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Umland Geduld war guter Ratgeber
Region Umland Geduld war guter Ratgeber
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19:02 19.05.2019
Teilnehmer einer Exkursion von Forstfachleuten aus ganz Deutschland an der Hermannseiche im Seifersdorfer Tal. Der Baum wuchs bis 1929, dann starb er wahrscheinlich nach einem Blitzschlag ab. Trotzdem steht der tote Baum noch heute als markantes Denkmal da. Ein Novum. Quelle: Catrin Steinbach
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Seifersdorf

„Wir kämpfen gegenwärtig mit den Brombeeren“, sagt Birgit Pätzig vom Seifersdorfer Thal e.V. Denn der Tornado, der am Pfingstmontag 2010 auch im Seifersdorfer Tal eine Schneise der Verwüstung schlug und massenhaft Bäume entwurzelte bzw. wie Streichhölzer knickte, hat Platz und Licht geschaffen, so dass sich das Gestrüpp flächendeckend ausbreiten kann.

Den Brombeeren Einhalt gebieten

In Arbeitseinsätzen gebietet der Verein dem Wildwuchs, vor allem in denkmalrelevanten Bereichen, immer wieder Einhalt und sorgt dafür, dass die ungefähr 30 Staffagen, Gartenszenen und Sichtachsen in dem überregional bedeutsamen Landschaftsgarten – einem der ältesten in Deutschland – nicht überwuchert werden.

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Gedenktafel für Christina Gräfin von Brühl, die Gründerin des Landschaftsparkes Seifersdorfer Tal. Quelle: Catrin Steinbach

Geschaffen wurde die Anlage, die als großartige Einheit von Natur und Kunst in gestalteter Landschaft gilt, Ende des 18. Jahrhunderts von Hans Moritz Graf von Brühl und seiner Frau Johanna Christina Margarethe. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verfiel der Park.

Wertvolle, unter Denkmalschutz stehende Gartenanlage

Zunächst bemühte sich der Seifersdorfer Pfarrer und Schriftsteller Karl Josef Friedrich (1888-1965) um die Erhaltung des Landschaftsgartens. 1981 taten sich angehende Landschaftsarchitektinnen, die an der TU ihre Diplomarbeit zum Seifersdorfer Tal geschrieben hatten, mit anderen Enthusiasten zusammen. Erklärtes Ziel: die wertvolle, unter Denkmalschutz stehende Gartenanlage, die sich in einem 1961 zum Naturschutzgebiet erklärten naturnahen Wald befindet, zu retten.

Amor. Ursprünglich gehörte zu dieser Gartenszene ein Tempel mit einer Statue des Amor und einer Inschrifttafel. Der Tempel ist nicht mehr erhalten. Idealerweise sollte Amor von der anderen Seite der Röder – von weitem – besichtigt werden; man sollte „dem Gebiete des kleinen gefährlichen Gottes“ fern bleiben. Quelle: Catrin Steinbach
Brücke über die Große Röder im Seifersdorfer Tal. Quelle: Catrin Steinbach

Verein kümmert sich auch um Belange des Naturschutzes

Zu DDR-Zeiten geschah das unter dem Dach des Kulturbundes. 1990 wurde dann der Seifersdorfer Thal e.V. gegründet. Seine heute rund 60 Mitglieder kümmern sich seither um die Restaurierung und Pflege des Landschaftsgartens – einschließlich der Denkmale und Architekturelemente – sowie um Belange des Naturschutzes. So sorgen sie zum Beispiel dafür, dass sich die Akeleiblättrige Wiesenraute wieder ausbreiten kann.

Akeleiblättrige Wiesenraute. Der Seifersdorfer Thal e.V. sorgt dafür, dass sich die Akeleiblättrige Wiesenraute wieder ausbreiten kann. Quelle: Catrin Steinbach

Für Marienmühle wollen Gemeinde und Thalverein Erbpachtvertrag unterzeichnen

Des Weiteren organisiert der Verein kulturelle Veranstaltungen und wird jetzt auch die Verantwortung für die Bewirtschaftung der Marienmühle, einer beliebten Ausflugsgaststätte – übernehmen. Sie ist seit Herbst geschlossen, weil die vormaligen Pächter aus Altersgründen aufgehört haben.

