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Sport Regional Leipziger feiert EM-Premiere mit 31 Jahren
Sportbuzzer Sport Regional Leipziger feiert EM-Premiere mit 31 Jahren
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21:42 01.08.2018
Geschafft: Der Leipziger Marcus Schöfisch im Ziel des Hamburg-Marathons 2017. Quelle: Imago
Leipzig

Einmal im Auswahltrikot mit dem Adler auf der Brust starten – dieser Traum eines jeden Leistungssportlers geht für Marcus Schöfisch bei der Heim-EM kommende Woche in Berlin in Erfüllung. Wer das Trainingspensum und die Disziplin des Leipzigers verfolgt hat, kommt zu dem Schluss: Kaum einer hat sich das EM-Ticket so verdient wie der 31-Jährige, dessen Maxime lautet: „Laufen ist meine Leidenschaft – ich genieße jeden Kilometer.“

Doch wer ist dieser Spätstarter, den selbst Experten schon abgeschrieben hatten? Marcus Schöfisch stammt aus Stollberg im Erzgebirge und machte als Talent beim SV Sachsenring Hohenstein-Ernstthal auf sich aufmerksam. Als Jugendlicher lernte er die Sonnen- und Schattenseiten des deutschen Sportfördersystems kennen. Als Teenie war er schon einmal in Leipzig – doch als er an der Nordanlage des Sportforums auf der Matte stand, schauten ihn alle verwundert an. „Trainer Jörg Voigt, der mich geholt hatte, war am ersten Trainingstag plötzlich nicht mehr da.“

Also erlebte Schöfisch in Erfurt, wo Nils Schumann wenige Jahre zuvor zum Olympiasieger geformt worden war, die nächsten Höhen und Tiefen eines Sportlerlebens. „Ich war 2004 Nachwuchs-Bundeskader. Aber ich wurde in jungen Jahren fallengelassen und fühlte mich alleingelassen, wenn es nicht so gut lief. Keiner hat mit mir genau analysiert, woran die Stagnation lag. Der Druck war immer groß und ich hatte oft das Gefühl, meine Leistung ist nichts wert. Dann zerbricht man an den Ansprüchen von außen oder den eigenen.“ Kurzum: Als junger Athlet erhielt er nicht genügend Zeit, sich zunächst national zu behaupten. Die Normen seien zu früh an internationalen Top-Zeiten ausgerichtet gewesen.

Mit seiner Hindernis-Bestzeit von 8:55 Minuten sei er 2009 locker ins Finale der U23-EM gekommen – doch für die Titelkämpfe in Kaunas nominiert wurde er nicht. „Immerhin konnte ich als Teilnehmer des U23-Länderkampfes in Berlin WM-Luft schnuppern.“ Neun Jahre später schließt sich der Kreis – am 12. August wird Marcus Schöfisch von Tausenden EM-Zuschauern angefeuert werden.

Zwischenzeitlich war der Sachse in der Versenkung verschwunden. „Als ich 2015 am Tiefpunkt war, kam plötzlich Ronny um die Ecke.“ Gemeint ist sein Trainer Ronny Martick (34). Der frühere 800-m-Läufer vom LAZ Leipzig machte sich gerade als Personal Coach selbstständig. Sein Online-Portal lauftraining.com ist Anlaufstelle für Leistungs- und Hobbysportler sowie Verein in Kombination. Martick und Schöfisch starteten eine Marathon-Vorbereitung, die trotz eines zwischenzeitlichen Ermüdungsbruches im Kreuzbein schon ein Jahr später mit dem deutschen Meistertitel gekrönt wurde. Die vielen langen Einheiten absolvierte der Mann mit dem markanten Bart stets vor und nach seinem Vollzeit-Job bei der Landespolizei. Ronny Martick über die Reaktionen: „Viele meinten, Marcus sei mit Glück Meister geworden. Der Verband wusste teilweise gar nicht, ob er noch aktiv ist. Für uns war das Ansporn, noch einen draufzusetzen.“

2017 steigerte sich sein Schützling in Hamburg völlig durchnässt nach heftigen Hagelschauern um zwei Minuten auf 2:17:56 Stunden. Nun schien das EM-Ticket realistisch, er ließ sich halbtags freistellen, nahm finanzielle Einbußen in Kauf, um sich seinen Traum zu erfüllen. Auch seine Beziehung zerbrach im letzten Jahr.

Doch Marcus Schöfisch zog seine Mission durch – unterstützt unter anderem vom Psychologen Marc-Oliver Löw und vom Chiropraktor Sven Knipphals, der sich seinen EM-Traum mit der Sprintstaffel wegen einer hartnäckigen Leistenverletzung selbst nicht erfüllen konnte. Beim Showdown Ende April in Düsseldorf wurde auch Schöfischs dritter Marathon zur Erfolgsstory. Die erneute Bestzeit 2:15:59 brachte ihm das ersehnte Ticket, obwohl die Leistungsdichte in Deutschland so groß war wie seit zehn Jahren nicht. Martick: „Wir haben bewusst den Ball flach gehalten. Marcus sollte sich nicht wie früher von der Norm fertig machen lassen.“

Seit Mai wird Marcus Schöfisch wieder gefördert, meint aber: „Ich gehe trotzdem arbeiten, weil es mir Spaß macht und um Balance zu finden. Aber ich muss für Trainingslager keinen Urlaub mehr nehmen.“ Das Höhencamp im Juli in St. Moritz sollte einen neuen Reiz setzen. Nun kann Berlin kommen – dort geht es in der Europacup-Wertung auch um eine Teamleistung. Der Läufer aus Leidenschaft meint: „Ich genieße es, dass es diesmal um einen guten Platz geht und nicht um die Zeit.“

Von Frank Schober

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