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Top-Thema Dornröschen in der Waschanlage
Sonntag Top-Thema Dornröschen in der Waschanlage
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20:05 28.08.2015
Videoinstallation "Rumpelstilzchen erzählen" von Hannah Leonie Prinzler: Die Grimmwelt im hessischen Kassel ist fast fertig, sie wird am 4. September eröffnet. Quelle: Swen Pförtner/dpa

Von außen wirkt das weiße Knusperhäuschen licht und unschuldig. Aber das Kind, das sich hineinwagt, muss schon einen Mord begehen, um wieder hinauszukommen. Am hinteren Ende des niedrigen Raums glüht der Ofen, in den die Hexe hineingestoßen werden muss. Erst wenn das vollbracht ist, öffnet sich die Seitentür ins Freie. Töten oder getötet werden – so ist das eben bei "Hänsel und Gretel".

Zimperlich sind sie nicht gerade in der neuen Grimmwelt in Kassel. Aber Museumschefin Susanne Völker sieht dazu auch keinen Grund. "Die Kinder identifizieren sich nicht mit den Erwachsenen, die in einem Märchen Grausames erleiden, sie fühlen mit ihren Altersgenossen, und für die geht es meist gut aus", sagt die 36-Jährige. Zwar hat sie Verständnis dafür, wenn Eltern für ihre Kinder allzu gruselige Szenen beim Märchenerzählen abmildern oder ganz weglassen. Aber an dem Ort, der dem Wirken der Brüder Grimm gewidmet ist, wird nichts beschönigt, hier soll es authentisch zugehen.

Kennen Sie diese Märchen?

1. Teenager mit Liebeskummer verliert edelmetallenes Spielzeug und muss fürchterlichen Retter in Kauf nehmen.

Aber wie macht man das? Märchen werkgetreu darstellen, ohne in plüschiges Erzählertum zu verfallen? An die grimmschen Archetypen anknüpfen, die die Menschen weltweit im Kopf haben – böser Wolf, gute Prinzessin –, ohne in Klischees zu baden? Oder gar den jüngeren Besuchern allzu Grausames zuzumuten?

"Es ist gewissermaßen wie die Quadratur des Kreises", sagt Märchenpädagoge Oliver Geister, Dozent an der Universität Münster. Wenn man die Geschichten plastisch darstellen wolle, dürfe man die Gewalt nicht einfach ausblenden: "Sonst könnte das den Geschichten Eigentümliche leicht verloren gehen."

Aber allzu konkret muss es nach seinem Geschmack auch nicht werden. Andeuten, verfremden, auch mal abstrakt präsentieren sei besser, meint Geister. Allerdings sorgt er sich weniger um die Psyche der jungen Rezipienten als vielmehr um ihre Fantasie: "Allzu konkrete Darstellungen können bei Kleinkindern die eigenen Bilder im Kopf überlagern, die beim Vorlesen der Märchen entstanden sind", erklärt der Wissenschaftler.

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2. Spitzbärtiger Junggeselle verschafft sich mit besonderem Gürtel sorgenfreies Leben.

Tatsächlich lässt das Kasseler Konzept der Fantasie der Besucher sehr viel Freiraum. Statt historisierender Märchenbilder, nachgebauter grimmscher Schreibstuben oder gar Zwergen- wie Hexenfiguren ist auch der für Kinder gedachte Erlebnisbereich bewusst zurückhaltend, oft gar abstrakt gestaltet.

Raumhohe Säulen etwa, in grüne Kunststoffborsten gehüllt, simulieren Dornröschens Heckengestrüpp. Das Ganze erinnert auf den ersten Blick an eine Autowaschanlage. Aber die rauen Borsten kratzen sehr. Aus "Flüsterblüten", runden Lautsprechern in poppigen Farben, wispern Stimmen, hier und da stehen die Säulen so eng, dass kein Durchkommen ist. Jetzt fällt es plötzlich nicht mehr schwer, sich die Dornenhecke vorzustellen, die das Schloss mit der schlafenden Prinzessin uneinnehmbar machte.

Ein Stück weiter haben die Museumsmacher das Haus von Rotkäppchens Großmutter platziert. In der kleinen Hütte mit Fenster steht ein Bett, davor ein Stühlchen, auf dem die jungen Besucher Platz nehmen sollen. Noch sieht alles harmlos, fast heimelig aus.

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3. Kindergärtnerin überlebt dreifachen Mordversuch und heiratet reichen Junggesellen.

