Stadtmuseum: So kam die Perlenweberei nach Annaberg-Buchholz
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Stadtmuseum: So kam die Perlenweberei nach Annaberg-Buchholz

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14:07 20.07.2020
Für Nicht-Erzgebirger vielleicht etwas schwer zu erkennen, aber es handelt sich um Annaberg-Buchholz auf dieser Darstellung.
Für Nicht-Erzgebirger vielleicht etwas schwer zu erkennen, aber es handelt sich um Annaberg-Buchholz auf dieser Darstellung. Quelle: C. Ruf
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Annaberg-Buchholz

Die Kunst, aus Glasperlen Schmuckstücke zu verfertigen, ist alt. Schon in der Antike gab es eine Glasperlenindustrie. Später war dann erst mal Venedig beziehungsweise die vorgelagerte Insel Murano federführend in der Herstellung der kostbaren, lichtsprühenden Glaskügelchen. Obwohl es den venezianischen Glasmachern bei Strafe verboten war, auszuwandern und das Geheimnis der Perlenerzeugung zu verbreiten, gelangte die Kunst nach Mitteleuropa. So entstanden in Böhmen, Sachsen, Thüringen, im Fichtelgebirge und im Bayerischen Wald Glashütten, in denen man aus langen, von Hand gezogenen Glasröhrchen mit winzigem Durchmesser die kleinen Rocaille-Perlen schnitt.

Nichts, was nicht mit Perlen verziert war

Waren es anfangs Klöster, in denen christliche Schaubilder aus Perlen verfertigt wurden, gelangte das Kunsthandwerk spätestens im 17. Jahrhundert in die privaten Haushalte. Fortan waren es vor allem Frauen, die ihr Können von Generation zu Generation weitergaben und mit geschickter Hand perfektionierten. Heute ist der Ausdruck „Perlenstickerin“ geläufig. Tatsächlich aber wurde im 18., vor allem aber im 19. Jahrhundert in der Hauptsache gestrickt – mit kostbaren, auf Faden aufgespulten winzigen Glasperlen.

So gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wenig in einem gehobenen Haushalt, was nicht mit den dekorativen Schmuckstücken überzogen war: Teedosen, Bestecke, Brieftaschen, Klapptische, Schuhe, Babymützchen, Sonnenschirme und Bucheinbände waren mit aufwendigen Girlanden, Blumenmustern, Chinoiserien und Landschaftsidyllen verziert. Bald gelangte die Perlenkunst in die Hände von Heimarbeiterinnen und Kindern, die nach vorgezeichneten „Fassvorlagen“ und „Fassbriefen“ Taschen, Beutel und eine Vielzahl anderer Accessoires herstellten.

Florale Motive wurden auch immer wieder gern umgesetzt. Quelle: C. Ruf

Der Perlweberei ist auch eine Ecke und Vitrine im Erzgebirgsmuseum in Annaberg-Buchholz gewidmet. Vermittelt wird, dass erzgebirgische Perlarbeiten, meist Beutel und Taschen, als Geschenke Verwendung fanden. Je nach Herstellungsart können sie der Perlstickerei oder Perlhäkelei zugeordnet werden. Die Region um Annaberg und Buchholz war seit dem 16. Jahrhundert das Zentrum der Posamentenherstellung im Erzgebirge. Je nach vorherrschender Mode waren die Besätze häufig mit Glasperlen verziert. Fransen und Bänder strahlen im Glanz verschiedenfarbiger Perlen. Vor allem im Raum Eibenstock wurden ganze Kragen und Kleider mit Glasperlen bestickt.

Neue Berufe entstehen

Im 19. Jahrhundert wurden Perlstickereien auf Gebrauchsgegenständen immer beliebter. Deren Herstellung war aber mühselig und teuer. 1867 ließ sich Bruno Schneider ein Herstellungsverfahren patentieren, mit dem Perlgewebe auf Handwebstühlen produziert werden konnte. Im selben Jahr errichtete er eine mechanische Perlweberei in Buchholz.

Verarbeitet wurden anfangs Glasperlen aus Venedig, später dann auch etwas größere Perlen aus dem böhmischen Gablonz. Die Perlweber bekamen die winzigen Glaskugeln zu Strängen aufgefädelt geliefert. So konnten sie sicher sein, dass auch jede Perle ein Loch hatte. Mit der Einführung dieser Perlwebtechnik durch die Firma Bruno Schneider in Buchholz begann ein reger Absatz in zahlreiche europäische Länder. Auf kleinen Webstühlen wurden die – nach einer auf Quadratpapier angefertigten Vorlage abgezählten – bunten Perlen auf einen Faden als Kette eingewebt. Diese Perlenketten „waren äußerst haltbar und fest“, wird auf einem Info-Text im Erzgebirgsmuseum von Annaberg-Buchholz versichert.

Durch die guten Absatzmöglichkeiten entstanden neue Berufe wie Perlweber, Fädler, Zeichner, Perlfärber und Täschner. 1901 entwickelte die erzgebirgische Posamentenindustrie mit dem Jacquard-Karten-System eine neue Technik, die eine „völlig mustergetreue Vervielfältigung“ ermöglichte, „die Herstellung von wunderschönen Perlmustern auf dem Posamentierhandstuhl“. Diese Produktionsform ist nur noch im Erzgebirge zu finden.

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Von Christian Ruf