Zum 75. Todestag von Käthe Kollwitz – Ehrung und Erinnerung in Moritzburg
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Umland Zum 75. Todestag von Käthe Kollwitz – Ehrung und Erinnerung in Moritzburg
Region Umland Zum 75. Todestag von Käthe Kollwitz – Ehrung und Erinnerung in Moritzburg
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13:20 22.04.2020
Käthe Kollwitz 1944 auf dem Balkon in Moritzburg Quelle: privat
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Moirtzburg

„Oftmals wurde geehrt und ausgiebig“, heißt es bei Brecht. Im Gedicht „Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin“ kritisiert er leere Denkmalsriten und fordert stattdessen lebendiges Fortwirken. Das gilt auch für das Andenken von Künstlerinnen und Künstlern, wo gut gemeintes Lob ebenfalls oft zu unfruchtbarer Heldenverehrung gerät, die mehr über die jeweilige Zeit aussagt als über die Geehrten.

Von der NS als „entartet“ verfemt

Käthe Kollwitz ist so ein Fall. Person und Kunst der 1867 in Königsberg geborenen Wahl-Berlinerin, die 1898 mit dem grafischen Zyklus „Ein Weberaufstand“ bekannt wurde, sind bis heute wirksame Projektionsflächen. Sie stehen für Leid und Tod, für das, was soziale Ungleichheit und Kriege Menschen antun. Kollwitz verlor im Ersten Weltkrieg ihren 18-jährigen Sohn, im Zweiten Weltkrieg den Enkel. Diese Verluste waren ihr Antrieb, Tod und Trauer in Mahnmälern für den öffentlichen Raum Ausdruck zu geben und anzuklagen – doch existenzielle Themen behandeln ihre Werke schon Jahrzehnte zuvor.

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Zusammen mit Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck zählt Kollwitz zu den prominentesten Bildhauern, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt wurden. 1933 musste sie aus der Preußischen Akademie der Künste austreten, 1936 wurden Werke aus einer Akademieschau entfernt, sie erhielt Ausstellungsverbot. Trotz dieser Repressalien beendete Kollwitz die Gruppe „Mutter mit zwei Kindern“, daneben kleine Plastiken. 1941 schuf sie die Lithografie „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“, eine Art Essenz ihrer pazifistischen Haltung.

Zum Schutz vor den Bombardements auf Berlin flüchtete Kollwitz 1943 ins thüringische Nordhausen, im Sommer 1944 nach Moritzburg – auf Einladung ihres Bewunderers des Kunstliebhabers Prinz Ernst Heinrich. Der jüngste Sohn des letzten sächsischen Königs ließ ihr im sogenannten Rüdenhof am Schlossteich, dem Haus der Grafenfamilie zu Münster, zwei Zimmer einrichten, wo die geschwächte, zunehmend erblindende Künstlerin von Schwester, Nichte und Enkelinnen gepflegt wurde. Sie starb am 22. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende.

In der DDR als „Tugendexempel“ gefeiert

In der DDR gehörte Kollwitz – nach den Schmähungen der Formalismus-Debatte Anfang der 1950er-Jahre – zu den als ideologische Tugendexempel hochgehaltenen Künstlern. Neben Barlach galt sie als Hauptvertreterin der humanistischen, realistischen und „damit gesetzmäßig antifaschistischen“ Strömung der Kunst des 20. Jahrhunderts, so Peter Feist 1970 im Neuen Deutschland. In einer ahistorischen Gleichmachung wurde Kollwitz– ebenso wie andere sozialkritische Künstler – als vermeintliche Vorläuferin und Kämpferin für das herrschende System vereinnahmt. Diese Sichtweise prägte auch die Rezeption in Westdeutschland: Gegenüber der vermeintlichen Kommunistin Kollwitz war man skeptisch.

