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Umland Sebastian Hennig hat ein schwer verdauliches Pegida-Buch geschrieben
Region Umland Sebastian Hennig hat ein schwer verdauliches Pegida-Buch geschrieben
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10:28 15.12.2015
Der Radebeuler Künstler und Publizist Sebastian Hennig. Quelle: Sven Abraham
Radebeul/Dresden

Was fühlt man als denkender Mensch bei einer Pegida-Versammlung? Wie ergeht es einem Muslim unter den selbsternannten "Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes"? In seinem Buch "Pegida. Spaziergänge über den Horizont" gibt der Radebeuler Maler und Journalist Sebastian Hennig Antworten auf diese Fragen. Widersprüchliche Antworten. Was in dieser subjektiven Pegida-Chronik, die in etwa das erste Jahr der Fußgänger-Bewegung behandelt, auch und vor allem an der Person Hennigs liegt.

Hennig, ein erklärter Nichtwähler, ist in den 90ern zum Islam konvertiert, was er nicht in den Vordergrund spielen möchte, aber auch nicht verschweigt. In etwa zur gleichen Zeit hat sich der Künstler Hennig zum Kunstkritiker gemausert, aus Enttäuschung über den Zustand der gegenwärtigen Kunstkritik, die eher einer Kunstbeschreibung ähnele, wie er sagt. Seine provokanten, fundierten Texte hat er bis zum November 2011 auch bei den DNN veröffentlicht, bis sich die Redaktion von ihm trennte, weil er auch für die Wochenzeitung "Junge Freiheit" schrieb, die sich für das Sprachrohr einer neuen Rechten hält. Hennig erwähnt auch das in seinem Buch. "Ich will nicht verschweigen, daß ich oft entmutigt einherging, aber auch nicht, was mich heilte und wieder mit Stolz und Lebensmut erfüllte. Das war Pegida", schreibt er.

Hennigs Pegida-Chronik ist alles andere als eine neutrale Betrachtung. Sie liefert viel mehr Innenansichten von einem ihrer Anhänger, der dafür auch über die sprachlichen Mittel verfügt. Oder, wie es Frank Richter, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung sagt: "Die Lektüre gibt Einblick in die Gedankenwelt vieler, die bei Pegida unterwegs sind." Wer starke Abneigung gegen die Gruppe fühlt - und Pegida scheint, ganz gleich ob bei Sympathisanten oder Gegnern, fast ausschließlich starke Gefühlsregungen zu provozieren - findet auf den 191 Seiten vieles, was ihn abstößt. Reizworte wie die von der NS-Propaganda unmöglich gemachte "Volksgemeinschaft" fallen, auch an die Deutschtümelei des 19. Jahrhunderts erinnernde Formulierungen wie die "virile Kraft der Jugend", mit der übrigens im konkreten Zusammenhang das gewaltbereite Auftreten der Hooligan- und Stiernacken-Fraktion bei Pegida verharmlost wird.

Es lohnt sich, diese vielleicht bewusst eingesetzten Provokationen - Hennigs künstlerische Arbeit will schließlich auch oft genug Reaktionen erzwingen - auszuhalten. Seine Stärke hat das Buch in der mitunter anekdotenreichen Beschreibung derer, die sich von Pegida angezogen fühlen. Hennig begreift sie als Volk, was nicht auf ihre derzeit geringe Zahl, sondern ihr Herkommen gemünzt ist. "Es spazieren dort korrekte Muslime neben frommen Christen, Agnostikern und sektiererischen Atheisten, welche sich auf 'die Wissenschaft' berufen wie auf die Wundmale Jesu. Der Wagnerianer neben dem Reggae-Fan, die Ultras von Dynamo Dresden neben denen von Lok Leipzig. Der Mann aus Kamerun steht neben einem Türsteher im White-Pride-Shirt." Versammelt seien Antiamerikaner und solche, die Russland kritisch sehen, so Hennig weiter. Den typischen Pegida-Anhänger, für den sich der mitunter von Mitdemonstranten scheel angesehene Hennig selbst auch nicht hält, scheint es nicht zu geben.

Stellt sich die Frage, wie das alles zusammenhält. Auch wenn Hennig den rhetorisch beschränkten Pegida-Frontmann Lutz Bachmann zu einer Art Dresdner Führerideal zu stilisieren versucht, gibt er im Gespräch und an anderen Stellen im Buch eine andere Antwort auf diese Frage. Es sei die Unzufriedenheit mit Lebensumständen, gesellschaftlichen Entwicklungen, gefühlten und tatsächlichen Ungerechtigkeiten, die die Menschen auf die Straße treibe. Pegida als einigende Bewegung für tausende kleine Probleme.

Entsprechend hinkt der Vergleich mit der DDR-Bürgerrechtsbewegung in ihrer Frühphase irgendwann Mitte der 1980er, den Hennig zur Pegida-Gruppierung zieht. Damals gab es in der totalitären Staatsmacht ein großes, alles überschattendes Problem. Eine persönliche Bemerkung zur Anziehungskraft von Pegida kann dagegen erhellen. Hinsichtlich der "Patriotischen Europäer", schreibt Hennig da, "gilt für mich seit langem schon das 'Credo ad absurdum' des Augustinus". Also der Grundsatz: Ich glaube, weil es unvernünftig ist. "Mit Intelligenz ist dem intuitiven Handeln dieser Menschen, dem Geist des Volkes, nicht beizukommen", so Hennig weiter. So kann man auch formulieren, warum bei vielen Diskussionen zwischen Anhängern und Befürwortern die Gräben eher tiefer als flacher werden.

Sebastian Hennig: Pegida. Spaziergänge über den Horizont. Eine Chronik. Arnshaugk Verlag, 191 S., 15 Euro.

Uwe Hofmann

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