Aber auf das Bett wird dann die Gestalt des Wolfes projiziert, der soeben die Großmutter verschlungen hat. Das Tier bewegt sich und räkelt sich auf dem Bett. "Die Kinder können sehen, dass der Wolf nicht echt ist, sie können die Hand durch die Projektion schieben und merken dann, dass es nur Lichtstrahlen sind", beruhigt Völker. Die Moral von der Geschicht’: Auch die schlimmsten Monster sind nicht real. Bei aller Grausamkeit ist dies schließlich das Wesen der Märchen: Am Ende wird alles gut, nur die Bösen werden bestraft. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.

Da werden gemeine Frauen bei lebendigem Leib verbrannt, Fersen abgehackt, und in der Geschichte von der "Gänsemagd" wird eine Übeltäterin nackt in ein mit Nägeln beschlagenes Fass gesteckt und zu Tode geschleift. Da muss eine verhinderte Mörderin auf glühenden Kohlen tanzen, und am Ende des verlorenen Wettlaufs mit dem Igel fällt der Hase tot um. Viele Märchen erinnern mit ihrer archaischen Auge-um-Auge-Logik an antike Mythen. Die Geschichten lehren aber auch, dass der Märchenheld den Mächtigen nach dem Prinzip David gegen Goliath überwinden kann.

Der Gedanke der gerechten Strafe, Kernthema der "Schwarzen Pädagogik" des 19. Jahrhunderts, rief 100 Jahre später die Kritiker auf den Plan. In den Siebzigerjahren – soeben kam die antiautoritäre Erziehung in Mode – stellten Erziehungswissenschaftler infrage, dass die Märchen mit ihren drastischen Szenen und ihrem Loblied auf gutbürgerliche Tugenden den Kindern zuzumuten seien.

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4. Edelmetallfacharbeiter will anonym bleiben und läuft Amok bei der Durchsetzung überhöhter Lohnforderungen.

Hans-Jörg Uther, Göttinger Wissenschaftler und Mitherausgeber der "Enzyklopädie des Märchens", hält die Vorwürfe für unangebracht. "Bei den Grimms gibt es nicht mehr Gewalt als in der Bibel – aber niemand würde auf die Idee kommen, Kindern die Lektüre der Bibel zu verbieten."

Für die Kinder sei es wichtig, dass am Ende die Gerechtigkeit siegt. Die Bestrafung der Bösen stehe nicht im Fokus. "So gibt es zum Beispiel kaum bildliche Darstellungen der Gewaltszenen", erklärt Uther. Es sei etwas ganz anderes, als wenn eine Figur in einem Horrorfilm sinnlos mit einer Axt um sich schlage.

Was die Frage aufwirft: Ist die Botschaft der Märchen noch zeitgemäß? Lassen sich Kinder noch beeindrucken von bösen Hexen und gefräßigen Wölfen, wenn sie doch längst umgeben sind von Computerballerspielen, Zombiefilmen und jederzeit verfügbarem Internet-Gruseln?

Offenbar ja. "Manche Märchen sind bei uns tabu, weil sie die Kinder einfach zu sehr ängstigen", sagt ein Vater einer Siebenjährigen und eines Fünfjährigen. "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" etwa stehe auf dem Index – die Szenen in der Höhle, dem Zuhause des Teufels, seien den Kindern definitiv zu aufregend.

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5. Handwerkersöhne können nach einigen Lehrjahren den Eltern ein sorgenfreies Rentnerleben ermöglichen.

In anderen Familien haben längst neue, moderne Helden Schneewittchen und Co. abgelöst. "Unser Sohn findet Märchen langweilig, er hört lieber Geschichten vom Drachen Kokosnuss, der Tigerente oder dem Grüffelo", berichtet eine Mutter.

Nach Meinung von Märchenforscher Geister spielen die grimmschen Texte trotzdem auch heute noch eine große Rolle. Und nicht nur, wenn die Kinder noch klein sind. "Häufig werden die Hausmärchen in der Schule genutzt, um sich kreativ damit auseinanderzusetzen, indem man sie weiterschreibt oder in einen Comic umarbeitet", sagt er. Das "in erzieherischer Hinsicht wohl einflussreichste deutsche Buch überhaupt" wird seiner Meinung nach in der zeitgenössischen Pädagogik aber viel zu wenig gewürdigt.

Tatsächlich waren die Grimms die Ersten, die eine Märchensammlung ausdrücklich an Kinder adressierten. Die Vorstellung von Kindheit als eine vom Erwachsenenalter abgegrenzte Entwicklungsphase hatte sich erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung herausgebildet. In diesem Kontext, so betont Museumschefin Völker, müssten auch die heute teils brutal anmutenden Texte gesehen werden: "Damals galten andere Erziehungsideale als heute, entsprechend drakonisch fällt dann auch oft die 'gerechte' Strafe im Märchen aus."

