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Coronavirus „Es ist ein großer Kulturverlust“ – Buchmesse-Chef Oliver Zille zur Absage
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19:59 03.03.2020
Als noch alles gut war: Buchmessedirektor Oliver Zille Mitte Februar bei der Pressekonferenz zur Leipziger Buchmesse. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Solch eine schwere Entscheidung mussten wir noch nie treffen“, sagt Buchmesse-Direktor Oliver Zille. Die zweitgrößte deutsche Buchmesse ist abgesagt, der Verlust für die Verlage, für Leipzig und den demokratischen Diskurs noch gar nicht abzuschätzen.

Worin liegt der größte Verlust nach dieser Absage?

Es ist ein großer Kulturverlust. Die Buchmesse ist natürlich auch ein Markt-Ereignis für die Aussteller und Autoren, die hier ihre neuen Werke präsentieren mit dem Ziel, sie an die Leser zu bringen. Das fehlt jetzt. Doch auch der Austausch fehlt, die Inspiration fehlt, die gesellschaftliche Debatte am Ort Leipzig fehlt. Hier wäre zum richtigen Zeitpunkt der richtige Ort gewesen, deutsche Politik, europäische Politik, Bildungspolitik, Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, der Demokratiefähigkeit und des Demokratieerhalts zu diskutieren. Das ist für mich der größte Verlust.

Lässt sich das auf irgendeine Weise kompensieren?

Man kann das nicht ersetzen. Das sind ja auch ein Wert und eine Atmosphäre und eine Dynamik, die sich jedes Jahr wieder neu durch bestimmte Rahmenbedingungen herstellen, die wir schaffen mit jedem einzelnen Aussteller, mit jedem Autor, der aus seinem Werk liest, mit jedem einzelnen Besucher, mit jedem Medium, das von der Messe berichtet. So etwas kann man nicht imaginieren, das kann man auch nicht ins Netz übertragen.

Können Sie die Entscheidung nachvollziehen?

Ja. Es ist am Ende eine Frage zwischen Sachstand und Medienstand. Es gibt eine große Verunsicherung in der Bevölkerung, zu der auch unsere Gäste, die Aussteller, Besucher und Autoren gehören. Unabhängig von dem, was die Virologen sagen. Wir Messe-Organisatoren müssen uns an die Experten halten und die Empfehlungen der Gesundheitsbehörde umsetzen. Und dann stellen wird eben fest: Das Nachverfolgen von Kontaktpersonen ist unter den Bedingungen einer Buchmesse mit Lesefest nicht umsetzbar.

Das sagen die Leipziger über die Absage der Buchmesse.

Hätten Sie eine andere Möglichkeit gesehen?

Die Buchmesse geht jetzt ins 75. Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Das ist eine Entscheidung völlig ohne Beispiel. Doch wir haben keine Lösung, die den Sinn dieser Messe und dieses Lesefestes nicht verfälscht hätte. Man kann ja mit technischen Mitteln alles machen, die Frage ist nur, ob die Idee, die man eigentlich mit dieser Messe verfolgt, dann überhaupt noch umsetzbar ist. Es wäre sinnlos, eine Messe zu machen, wenn die Menschen angstbesetzt sind und sich nicht frei fühlen, hier Literatur zu feiern.

Gab es den Gedanken, die Messe zu verschieben?

Das wäre für uns technisch nicht umsetzbar. Es gibt ja auch weitere Veranstalter auf dem Gelände, die ganz anderer Natur sind. Und das darf man nicht vergessen: Wir sind nicht nur eine Messe, wir sind auch Europas größtes Literaturfest an 500 Orten auf der Messe und in der Stadt. Das ist nicht einfach mal mit einem Fingerschnipp umzuorganisieren.

Aber den Preis der Leipziger Buchmesse wollen Sie noch vergeben.

Natürlich wird der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben. Und wenn alles nach Plan läuft, wird das auch am 12. März sein, aber auf eine andere Art und Weise. Und genauso werden wir uns für László Földényi eine würdige Veranstaltung überlegen, bei der er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung offiziell überreicht bekommt.

Glauben Sie, dass man 2021 noch etwas merken wird von diesem Ausfall?

Einerseits würden wir uns wünschen, dass sich das gut für die Marktteilnehmer kompensieren lässt. Auf der anderen Seite glaube ich nicht daran, dass sich so ein kräftiges, impulsgebendes Marktereignis einfach so kompensieren lässt. Wir werden uns mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels zusammensetzen und überlegen, was wir tun können. Uns werden kreative Dinge einfallen, was man auf dem Weg zur nächsten Buchmesse tun kann, was wir in den vergangenen Jahren vielleicht nicht getan haben – nicht tun mussten. Unser großer Pluspunkt in Leipzig ist das Herstellen von Sichtbarkeit von Literatur. Das fehlt nun im März 2020.

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