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Boxen Als Halmich Türen eintritt und Raab die Nase bricht
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Jubilarin Halmich: "Henry Maske des Frauenboxens"

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17:41 24.06.2020
Die ehemalige deutsche Boxsportlerin Regina Halmich. Quelle: Gerald Matzka/dpa-Zentralbild/ZB
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Hamburg

Beinahe jeden Schlag sieht die Box-Queen vor ihrem inneren Auge. Der Kampf an jenem 10. Juni 1995 hat sich ihr ins Gedächtnis gebrannt. Damals begründete sie eine neue Ära im deutschen Faustkampf.

"Die Bilder sind mir alle präsent. Ich weiß einzelne Kampfsequenzen, erlebe die Emotionen neu", sagt Regina Halmich über den ersten WM-Sieg einer deutschen Frau im Boxring. Vor 25 Jahren holte sie sich in Karlsruhe gegen die Amerikanerin Kim Messer den Titel des damals größten Frauenverbandes WIBF im Fliegengewicht. Weltmeisterin von 1995 bis 2007, weltbeste Boxerin 1997, 56 Profikämpfe, nur eine Niederlage - die heute 43 Jahre alte Karlsruherin hat für deutsche Sportlerinnen den Weg in eine bis dahin verschlossene Männerwelt geebnet.

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"Es war etwas so Besonderes, Exotisches - wie aus einer anderen Welt", sagt Halmich. "Die Medien haben sich aber erst schwergetan." Erst nach und nach wurden boxende Frauen ernst genommen und die Berichte in den Zeitungen länger. "Mir war die Aufgabe, die mir als Vorreiterin zugefallen war, erst gar nicht bewusst. Erst später habe ich bemerkt, welche Türen ich eingetreten hatte."

Universum-Chef Klaus-Peter Kohl schaffte es gar, Halmich im ZDF als Hauptkämpferin zu platzieren. Fünf bis sieben Millionen Zuschauer pro Duell waren der Lohn. Ihren letzten Kampf gegen die Israelin Hagar Shmoulefeld Finer am 20. November 2007 wollten gar 8,8 Millionen Box-Fans sehen. "Keine Frage: Sie ist der Henry Maske des Frauenboxens. Das war bahnbrechend", sagt Promoter Ulf Steinforth.

Heute stoßen sich nur noch wenige am Frauenboxen. "Früher musste man blöde Fragen beantworten: Fühlen Sie sich überhaupt weiblich?, wollten Reporter wissen. Heute wird das eine Boxerin nicht mehr gefragt. Das Frauenbild hat sich stark verändert", resümiert Halmich, die ihre Fangemeinde damals auch mit Nacktbildern im "Playboy" vergrößerte. Wo es jedoch keine Gleichberechtigung gibt: "Frauen im Ring verdienen deutlich weniger als Männer - damals wie heute."

Den Turbo in ihrer Karriere hatte sie 2001 mit einem Show-Kampf gegen Fernsehmoderator Stefan Raab angeworfen. 7,35 Millionen Zuschauer sahen bei "TV Total" zu, als das 1,60 Meter große Fliegengewicht das 37 Kilo schwerere Lästermaul vermöbelte und ihm die Nase brach. Das Duell bezeichnet sie heute als "medialen Durchbruch". "Anfangs war ich gar nicht begeistert von der Idee. Ich wollte als ernsthafte Sportlerin wahrgenommen werden, nicht als Show-Nummer", gesteht Halmich. "Doch er hat mich weiterhin provoziert in seinen Sendungen. Da wollte ich ihm zeigen, dass man mit Frauen so nicht umgeht."

Heute scheint das deutsche Frauenboxen am Boden. Keine Halmich, keine Ina Menzer, keine Daisy Lang, keine Susi Kentikian. "Der Eindruck trügt. Wir haben tolle Boxerinnen", meint Halmich und nennt die 18-jährige Berlinerin Sophie Alisch. "Für mich das größte Talent in Deutschland", sagt die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin. Weil die Männer derzeit nicht über Zugnummern verfügen, werden die Frauen jedoch mit in den Strudel von Ignoranz und Achtlosigkeit gezogen.

"International sieht es besser aus als zu Reginas Zeiten", behauptet SES-Promoter Steinforth. "Die größten Promoter in den USA und England haben Frauen in Top-Kämpfen am Start. Da wird gutes Geld verdient. Das ist Anreiz für unsere Mädchen." WBC-Weltmeisterin Tina Rupprecht (27 Jahre/Augsburg), WBC-, WIBF- und WBF-Weltmeisterin Sarah Bormann (30/Hanau), Europameisterin Nina Meinke (27/Berlin) und Ex-WBC- und WBO-Championesse Christina Hammer (29/Dortmund) sind neben Alisch die Aushängeschilder. Im Vergleich zu den Männern sei Frauenboxen "der ehrlichere Sport", meint der Karlsruher Manager Rainer Gottwald. "Da gibt es kaum K.o. Da fällt keine für Geld. Da geht es zur Sache."

© dpa-infocom, dpa:200607-99-342143/4

dpa