Es gibt allerdings auch Texte, in denen Unschuldige Gewalt erfahren, so etwa in der weniger bekannten Grimm-Geschichte "Die alte Bettelfrau". Darin kommt die Protagonistin mit ihrem Lumpengewand zu nah ans Feuer und verbrennt. In "Herr Korbes" wird ein Greis mit einer Nadel malträtiert. Wilhelm Grimm ergänzte hier später den Satz: "Das muss ein recht böser Mann gewesen sein." Damit rechtfertigte er die Gewalt im Sinne einer moralischen Weltordnung, welche die Bösen bestraft und die Guten davonkommen lässt.

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6. Trachtenkleid tragende Schülerin eilt durch den Thüringer Wald, will Altenhilfe leisten, wird aber von einer wilden Bestie gestoppt.

Mit solchen Eingriffen wollten die Kasseler Germanisten die überlieferten Märchen populärer und kindgerechter gestalten. Museumschefin Völker ergänzt das Beispiel von Rapunzel: In den frühen Fassungen spürte die Prinzessin im Turm auf einmal ihre Kleider enger werden – schuld waren die Besuche des Prinzen. Diese Andeutung einer Schwangerschaft haben Jacob und Wilhelm Grimm später wegzensiert.

Als Quellen für ihre Sammlung dienten den Grimms Textvorlagen vor allem aus dem Italienischen und Französischen, aber auch sogenannte "Märchenzuträger", die den Brüdern die Geschichten vortrugen. Dabei zensierten die Grimms die oft noch brutaleren Ursprungsgeschichten. In den frühen französischen Volksmund-Versionen des "Chaperon Rouge", des Rotkäppchens, triumphierte zum Beispiel noch der grausame Menschenfresser, der Werwolf.

Der Märchensammler Charles Perrault machte daraus im Jahr 1697 eine Vergewaltigungsgeschichte. Die rote Kappe steht dabei symbolisch für die gewaltsame Entjungferung. Noch in Ludwig Tiecks Versdrama "Leben und Tod des kleinen Rotkäppchen" aus dem Jahr 1800 musste das Opfer sterben. Doch Tieck erfand die Figur des Jägers hinzu, dem dann auch in den 1812 veröffentlichten "Kinder- und Hausmärchen" der Grimms die Rolle des Strafrichters zukommt.

Rotkäppchens Aufstieg vom Opfer zur Heldin war allerdings mit der grimmschen Version noch nicht beendet. Der Kinderbuchautor Roald Dahl ("Charlie und die Schokoladenfabrik") machte die Figur 1982 in einem ironischen Gedicht zur toughen Wolfsjägerin: "The small girl smiles. One eyelid flickers. / She whips a pistol from her knickers. / She aims it at the creature’s head, / And bang bang bang, she shoots him dead." ("Das kleine Mädchen lächelt, ein Augenlid zuckt. / Sie zieht eine Pistole aus ihrem Höschen / Und zielt auf den Kopf der Kreatur. / Und peng, peng, peng schießt sie ihn tot.")

Auflösung

1. Froschkönig; 2. Das tapfere Schneiderlein; 3. Schneewittchen; 4. Rumpelstilzchen; 5. Tischlein deck dich; 6. Rotkäppchen

Am Ende tauscht die Siegreiche ihr rotes Käppchen gegen das Wolfsfell – das Opfer hat sich die Brutalität seines Gegners zu eigen gemacht. Aktuelle Märchenfilme stellen die Gewalt der Geschichten ins Zentrum. In dem Kinofilm "Hänsel und Gretel" (2013) etwa gehen die Geschwister in bester Quentin-Tarantino-Manier mit überdimensionalen Waffen auf Hexenjagd, bis die Leichenteile nur so fliegen. Und die US-Fernsehserie "Grimm" kommt gleich wie eine klassische Krimiserie mit fantastischen Elementen daher.

Ob das den Brüdern aus Kassel gefallen hätte? Vermutlich hätten sie erkannt, dass der Zeitgeist auch vor überlieferten Texten nicht haltmacht, schließlich waren die Grimms sehr offen für neue Einflüsse. Und vielleicht hätte ihnen gefallen, dass selbst in noch so blutigen modernen Interpretationen doch zumeist das Gute siegt.

Insofern haben Grimms Märchen ihr Ziel erreicht: Die bezwingende moralische Logik der Geschichten ist ins kollektive Gedächtnis geradezu eintätowiert. In der Kasseler "Grimmwelt" wird auf äußerst geschickte Weise dieses Reservoir angetickt und aktiviert. Und hier und da sogar mit einem Augenzwinkern: Wer die Hexe nicht töten mag, kann auch einfach umdrehen und zur Vordertür wieder aus dem Häuschen hinausspazieren.

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