„Wir planen permanent neu“ – Semperoper-Intendant Peter Theiler im DNN-Gespräch
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Coronavirus „Wir planen permanent neu“ – Semperoper-Intendant Peter Theiler im DNN-Gespräch
Thema Specials Coronavirus „Wir planen permanent neu“ – Semperoper-Intendant Peter Theiler im DNN-Gespräch
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15:14 24.05.2020
Spielen ist nicht möglich in der Semperoper, die Zuschauerreihen bleiben (noch) leer. Immerhin gibt es nun wieder Besuchstouren. Quelle: Avantgarde
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Dresden

Offiziell ist die aktuelle Saison der sächsischen Theater und Orchester längst beendet, wurden Konzerte, Vorstellungen und Premieren fast vollständig abgesagt. Viele Veranstalter bieten Alternativen im Internet an, Wohnzimmerkonzerte sowie Aufzeichnungen früherer Produktionen. In dieser Situation überrascht nun die Nachricht, dass die Häuser – unter strengen Auflagen – wieder öffnen dürfen. Ob das tatsächlich eine Überraschung ist oder die Lage nun noch verworrener macht, verrät Semperoper-Intendant Peter Theiler im DNN-Gespräch.

Frage: Die Spielzeit ist beendet, doch die Häuser dürfen wieder öffnen – eine verwirrende Situation?

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Peter Theiler: Das klingt zwar paradox, ist es aber eigentlich gar nicht. Wir müssen ja davon ausgehen, dass das öffentliche Leben sich irgendwann peu à peu normalisiert. Genauso wie man aus Sicherheitsgründen das Leben herunterfährt, was ja auch richtig ist, muss es auch wieder in Gang kommen. Diese Lockerungen sind einhergegangen mit vielen politischen Beratungen, wurden aus der Runde der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten in die Länderkabinette getragen, wo nun die Entscheidung getroffen worden ist, eine Allgemeinverfügung mit Hygieneauflagen umzusetzen. Das betrifft ja das gesamte öffentliche Leben – die Gastronomie, Kultureinrichtungen, Museen, die Hoteliers –, damit das alles wieder in die Gänge kommt. Das ist im Moment der Zustand und wir sind damit befasst, damit umzugehen.

Was bedeutet dieser Zustand für die Semperoper?

Wir sind halt zu und das ist sehr bedauerlich. Wir sind ein Kulturunternehmen, das ja davon lebt – und auch dafür lebt! –, dass es sich öffentlich präsentiert, dass es sich auseinandersetzt mit den Gegebenheiten unserer Welt, mit Werten, die in unseren Stücken verhandelt werden, dass es Position bezieht zum Leben und auch zu Vorgängen, die uns alle betreffen. Und das können wir natürlich in dieser Zeit nicht in der gewohnten Form umsetzen. Insofern eine bittere Geschichte für alle Kulturbetriebe, wenn sie sich nicht produzieren und das anbieten können, was im Grunde genommen von uns erwartet wird.

Wie ist die Stimmung an einem Musiktheater ohne Musik?

Wir haben in den Sächsischen Staatstheatern Hunderte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, große Kollektive also, und natürlich sehr viele künstlerisch arbeitende Menschen, die Visionen haben, Projekte realisieren wollen, sich in Vorgänge eingebunden sehen möchten. Also in Inszenierungen, Konzerte und Ballettaufführungen, um ihr eigenes Persönlichkeitsprofil voranzubringen. Das ist für die persönliche Entwicklung einer Künstlernatur sehr wichtig – und da gibt es nun einfach einen Schnitt. Das sind kaum zu unterschätzende Einbrüche auch im persönlichen Selbstverständnis unserer Künstlerinnen und Künstler. Theater ist ja eine Zeitkunst und manche Konzepte können nur schwer um zwei, drei Jahre aufgeschoben werden, weil sie eben genau zum jetzigen Zeitpunkt passen würden.

Peter Theiler. Quelle: Matthias Creutziger

Das Dumme ist, niemand weiß, wie lange dieser Zustand anhält. Bringen die plötzlichen Lockerungen nun Klarheit oder noch mehr Probleme?

Es ist ja nicht so, dass wir nichts tun. Wir sind seit gut acht Wochen in einem Modus der eingeschränkten Arbeit. Hier wird kontinuierlich weitergearbeitet. Wir spielen halt nicht. Jetzt wird vom Modus der Krisenverwaltung in den einer klaren Zukunftsplanung gewechselt, weil wir durch die neuen Richtlinien die Möglichkeit haben zu planen. Der Fakt dieser Schließung auf der einen Seite und nun der Lockerungen auf der anderen befähigt uns, nach vorne zu blicken und mit dem Erstellen von Hygienekonzepten den künftigen Spielplan genauer zu untersuchen.

Finden darin die jetzt ausgefallenen Neuproduktionen Platz?

Wir konnten „Madama Butterfly“ Ende April nicht rausbringen, das werden wir nachholen, gleich zu Beginn der kommenden Spielzeit, wo ursprünglich „Wilhelm Tell“ geplant war. Der wird dann wiederum um ein Jahr verschoben. Das ist wie eine riesige Bugwelle, die man vor sich herschiebt, da hängen Hunderte von Verträgen dran. Die müssen alle genau geklärt und vorausschauend neu abgeschlossen oder korrigiert werden.

