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Umland Tango-Spurensuche im Erzgebirge
Region Umland Tango-Spurensuche im Erzgebirge
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14:00 19.08.2018
Der Bandoneonist des Gran Orquesta de Tango Carambolage greift in der Johannstadthalle in die Tasten. Quelle: Foto: Anja Schneider
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Dresden

Wer sich auf Spurensuche zu den Anfängen des Tango begibt, landet auch im Erzgebirge. Zugegeben, bei Gedanken an Schwibbogen und Räuchermännchen tauchen eher selten Assoziationen mit dem feurigen Tanz auf. Das ging vermutlich auch Carl Friedrich Uhlig Mitte des 19. Jahrhunderts in Chemnitz so, als er sich wie viele seiner Zeitgenossen im Erzgebirge vertieft dem Musikinstrumentebau widmete. 1834 fertigt Uhlig die erste Deutsche Concertina, ein viereckiges Knopfinstrument mit 20 Tönen. Es ähnelt einem Akkordeon, hat allerdings keine fest verbauten Akkorde, sondern durchgängige Einzeltöne.

Fas zwanzig Jahre später nimmt Heinrich Band, ein Musikinstrumenten-Händler in Krefeld, einige Änderungen an der Concertina vor. Er erweiterte das Tonspektrum der Instrumente, die er unter anderem in Sachsen erwarb und taufte das Instrument auf den Namen „Bandonion“, dessen Schreibweise später in „Bandoneon“ geändert wurde. Bis heute ist das Bandoneon in jedem Tango-Orchester vertreten. Und: Einige Bandoneons werden immer noch aus dem sächsischen Klingenthal nach Argentinien importiert. Dort hat die „Bandonion & Concertinafabrik Klingenthal“ ihren Sitz. Der Tango-Tanz zu der oft melancholischen Musik mit Orchester entwickelt sich aus verschiedenen internationalen Einflüssen Ende des 19. Jahrhunderts in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Mit großen Hoffnungen kamen viele Einwanderer, besonders aus Südeuropa, nach Argentinien. „Die jungen Männer hofften auf ein besseres Leben und den baldigen Nachzug ihrer Familien“, erklärt Christian Kettner, Vorstandsmitglied bei „Bailamos – Die Dresdner Tangogalerie“. Allerdings zerplatzen die Träume, die Hafenregion von Buenos Aires entwickelte sich zu einem sozialen Brennpunkt. „Die enttäuschten Träume spiegeln sich auch in der Tango-Musik wieder“, sagt Kettner.

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Zu den Instrumenten gehörten zunächst Flöte, Violine und Gitarre. Die Polen brachten ihre Mazurka mit ein, die Böhmen die Polka. Deutsche Einwanderer brachten das Banoneon hinzu, das zum typischen Tango-Instrument avancierte. Außerdem brachten sie Elemente des Walzers, heute als „Tango-Vals“ bekannt, und den Ländler mit seinen vielen Drehungen mit ein. Die Tangomusik wird klassischer Weise von einem Orchester gespielt – doch es gibt auch Stücke mit Gesang. Ein Problem für den klassischen Paartanz: In den Brennpunktregionen beträgt das Geschlechterverhältnis damals eins zu zehn.

Der „Frauenmangel“ führte auch dazu, dass Tango traditionell mit vielen Partnerwechseln getanzt wird. „Außerdem haben Männer oft mit Männern getanzt, um zu üben und brillieren zu können, wenn sie mit einer Frau tanzten“, erklärt Kettner. Noch heute versuchen viele Männer beim Tango so zu tanzen, dass die Frau in ihren Armen möglichst gut dabei aussieht.

Der Tango wurde salonfähig und schaffte kurz vor dem Weltkrieg den Sprung in die feine Pariser Gesellschaft. Wer damals etwas auf sich hielt, imitierte den französischen Lebensstil – so breitete sich der Tango in Europa aus. Nach der Wende etablierte sich der Tango in Dresden und „wurde in Dresden zum Selbstläufer“, wie Kettner berichtet. „Mittlerweile kann an fast jedem Tag in der Woche irgendwo in Dresden Tango getanzt werden“, ergänzt Susanna Kettner. Die 49-Jährige gehört ebenfalls zum Vorstand von Bailamos. Mehr als zehn Tango-Schulen, -Studios und -Lehrer gibt es mittlerweile in der Landeshauptstadt.

Von Tomke Giedigkeit

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