Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Coronavirus „Corona-Ferien“ in Sachsen? Was Experten von radikalen Vorsorge-Plänen halten
Thema Specials Coronavirus „Corona-Ferien“ in Sachsen? Was Experten von radikalen Vorsorge-Plänen halten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
18:10 04.03.2020
Um die Ausbreitung der Corona-Infektionen einzudämmen, schlägt ein Virologe aus Halle vor, Schulen und Kitas zu schließen Quelle: dpa
Anzeige
Leipzig

Er ist derzeit ein gern gesehener Gast in Talksendungen: Alexander Kekulé rät zu 14-tägigen „Corona-Ferien“. Das würde helfen, die Ausbreitung des Virus in Deutschland einzudämmen. Kekulé, der Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Halle, will, dass alle Schulen und Kindergärten für zwei Wochen schließen, sämtliche Großveranstaltungen abgesagt und innerdeutsche Reisen auf ein Minimum reduziert werden. Das könnte helfen, um alle nicht entdeckten Herde zu identifizieren, die Patienten zu isolieren und in Quarantäne zu schicken.

Leipziger Virologe Liebert: Zwangsferien wären überzogen

Er halte das für überzogen, sagt Uwe Liebert, Direktor der Virologie am Uniklinikum Leipzig. „Die Fallzahlen sind in Deutschland zwar gestiegen, aber letztlich reden wir noch von Einzelfällen“, sagte der Professor der LVZ. „Wir haben immer noch die Hoffnung, dass sich die Ausbreitung der Infektionen eindämmen lässt und es nicht zu einem flächendeckenden Ausbruch kommt.“ Von einer Seuche sei Deutschland weit entfernt. Er rechne Zeit mit weiteren neuen Fällen, aber nicht mit einer Epidemie.

Anzeige

„Wenige Waffen gegen Corona nicht zu früh verschießen“

Für die Absage der Buchmesse in Leipzig habe er Verständnis, da auch Menschen aus Regionen anreisen würden mit höheren Corona-Fallzahlen. Aber momentan sehe er keinen Grund für ein generelles Verbot von Großveranstaltungen wie letztlich auch Fußballspielen. „Wir sollten unsere wenigen Waffen im Kampf gegen Corona nicht zu früh verschießen“, so der Virologe. Es sei gut, dass die Politik bisher besonnen reagiert und die Lage täglich neu bewerte. Von italienischen Verhältnissen – wo bereits Pläne für 14-tägige Zwangsferien politisch diskutiert werden – hält Liebert derzeit wenig.

Kultussprecher: Nachteil in Prüfungsvorbereitung

Sowohl im sächsischen Kultus- als auch im Gesundheitsministerium stößt der Vorschlag aus Halle auf Ablehnung. „Für die Schulen würden zwei Wochen Corona-Ferien erheblichen Unterrichtsausfall bedeuten“, erklärt Dirk Reelfs, Sprecher im Kultusministerium. Insbesondere für Schüler und Schülerinnen, die sich auf eine Abschlussprüfung vorbereiten, ergebe sich ein erheblicher Nachteil. „Wertvolle Arbeitszeit ginge verloren.“

Alle Maßnahmen, die zur Bekämpfung des Virus ergriffen werden, müssten verhältnismäßig sein, erklärt Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD). „Wenn wir die Menschen jetzt zwei Wochen in Corona-Ferien schicken, würde das öffentliche Leben zum Erliegen kommen. Das wäre der aktuellen Lage nicht angemessen.“

GEW: Betreuung der Kinder nicht gewährleistet

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Sachsen bewertet den Vorschlag kritisch. Viele Eltern könnten so kurzfristig eine so lange Betreuung der Kinder nicht gewährleisten. „Als Kenner der Schulszene können wir sagen: Für Eltern wäre es außerordentlich schwierig, die Kinder über einen längeren Zeitraum zuhause zu behalten“, so die GEW-Landesvorsitzende Uschi Kruse. Sie sieht den Staat in der Pflicht. „Solange es noch nicht gravierend ist, ist es die Aufgabe des Staats, Angebote zu machen, damit die Eltern arbeitsfähig bleiben.“ Erst wenn sich die Lage verschlimmern sollte, könne man über Maßnahmen wie Corona-Ferien nachdenken. „Ob das dann flächendeckend oder regional ist, muss man sehen. Wir vertrauen darauf, dass das Kultus- und Sozialministerium verantwortungsvoll mit der Situation umgeht.“

ifo-Experte warnt vor Risiken für die Wirtschaft

Zwangs-Ferien, Reiseeinschränkungen und das generelle Verbot von Großveranstaltungen machen auch für Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz derzeit wenig Sinn. „Vorschläge wie diese tragen zu einer weiteren Verunsicherung bei“, sagt der Vize-Chef des ifo-Instituts in Dresden. Schon jetzt sei das Risiko einer Abschwächung der wirtschaftlichen Entwicklung relativ hoch, weil die Absage von Veranstaltungen und von Reisen einzelne Unternehmen vor Liquiditätsengpässe stellen kann. Hilfsmaßnahmen der Politik seien aus seiner Sicht deshalb gerechtfertigt. Ragnitz nennt als Beispiele einfachere Regeln bei der Beantragung von Kurzarbeitergeld sowie Liquiditätshilfen für betroffenen Unternehmen.

Mehr zum Coronavirus in Sachsen

Krisenstimmung nach Buchmesse-Absage: „Leipzig wird leer“

Coronavirus in Sachsen: Das ist die aktuelle Zahl der Infizierten

Spahn zu Corona: Höhepunkt der Ausbreitung noch nicht erreicht

Coronavirus verunsichert: LVZ-Forum mit Experten im Livestream

Von Bastian Schröder und Andreas Dunte