ist, dazu zu stehen.

Martina Leisten hat den Karren gleich mehrmals an die Wand gefahren. 2008 erfüllt sich die studierte Sozialwirtin den Traum vom eigenen Café in Berlin. Doch die Kundschaft bleibt aus, irgendwann kann sie die Stromrechnung nicht mehr bezahlen. Gut ein Jahr nach der Eröffnung macht sie den Laden dicht. Was der 30-Jährigen bleibt, ist ein Schuldenberg von 40.000 Euro, den sie abbezahlen muss. 2011 beantragt sie Privatinsolvenz.

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Drei Jahre später meldet sich die gebürtige Rheinländerin für die Teilnahme bei einer Backshow im Fernsehen an. Sie hofft auf das Preisgeld von 10.000 Euro, scheidet jedoch in der ersten Folge aus, wird danach zudem von Stefan Raab in dessen Sendung vorgeführt. Es ist ihr Tiefpunkt: Martina Leisten weist sich in die Psychiatrie ein, nimmt Antidepressiva, beginnt eine Therapie.

„Über meine Probleme zu reden tat mir gut“, sagt Leisten, die mittlerweile selbst als Coach arbeitet und vor Kurzem ein Buch darüber veröffentlicht hat, wie sich Anspannung und Stress reduzieren lassen. „Wir wollen eigentlich immer nur über Erfolge sprechen, sind sehr sicherheitsbedürftig.“ Stattdessen wirbt sie dafür, auch negative Gefühle zu etablieren und offen mit Scham, Schuld, Wut oder Traurigkeit umzugehen. „Dadurch wird es meistens besser.“

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Wenn Ehrlichkeit lebenswichtig ist

Der Wirtschaftswissenschaftler Jan Hagen lehrt und forscht an der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin zum Thema Fehlerkultur. Beispielhaftes Fehlermanagement sieht er im Bereich der Luftfahrt: „Wenn im Cockpit etwas falsch läuft, werde ich aktiv ermuntert, darüber zu berichten. Der Chef muss darüber informiert werden, wo Fehler gemacht wurden, es folgt eine schonungslose Aufklärung.“

Die Leistungsfähigkeit der Flugzeugbesatzung hänge vom Kommunikationsverhalten des Kapitäns ab: „Wenn der Kapitän Fragen stellt, anstatt Anweisungen zu geben, ist der Copilot gefordert, frei zu sagen, wie er in einer bestimmten Situation handeln würde.“ Im besten Fall könne das etwas sein, das der Kapitän selbst nicht bedacht habe. Dabei gilt: Je vertrauensvoller und wertschätzender der Umgang miteinander, desto leichter fällt es, eigene wie auch Fehler von anderen zu thematisieren. Hagen ermuntert darum auch Vorgesetzte, offen über eigene Fehler zu sprechen und so die Mitarbeitenden zu animieren, es genauso zu machen.

Aus Fehlern lernen – oder nicht?

Schließlich lässt sich aus Fehlern lernen – wenngleich nicht unbedingt aus den eigenen. Tatsächlich legt eine Studie von Forschenden der University of Chicago nahe, dass das eigene Scheitern den Lernprozess sogar hemmt, anstatt ihn zu fördern.

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Bei der Untersuchung wurden Menschen Wissenstests mit zwei Antwortmöglichkeiten vorgelegt. Hinterher wurde ihnen mitgeteilt, ob sie die Fragen falsch oder richtig beantwortet hatten. Folgetests mit leicht variierten Fragestellungen zeigten: Diejenigen, die richtig geantwortet hatten, merkten sich die Inhalte leichter und waren danach noch besser. Diejenigen, die Fehler gemacht hatten, schnitten in der Folge noch schlechter ab. Menschen, die einen Fehler machen, sind demnach so sehr in ihrem Selbstwertgefühl erschüttert, dass sie glauben, die Aufgabe sei zu schwer für sie.

Allerdings zeigt die Studie auch, dass Menschen aus Fehlern lernen können, die andere gemacht haben. Wer mit dem nötigen Abstand auf Fehler von anderen schaut, kann sehen, was falsch lief, und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Mit Misserfolgen auf die große Bühne

Diesem Prinzip folgt auch das Konzept der Fuck-up-Nights, bei denen Menschen in der Öffentlichkeit von ihren gescheiterten Vorhaben sprechen: geplatzte Träume, Schulden, Misserfolge.

Für Martina Leisten ist es genau das Richtige. 2015 wagt sie sich mit ihrer Geschichte auf die große Bühne. Zwar fällt es ihr anfangs nicht leicht, öffentlich von ihren Misserfolgen zu erzählen. Aber es erleichtert sie auch ungemein – und sie bekommt Zuspruch. Medien werden auf die Geschichte der gescheiterten Gastronomin aufmerksam, sie gibt Interviews, schreibt Artikel, tritt im Fernsehen auf. Schließlich will sie es sich beweisen und übernimmt noch einmal ein Café. Nicht mit derselben Begeisterung wie zu Beginn, aber mit Pragmatismus: „Nach etwas über einem halben Jahr habe ich gemerkt, dass auch mein zweites Café nicht richtig läuft. Im Gegensatz zu damals wollte ich mich auf keinen Fall verschulden – und meldete das Gewerbe ab.“

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Mit Heldengeschichten übers Scheitern und die daran anknüpfenden Erfolge kann Leisten nichts anfangen. Heute sagt sie zwar, sie sei dankbar für ihre Erfahrungen, „aber nicht für die Schulden, nicht für die Schufa-Einträge“. Sie weiß, dass sie Fehler gemacht hat, ist sich zugleich aber auch ihrer Stärken bewusst. „Noch mal insolvent werde ich nicht.“ Und viel mehr könne nicht passieren.

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