VerdisDon Carlo“, der Ende Mai geplant war, soll ebenfalls in der nächsten Spielzeit herauskommen. Auch eine Uraufführung hatten wir jetzt noch in petto, „Die andere Frau“ von Torsten Rasch, das wäre die erste Opern-Uraufführung meiner Intendanz gewesen, die wird ebenfalls in der nächsten Spielzeit untergebracht.

Auch der große Ballettabend, „Vier letzte Lieder“, ein Lieblingsprojekt von Aaron Watkin, wäre eine wunderbare Sache gewesen, zumal die Strauss-Lieder jetzt frei sind.

Können Sie angesichts der Gegebenheiten überhaupt mehr als einen Notfallplan erarbeiten?

Erst mal muss das Hygienekonzept stehen, da sind wir als Sächsische Staatstheater jetzt dran. Wie kommt das Publikum ins Haus, wie werden die Menschen kanalisiert, wo sind neuralgische Punkte, welche Abstandsregelungen sind einzuhalten? Danach richtet sich die Zahl der Zuschauenden, die ins Theater gelassen werden können. Parallel dazu wird geklärt, wie die Darstellenden auf der Bühne und im Orchestergraben unterzubringen sind, welche Kollektive man in welcher Größe einbinden kann. Daran arbeiten wir jetzt. Das dauert alles seine Zeit und wird dann beim Gesundheitsamt eingereicht. Sobald diese Regelung freigegeben ist, werden wir das in die Tat umsetzen.

Ich spreche also nicht von Notfallplan, sondern von einem Spielplan, den wir den Gegebenheiten anpassen. Alles ganz dynamisch. Wir sind kein Notfall, sondern ein wunderbar funktionierendes Opernhaus, das sich fit macht fürs Spielen. Momentan können wir es situationsbedingt nicht, aber wir werden aus der Sache das Beste machen und uns auch wieder dem Publikum zeigen.

Blick in den leeren Saal der Semperoper. Quelle: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Ob das noch vorm Sommer oder dann im September möglich sein wird, weiß momentan niemand. Ein Vabanque-Spiel?

Wir können alle nicht wissen, was im September sein wird, aber wir müssen ja trotzdem was tun. Ich bin immer fürs Tun und nicht fürs Abwarten. Für mich ist das kein Vabanque-Spiel. Wir planen permanent neu und haben auch in den letzten Wochen unsere Situation immer wieder angepasst. Wir waren froh, dass die Schließung bis Ende der Spielzeit kam, weil es sehr schwierig war, in kurzen Abschnitten zu denken und zu planen. So hatten wir wenigstens Klarheit. In die Glaskugel kann auch ich nicht schauen, aber gehe jetzt nicht davon aus, dass die Theater nach dieser Corona-Krise genauso spielen wie vorher.

Seit Beginn dieser Krise ist jede Menge Kunst ins Internet gewandert, überwiegend kostenlos. Ist das nicht auch eine Entwertung der Kunst?

Es ist wichtig, dass man sich beteiligt, Konzepte entwickelt und alternative Formen zeigt. Auch wir haben die neuen Medien entsprechend genutzt, das finde ich richtig. Aber natürlich ist das für künstlerische Äußerung nicht befriedigend, wir arbeiten ja nicht für die Flimmerkiste, sondern dafür, dass man uns live erlebt. Theater ist ein unmittelbares kollektives Erlebnis, keins aus der Konserve. Es kann nicht sein, das Kulturleben in den Computer zu verlegen. Und natürlich brauchen wir auch das Geld in der Kasse. Selbstverständlich passen wir uns aber den Gegebenheiten an und wollen uns mit unserem fabelhaften Klangkörper und Ensembleleistungen präsent zeigen. Das sind wir der Öffentlichkeit und unserem Publikum schuldig. Da es anders nicht geht, bereiten wir Streams im leeren Opernhaus mit Mitgliedern unseres Ensembles vor, die wir als SEMPER:Donnerstag-Reihe ab dem 28. Mai online stellen. Und auch die Sächsische Staatskapelle Dresden bereitet sich mit ZDF und arte auf gestreamte Kammerkonzerte aus den Staatlichen Kunstsammlungen vor.

Da die Semperoper auch sehr vom Tourismus geprägt ist, dürfte das Geld in der Kasse noch längere Zeit fehlen?

Das haben wir alle lernen müssen: Vieles, was bisher selbstverständlich war, hat nun eine herbe Zäsur bekommen. Die Nachhaltigkeit, mit der uns das Thema Corona begleiten wird, macht mit mehr Sorge als die gegenwärtige Bewältigung. Wenn ich nur an die große Last denke, die jetzt in der frei arbeitenden Szene durch den Wegfall von Engagements zu bewältigen ist. Das ist eine ernste Bedrohung.

Zugleich sollten wir uns aber bewusst machen, was die öffentliche Hand in Deutschland für die Kultur leistet. Wir haben eine weltweit einzigartige Theaterdichte, die für mehr als 40.000 Menschen einen sicheren Arbeitsplatz bedeutet und der Gesellschaft eine Kontinuität der künstlerischen Entwicklung bietet. Schauen Sie nach Frankreich, England oder Italien, dort arbeiten überwiegend Freiberufler. Oder in die USA, wo die große Metropolitan Opera nicht mal die Gehälter der Festangestellten bezahlen kann, das ist katastrophal. Ich bin dankbar, dass wir im deutschsprachigen Raum dieses Ensembletheater haben.

Von Michael Ernst

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