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13. Februar Militärhistoriker: Bombardierung Dresdens „kein singuläres Ereignis“
Thema Specials 13. Februar Militärhistoriker: Bombardierung Dresdens „kein singuläres Ereignis“
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13:15 11.02.2020
Blick auf die Altstadt mit der Frauenkirche und der Hofkirche aus dem sogenannten Dresdner Keil am Militärhistorischen Museum der Bundeswehr heraus. Die Spitze des Keils, entworfen von Architekt Daniel Libeskind, zeigt symbolisch auf die Stelle, an der in der Nacht vom 13. Februar 1945 die ersten Bomben der Alliierten Luftangriffe einschlugen. Quelle: Robert Michael/zb/dpa
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Dresden

Der Militärhistoriker Jens Wehner hat davor gewarnt, die Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 für eine Umdeutung des Zweiten Weltkrieges zu missbrauchen und deutsche Schuld zu relativieren. Die Bombardierung sei kein singuläres Ereignis im Kriegsgeschehen gewesen, sagte der 41-Jährige im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. Darin spricht er auch über Hintergründe der Angriffe und deutsche Versäumnisse.

Ein Teil der Dresdner nimmt die Bombardierung der Stadt im Februar 1945 als beispiellos wahr. Was sind die Fakten?

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Dresden ist kein singuläres Ereignis, sticht aber wegen der hohen Opferzahl dennoch heraus. Essen hat etwa 250 Luftangriffe erlebt und wurde Stück für Stück zerstört. Dresden hatte nur wenige Angriffe, dann aber wurde die nahezu unzerstörte Stadt im Februar 1945 in Schutt und Asche gelegt. Bis zu 25 000 Menschen starben. Es war ein „normaler“ Angriff mit einer ungeheuren Wirkung. Deshalb haben auch sehr viele Wissenschaftler darüber geforscht und publiziert. In Tokio sind bei einem Angriff etwa 100 000 Menschen ums Leben gekommen. Beispiellos waren auch Hiroshima und Nagasaki.

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Gab es bei den Alliierten nach Dresden Diskussionen?

Durchaus. In Großbritannien diskutierte man darüber, ob man in Dresden nicht zu viel Schaden angerichtet hatte. Premier Winston Churchill ordnete im Zuge der Diskussion an, zivile Ziele besser zu schonen und sich wieder mehr auf militärische zu konzentrieren. Es gab auch bei den Briten Kritiker der Bombenoffensive.

Haben die Briten bei den Luftangriffen von Anfang deutsche Stadtzentren ins Visier genommen?

Nein. Zuerst galten sie militärischen Zielen, dann auch der deutschen Rüstungswirtschaft. Allerdings waren die Schläge nicht sehr effektiv. Es gab anfangs zu wenige Bomber, es mangelte an Präzision, und außerdem war die deutsche Luftabwehr zunächst relativ stark. Die Entscheidung, den Bombenkrieg zu intensivieren, fiel endgültig 1942. Fortan verlegte man ihn auch auf Wohnviertel, um die Moral der Deutschen zu treffen.

Archivfotos um den 13./14. Februar 1945 in Dresden und der darauf folgenden Monate

Warum kam es gerade Anfang 1945 zur Zunahme der Bombardements auf Ostdeutschland?

Dazu muss man sich die Lage zur Jahreswende 1944/1945 in Erinnerung rufen. Durch die Ardennen-Offensive der Deutschen befanden sich die Westalliierten eher in der Defensive. Sie baten Stalin um eine Offensive der Roten Armee, um die Westfront zu entlasten. Er kam dem auch nach. Die Weichsel-Oder-Offensive wurde zum riesigen Desaster für die Wehrmacht, zu einer der schwersten Niederlagen in der deutschen Kriegsgeschichte. Die Westalliierten standen nun in gewisser Weise unter Zugzwang, um ihrerseits einen Beitrag zum erfolgreichen Kriegsende zu leisten. Da sie das an der Landfront nicht schnell erreichen konnten, blieben ihnen nur Bombenangriffe.

Warum wurde Dresden so lange nicht angegriffen?

Das hing zum einen mit der weiten Entfernung zu England zusammen. Die Briten maßen Dresden zum anderen anfangs keine große Wertigkeit vor. Sie waren fixiert auf Städte wie Essen mit viel Rüstungsindustrie oder griffen große Städte wie Köln und Hamburg an, die vergleichsweise nah für die Bomber lagen. In Dresden wuchs erst während des Krieges die Rüstungsindustrie stark an.

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In Dresden und anderswo wurden mit Bombardements Feuerstürme entfacht. War das so gewollt?

Feuerstürme waren beabsichtigt. Sie wurden in Großbritannien und den USA vorher sogar wissenschaftlich untersucht. Ein Feuersturm lässt sich aber nicht planen. Viele deutsche Städte erlebten mehrere Bombenangriffe, aber nicht immer kam es zum Feuersturm. Er hängt von vielen Komponenten ab, von der Menge der verwendeten Brandbomben, vom Brandschutz vor Ort, der Lage der Stadt oder auch vom Verhalten der Bevölkerung. In Leipzig haben Menschen schon vor der Entwarnung die Luftschutzkeller verlassen, was sie am Ende wahrscheinlich gerettet hat. In Dresden sind viele in den Kellern erstickt.

Wie war Dresden Anfang 1945 auf Luftangriffe vorbereitet?

Es gab so gut wie keine Luftverteidigungskraft. Auf dem Flughafen standen ein paar Nachtjäger, die unter Spritmangel litten. Die meisten Flugabwehrgeschütze waren abgezogen. Man konnte sie auch zur Panzerbekämpfung verwenden. Ohnehin genoss die Luftabwehr bei Hermann Göring, dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, nicht die oberste Priorität. Man wollte in erster Linie die Industrie schützen, ein Schutz der Stadtbewohner hätte die Ressourcen überfordert. In der Bevölkerung gab es den Glauben, dass Dresden aufgrund seiner Bedeutung als Kulturstadt verschont würde.

Bis heute hält sich in Dresden die Auffassung, die Alliierten hätten mit Tieffliegern Jagd auf Menschen gemacht. Stimmt das?

Verschiedene Autoren behaupten, dass es einen systematischen Mord aus der Luft durch Tiefflieger gab. Dafür gibt es aber keine Belege. Helmut Schnatz wies aber nach, dass es am 14. Februar beim Angriff der Amerikaner einen Luftkampf über Dresden gab. Deutsche Jagdflugzeuge wollten sich amerikanischen Jägern im Sturzflug entziehen - das war eine übliche Taktik. Die Amerikaner versuchten die deutschen Jäger abzuschießen. Möglicherweise sind dabei Salven bis zum Boden gegangen.

Waren die Luftangriffe auf Dresden ein Kriegsverbrechen?

Das ist eine völkerrechtliche Frage. Es gibt Völkerrechtler, die diese Frage bejahen. Man muss das aber mit einem großen „Aber“ versehen. Man kann Dresden nicht ohne Kontext zum Kriegsverlauf sehen. Wenn Dresden ein Kriegsverbrechen war, dann waren das auch viele andere Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg - ob nun von Deutschen oder Alliierten begangen. Egal, wie man diese Bombardierung bewertet: Dresden taugt nicht zur Umdeutung des Krieges.

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Von Jörg Schurig, dpa