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Umland Zu wenig Ruhe: Hohe Brutverluste bei Wanderfalke und Co.
Region Umland Zu wenig Ruhe: Hohe Brutverluste bei Wanderfalke und Co.
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15:27 04.06.2019
Junge Wanderfalken in einem Horst.
Junge Wanderfalken in einem Horst. Quelle: Mike Jäger
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Sächsische Schweiz

Für Vogelexperte Ulrich Augst ist es ein alljährliches Ritual: Im Frühjahr gibt er den Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz ihren „Personalausweis“. Mit einem Pass vergleicht der 61-Jährige den Ring, den er um ein Bein der Jungtiere legt. Jede Ringnummer gibt es nur einmal. Und wenn er künftig einen der Vögel mit seinem Fernrohr in der Luft erspäht, kann er ihn zweifelsfrei identifizieren und zuordnen. Doch seit Jahren ist die Zahl der Passträger rückläufig.

15 Paare haben auf dem sächsischen Gebiet in diesem Jahr gebrütet. Aber nur bei fünf sind auch Jungvögel geschlüpft. Bei zehn ging die Brut komplett verloren. „Das ist ganz schlecht“, wie Augst, Artenspezialist für Wanderfalke, Uhu und Schwarzstorch, berichtet.

Ulrich Augst beringt junge Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz. Quelle: Mike Jäger

Mit der Böhmischen Schweiz zusammen gibt es insgesamt 30 Brutpaare im Elbsandsteingebirge. Sie kommen nur noch im Schnitt auf 0,7 Küken pro Nest. Minimum wären aber 1,2 Jungtiere, „sonst geht der Bestand zurück“, so Augst. Als es den Wanderfalken in der Felsenwelt noch gut ging, lag der Durchschnittswert des Nachwuchses pro Ge­lege bei 2,5.

Passanten stören die Brut

Eine Erklärung für den Rückgang ist der Mangel an Futter. 30 Brutpaare vertilgen pro Tag rund 120 Tauben. Fangen die Alttiere dagegen „nur“ Stare, Drosseln oder Buchfinken, benötigen sie entsprechend eine höhere Zahl dieser Vögel, um den eigenen und den Fleischbedarf ihres Nachwuchses täglich zu decken. „Finden sie nicht ausreichend Futter, legen sie weniger Eier“, so Augst. Statt vier sind es dann halt nur zwei. Weniger Eier sind aber kein Grund dafür, dass das gesamte Gelege verloren geht.

Die steigende und hohe Zahl an Brutverlusten rührt laut Augst nicht vom Futtermangel her, sondern ist störungsbedingt. Zu viele Menschen sind in der Sächsischen Schweiz und in der Kernzone des Nationalparks unterwegs. Und wenn jederzeit Wanderer, Kletterer und Boofer herumkrakeelen und den Horsten der Wanderfalken zu nahe kommen, fühlen sich die Tiere gestört und geben ihr Gelege auf. Zwar weisen Augst und die Nationalparkverwaltung jedes Jahr Horstschutzzonen aus. Doch die Schilder werden nicht nur bloß ignoriert, sondern auch umgeknickt, umgedreht oder auf eine andere Art und Weise beschädigt. Sie wurden mitunter schon als Brennmaterial für illegale Feuer missbraucht.

Bei den Nachbarn läuft es besser

In der Böhmischen Schweiz ist ein besserer Bruterfolg bei Wanderfalken zu beobachten. Verließen im vorigen Jahr bei insgesamt 16 Brutpaaren nur 14 Jungtiere die Nester im sächsischen Teil des Elbsandsteingebirges, brachten im tschechischen Gebietsteil 13 Paare 21 Jungvögel zum Ausfliegen. Mehr Bruten sind dort auch bei anderen bedrohten Arten wie Uhu und Schwarzstorch zu beobachten. Angesichts der besseren Bruterfolge in der Böhmischen Schweiz mahnt Augst ein Umdenken an.

Denn in Böhmen werden die Horstschutzzonen großzügiger ausgewiesen, in Sachsen sind sie dagegen nur so groß wie nötig. Die Ausschilderung beziehungsweise Sperrung des Gebiets erfolgt auf deutschem Beritt erst nach einem Horstfund, in Tschechien dagegen schon vor Beginn der Brutzeit am 1. März. Während Klettern in der Sächsischen Schweiz fast uneingeschränkt das ganze Jahr über möglich ist, ist es in der Kernzone des Nationalparks Böhmische Schweiz im ersten Halbjahr verboten. Dort gilt auch ein generelles Boofenverbot im Nationalparkgebiet.

Der Schutz der Brutplätze erfordert laut Augst neue Maßnahmen, sonst kann es passieren, dass sich die eine oder andere Art aus der Sächsischen Schweiz wieder verabschiedet. Deshalb wurden in diesem Jahr Horstschutzzonen bereits zeitiger und größer ausgeschildert. Wenn diese Maßnahmen aber Erfolg bringen sollen, müssen sich die Menschen auch an die Ausschilderung halten und die Horstschutzzonen nicht betreten.

Der Wanderfalke gilt als schnellster Vogel der Welt. 1972 war der Raubvogel im Elbsandsteingebirge ausgestorben. 1989 begann ein Wiederansiedlungsprogramm.

Von Silvio Kuhnert