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Umland Fotografieband zur Sächsischen Schweiz: Im Bann des Nebels – und der Natur sowieso
Region Umland

Philipp Zieger veröffentlicht Fotografieband zur Sächsischen Schweiz

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16:41 22.10.2020
Behutsam tastete sich Philipp Zieger an einen stimmigen Bildausschnitt heran, um die Pracht der Milchstraße über dem Höllenhund zu fotografieren.
Behutsam tastete sich Philipp Zieger an einen stimmigen Bildausschnitt heran, um die Pracht der Milchstraße über dem Höllenhund zu fotografieren. Quelle: Foto aus: Zieger: „Sächsische Schweiz“
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Pirna

Der Name des amerikanischen Regisseurs und Filmproduzenten Roger Corman sagt in hiesigen Breiten kaum einem was. Bekannt wurde er in vor allem in den Sechzigern in der westlichen Welt, als er schaurig-schöne Streifen frei nach Geschichten von Edgar Allan Poe drehte, die vom Untergang des Hauses Usher erzählten, von der Grube und dem Pendel und natürlich auch von dem unangenehmen, zutiefst erschütternden Gefühl, lebendig begraben worden zu sein.

Eines hatten die Filme alle gemein: Nebelschwaden, die durch gespenstische Landschaften waberten. Mitunter stellt sich gar der Eindruck ein, als würde der Nebel in diesen Werken die heimliche Hauptrolle spielen. Er kriecht und wabert, er frisst und schluckt, er täuscht, droht und verwandelt. Ohne das trübe Grau wären zumindest diese Celluloid-Werke Cormans nur halb so düster, halb so aufregend.

Der Nebel hat ein Janusgesicht

Fasziniert vom Nebel ist auch der Fotograf Philipp Zieger. Und den fand er in der Sächsischen Schweiz wieder und wieder, denn das schmale Elbtal und seine kleinen Nebentäler sind dafür perfekte „Feuchtigkeitslieferanten“. In seinem Bildband zur Sächsischen Schweiz hält Zieger fest, dass ein Teil des Zaubers, den der Nebel schafft, daraus erwächst, „dass plötzlich Fels- und Landschaftsstrukturen auf die Bühne treten, die vorher fast unsichtbar schienen“.

Der Nebel hat ein Janusgesicht. „So frei, wie man sich fühlen kann, wenn man oben auf dem Felsen steht und im Tal der Nebel liegt, so beklemmend und geheimnisvoll kann es sein, steht man im selbigen und kann vielleicht nur zehn Meter weit blicken.“

Nebel in der Sächsischen Schweiz. Quelle: Foto aus: Zieger: „Sächsische Schweiz“

Philipp Zieger, geboren 1986, gehört zu den jungen Landschaftsfotografen Deutschlands. Mit 20 Jahren kaufte er sich seine erste Kamera – für eine Reise nach Thailand. Berufsmäßig war er zunächst als Waldorferzieher im Harzer Vorland tätig. 2004 führte ihn der Lebensweg zurück in die alte Heimat, die Sächsische Schweiz, wo er mit Frau und Kindern lebt.

Nachdem er allerhand Karten gesammelt hatte, machte er sich im Sommer 2015 auf, den Malerweg entlangzuwandern. „Wahrzeichen, Wege und Aussichten bekamen dadurch für mich eine ganz neue Gestalt. Alles trat in Bezug zueinander, und die scheinbar verwundene Topographie dieser Region wurde für mich verständlich“, schreibt er. „Die Sächsische Schweiz wurde zu einem wichtigen Teil meines Lebens und prägt bis heute mein Heimatgefühl nachhaltig. Gleichzeitig war ich aber immer wieder nur ein Gast in dieser uralten Naturlandschaft. Ich war stets bestrebt, mit meiner Fotografie den Zauber dieser Natur festzuhalten und mich gleichzeitig so zu verhalten, als wäre ich nie da gewesen.“

Seine Fotos legen Zeugnis ab vom Dialog mit der Natur. Auf zahlreichen Touren hielt er peu à peu die malerische Landschaft in dieser Ecke Sachsens in faszinierenden Bildern fest. Seine Fotos wurden ausgezeichnet und in Magazinen, Büchern sowie Kalendern veröffentlicht. Mit diesem Buch lädt er dazu ein, ihm entlang der Route des 112 Kilometer langen Malerwegs zu folgen.