Angesichts dieser wechselvollen Wirkungsgeschichte wird deutlich, dass Person und Werk viel zu oft in eins gesetzt wurden, sodass andere Facetten des Wesens und Wirkens der Künstlerin verblassten: Etwa, dass sie ausgelassen und sehr fröhlich sein konnte, mit ansteckendem Lachen. Oder dass sie ein Leben lang Goethe verehrte und seine Schriften wie die eines Vertrauten las. Eine Maske des Dichters hing über ihrem Bett in Moritzburg, die sie sich reichen ließ und mit geschlossenen Augen betastete.

Neben ihren gesellschaftskritischen Arbeiten schuf sie sinnliche Aktdarstellungen und Liebespaare und legte selbst großen Wert darauf, dass man vom Motiv nicht auf ihre Gesinnung schließen könne. Anlässlich der Einladung der Familie Liebknechts, den Ermordeten auf dem Totenbett zu zeichnen, notierte Kollwitz im Tagebuch: „Ich hab als Künstler das Recht, den Abschied der Arbeiterschaft von Liebknecht darzustellen, [...] ohne dabei Liebknecht zu folgen. Oder nicht?“ Die Darstellung des Arbeiterführers macht aus deren Schöpferin keine Kommunistin. Thema, Herstellungskontext, Form und Art der Umsetzung müssen stets aufs Neue genau betrachtet werden, um interpretatorische Kurzschlüsse zu vermeiden.

Gedenkstätte entsteht erst nach der Wende

Auch die Einladung des Wettinprinzen nach Moritzburg passte nicht ins offizielle Kollwitz-Bild in der DDR, weshalb der letzte erhaltene Wohn- und spätere Sterbeort der Künstlerin trotz vielfältiger Bemühungen zu DDR-Zeiten nie zur Gedenkstätte wurde. Das konnte erst 1995 realisiert werden, 50 Jahre nach Kollwitz’ Tod.

Gustav Seitz: Käthe Kollwitz, 1957, Bronze, Ansicht aus der Dauerausstellung. Quelle: Archiv Käthe Kollwitz Haus Moritzburg

Heute sind ihr die oberen Räume des Hauses in Moritzburg gewidmet: Neben den wichtigsten grafischen Folgen, einigen berührenden Selbstbildnissen und zwei Plastiken werden Fotografien der Künstlerin, ein Foto des früheren Aussehens des Sterbezimmers sowie Brief- und Tagebuchauszüge präsentiert, ohne einem Personenkult zu verfallen. Vielmehr entsteht ein „atmosphärisches Puzzle“, so Museumsleiterin Sabine Hänisch.

Um einen Bezug zur Gegenwart herzustellen ist das Erdgeschoss Wechselausstellungen vorbehalten, darunter Arbeiten der Käthe-Kollwitz-Preisträger. Außerdem gibt es eine Druckwerkstatt, die einen Einblick in die von der Künstlerin so meisterhaft beherrschten grafischen Techniken bietet. Diese pries am Lebensende „die Weite des Blickes“ aus dem Moritzburger Eckzimmer – damals wie heute ein kluges Motto für ein Museum.

Über die letzten Lebensmonate von Käthe Kollwitz in Moritzburg und ihre Bekanntschaft mit Prinz Ernst Heinrich von Sachsen erschien 2017 die Broschüre „Auf eine Arbeit schreib ich ihm eine Widmung...“ (Text: Margitta Hensel, Gestaltung: Jochen Stankowski). Der Katalog kann zum Preis von 5 Euro (zzgl. Porto) im Käthe Kollwitz Haus bestellt werden: per Telefon unter 035207 82818 oder Mail an info@kollwitz-moritzburg.de.

Öffnungszeiten des Museums von April bis Oktober: Mo bis Fr 11 bis 17 Uhr, Sa und So 10 bis 17 Uhr. Derzeit wegen der Corona-Pandemie geschlossen, aktuelle Informationen unter Tel. 035207 82818.

Von Teresa Ende

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