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Reisenews Das Visum gibt's am Bahnhof - und Lenin überall
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Das Visum gibt's am Bahnhof - und Lenin überall

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05:00 17.09.2020
Der Fluss Dnister durchfließt die Ukraine und die Republik Moldau - und die Stadt Tiraspol in Transnistrien. Quelle: Michele Grimaz/National Inbound Tourism Association of Moldova/dpa-tmn
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Tiraspol

Der Fahrplan am Bahnhof von Tiraspol ist ebenso überschaubar wie die Zahl der ankommenden Ausländer. Gerade rollt der Zug aus Moldawiens Hauptstadt Chisinau in Transnistriens Hauptstadt ein, er wird von hier weiter ans Schwarze Meer fahren.

Transnistrien sagte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion umgehend von der gerade unabhängig gewordenen Republik Moldau los, wird aber nicht einmal von Russland anerkannt - und ist vielen Reisenden suspekt. Doch wer ein paar Tage in Tiraspol bleibt, kann seine Vorurteile möglicherweise abbauen.

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Devisentausch und Sowjet-Glorifizierung

Keiner der vier Ausländer wartet heute früh mehr als zehn Minuten am Schalter auf sein Visum, das es auch an den Grenzstraßen gibt. Die Menschen auf der Straße machen einen zurückhaltenden und freundlichen Eindruck. Keiner hält die Hand auf. Die Toilettenfrau am Bahnhof bleibt jedoch unerbittlich und öffnet auch für einen Euro nicht die Tür. Zum Glück hilft die Dame am Wechselschalter, tauscht Euro in Transnistrische Rubel. Damit öffnen sich - für Touristen extrem preiswert - Taxis, Busse, Märkte und Restaurants. Und Toiletten.

Die City hat keine klassischen Sehenswürdigkeiten, aber gleicht einem Freilichtmuseum voller sowjetischer Errungenschaften (Panzer, Paradeplätze, Büsten und Statuen von Lenin und anderen Helden des Kommunismus) - sie ist ziemlich einzigartig. Hammer und Sichel, Symbol des Marxismus-Leninismus, prangen auf Fahnen.

Ein Bummel durch die Stadt

Tiraspol ist in drei Stunden bequem zu Fuß zu erkunden. In den Straßen mit den Namen von Rosa Luxemburg, Karl Marx und Lenin stehen Wohnblöcke mit gepflegtem Grün und Spielplätzen. Vielerorts schaukeln und klettern Kinder. Am Bummelboulevard Straße des 25. Oktober schmücken Blumen, blühende Sträucher und Nadelhölzer die Bürgersteige. Kein Abfall am Straßenrand.

Läden, Supermärkte und ein großer "Cyber Shop" wechseln sich mit Amtsgebäuden, Cafés und Restaurants ab. Das "Mafia" hat flächenmäßig sozialistische Größe. Auch draußen sitzen an diesem sonnigen Samstag viele Kunden, genießen Limo, Bier, Blini, Steak und Schokoladentorte.

Der Suworow-Platz eignet sich für Paraden und ist umsäumt von Grünanlagen, Fahnen, Verwaltungsgebäuden, Monumenten und Denkmälern. Stadtgründer Alexander Suworow grüßt auf steinernem Ross. In der Nähe fotografiert ein Vater seinen Nachwuchs auf einem sowjetischen T-34 Panzer, Teil der Ehrengedenkstätte für im Krieg gefallene Soldaten.

Auf dem Zeleny-Markt wird der Geldbeutel geschont. Ein Kilogramm frisch geschälter Walnüsse zum Beispiel kostet umgerechnet nur 2,50 Euro. Bauern aus nahen Dörfern bieten auch Melonen, Äpfel, Gewürze, Tomaten und Kartoffeln an. Ein paar Schritte vom Markt entfernt steht die erst 20 Jahre alte Russisch-Orthodoxe Kathedrale der Stadt mit golden glänzenden Kuppeln. Am nahen Fluss Dnister dröhnt Musik von einem der wenigen Ausflugsdampfer. Am Ufer turteln Liebespaare.

Umsonst ins Stadion

Am modernen Fußballstadion des FC Sheriff Tiraspol gibt es ein paar Verständigungsprobleme. Alle Kassen sind geschlossen. Doch die Einheimischen gehen durch Drehkreuze und Taschenkontrollen. Ein Ordner sieht den hilflosen Touristen, öffnet das Drehkreuz und ruft laut: "Free, free!" Freier Eintritt. Die Heimmannschaft gewinnt 5:0. Sie ist Meister Moldawiens und hat Erfahrung in der Europa League.

Aus Sicht der Regierung in Chisinau ist Tiraspol voller Teil Moldawiens. Und die Kicker vom FC Sheriff sind glücklich, dass sie nicht gegen transnistrische Dorfvereine antreten müssen. Im Sport ist hier die Welt einfacher als in der Politik.

© dpa-infocom, dpa:200916-99-586451/3

dpa