Höllenhund duckt sich unter der Milchstraße

Zieger hat ein Talent dafür, all die spektakulären Aussichten, tiefen Schluchten und monolithischen Felsen, die nicht zuletzt Naturkunstwerke darstellenden Landschaften emotional in Szene zu setzen und damit die Stimmung eines Moments eindrucksvoll zu vermitteln – wobei natürlich auch immer ein letztes Quäntchen Glück gehört.

Den Monduntergang von der Schrammsteinaussicht zu fotografieren war gar nicht so einfach. Mehrere Versuche lieferten eher suboptimale Ergebnisse, dann passte alles – und er jubelte vor Glück, „als das Bild schließlich im Kasten war“. Geklingelt hatte sein Wecker 1.15 Uhr, wie er überhaupt sich wieder und wieder auch des Nächtens in der Sächsischen Schweiz tummelte. Dafür gelang es ihm schon mal über dem Höllenhund wie auch am Teufelsturm die Milchstraße in all ihrer (Sternen-)Pracht abzulichten. Die Magie der Nacht, die Mystik der Dunkelheit – Zieger führt sie eindrucksvoll vor Augen.

„Mordor“ lässt schon mal grüßen

Natürlich kommt er nicht umhin, sich hier und da mit der Lichtverschmutzung auseinandersetzen zu müssen. Aber manchmal ergeben sich für ihn daraus auch „ganz schöne Farbkontraste“. „Mordor“ stellt Zieger Zeilen zu einer Aufnahme voran, die er machte, als an einem Novembermorgen der kalte Wind pfiff und eine dichte Wolken- und Nebelmischung, unter Einheimischen alles andere als politisch korrekt „Böhmische Suppe“ genannt, über dem Großen Winterberg und dem Elbtal hing. Ein paar Minuten zeigte sich dann doch ein Hauch von Morgenröte, die ganze Lichtstimmung wirkte für Zieger – zu Recht – fast wie aus einem „Herr der Ringe“-Film.

Die Zusatzinformationen Ziegers mögen für nüchtern-stoische Gemüter oftmals deutlich zu lyrisch-hymnisch im Tenor ausfallen. Aber das Gros der Betrachter und Leser des Bandes sollte damit leben können.

Ein Händchen hat der Fotograf außer für Lichtstimmungen definitiv auch für kleine Zwischentitel. „Mondscheinsonate“, „In einem Land vor unserer Zeit“, „Wolkenatlas“ – da schnalzt nicht nur der Bildungsbürger und Filmfreund innerlich mit der Zunge. Auch ist so manche Information, die man erhält, nicht uninteressant. So bekommt der Leser vermittelt, das am unteren Ende der Häntzschelstiege, die eine der bekanntesten Stiegen in der Sächsischen Schweiz ist, eine kleine krumme Kiefer ausgesetzt auf einem Sandsteinriff steht. Sie wird unter Fotografen Stativkiefer genannt.

Der in der Sächsischen Schweiz lebende Fotograf Philipp Zieger setzt die Naturkunstwerke seiner Heimat emotional in Szene. Quelle: Foto aus: Zieger: „Sächsische Schweiz“

Neben vielen Informationen zur Region und ihren Landschaftsmotiven weist das bemerkenswerte Buch auch praktische Übersichtskarten auf, in denen die Foto-Spots markiert sind. Am Ende gibt es eine Liste der Kameraeinstellungen – von jeder Aufnahme, die Zieger gemacht hat, erfährt man die Brennweite, die Belichtungszeit in Sekunden, die jeweils gewählte Blende und die benutzte Kamera, was meist auf die Sony a6000 oder die Sony a6500 hinauslief. Er verfasste das Buch in Zeiten von Covid-19 – auch, um „Freude in die Welt hinauszuschicken“ und zu zeigen, „dass wir Menschen in Extremsituationen über uns hinauswachsen können“, wenn wir uns immer wieder den „kleinen Momenten der Schönheit des Lebens zuwenden“.

Philipp Zieger: Sächsische Schweiz. Eine Entdeckungsreise in faszinierenden Bildern. Humboldt Verlag, 166 Seiten, 29,90 Euro, philippzieger-photographie.de

Von Christian Ruf