Im April 2019 beschloss der Gemeinderat Wachau, mit dem Seifersdorfer Thal e.V. einen Erbpachtvertrag über 33 Jahre abzuschließen. An den Verein sind schon Bewerber herangetreten, die die Gaststätte betreiben wollen. Doch wann sie wieder öffnet, vermag Birgit Pätzig noch nicht zu sagen.

Die Marienmühle im Seifersdorfer Tal. Sie ist seit Herbst 2018 geschlossen, weil die vormaligen Pächter aus Altersgründen aufgehört haben. Im April 2019 beschloss der Gemeinderat Wachau, mit dem Seifersdorfer Thal e.V. einen Erbpachtvertrag über 33 Jahre abzuschließen. Quelle: Catrin Steinbach

Tornado entwaldete ganze Hangabschnitte

Ein hoch zu schätzendes, unermüdliches ehrenamtliches Wirken der Freunde des Landschaftsparkes also, das mit dem Wirbelsturm 2010 eine tiefe Zäsur erfuhr. Die jahrzehntelange Arbeit des Thalvereins und auch des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, der 1997 mit Unterstützung des Freistaates das Seifersdorfer Tal kaufte und den Erhalt des Landschaftsparkes unterstützt, schien zunichte gemacht.

Aufräumarbeiten nach dem Tornado am 28. Mai 2010 im Seifersdorfer Tal (Archivbild). Quelle: Dietrich Flechtner

„Weit über tausend große Bäume wurden entwurzelt, ganze Hangabschnitte regelrecht entwaldet, Stämme lagen kreuz und quer über den Wegen: Das Tal war völlig unpassierbar“, so Birgit Pätzig. „Allein die Wiederherstellung der Wege, Wiesen und der Denkmale, die beschädigt wurden, hat rund 200 000 Euro gekostet.“

Sachsenforst übernahm Krisenmanagement

„In der Situation war das Krisenmanagement des Staatsbetriebes Sachsenforst gefragt“, so Dirk Fanko vom Forstbezirk Dresden. Mit mehreren Partnern ging es ans Aufräumen. Der Forstbezirk barg allein auf den Flächen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz im Seifersdorfer Tal etwa 3000 Kubikmeter Holz.

Erlös aus Holzverkauf für Beseitigung der Schäden

„Es wurde auf Rechnung des Landesvereins mit dem Ziel verkauft, einen maximalen Erlös für die Behebung der Schäden zu erzielen. Nicht verwertbares Holz und Stämme im Bereich der Steillagen haben wir als Totholz in dem Naturschutzgebiet gelassen, aber am Hang natürlich so eingebaut, dass Hangrutschungen verhindert werden“, erklärt Dirk Fanko Forstfachleuten aus ganz Deutschland. Sie haben sich anlässlich der Tagung des Deutschen Forstvereins in Dresden zur einer Exkursion ins Seifersdorfer Tal aufgemacht, um zu sehen, was aus dem Wald geworden ist.

Heimatschutzverein entschied sich gegen Wiederaufforsten

Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz als Eigentümer des Grund und Bodens war einer Empfehlung des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (SMUL) gefolgt, die weitestgehend kahle Fläche im Naturschutzgebiet nicht aufzuforsten, sondern sich selbst zu überlassen. „Wir gehen lediglich regelmäßig die gewidmeten Wege und Wanderwege ab, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten“, sagt Vereinsvorsitzender Thomas Westphalen.

Waldentwicklung nicht vorhersehbar

„Für Forstfachleute und auch für Naturschützer ist das nicht einfach, nichts zu tun und zuzulassen, dass vielleicht eine Entwicklung läuft, die man sich so gar nicht vorstellt hat“, gibt Dirk Fanko zu. Doch „es hat keinen Sinn, mit Zwang und großer Anstrengung partout einen Lebensraumtyp Buchenwald heranziehen zu wollen. Wenn die Bedingungen stimmen, wird sich am Ende die Buche durchsetzen“, so Andreas Ihl vom SMUL an der ersten Waldfläche, die die Teilnehmer der Exkursion im Landschaftsgarten Seifersdorfer Tal besichtigen.

Teilnehmer einer Exkursion von Forstfachleuten aus ganz Deutschland an der Hermannseiche im Seifersdorfer Tal. Der Baum wuchs bis 1929, dann starb er wahrscheinlich nach einem Blitzschlag ab. Trotzdem steht der tote Baum noch heute als markantes Denkmal da. Ein Novum. Quelle: Catrin Steinbach

Regeneration des Mischwaldes schreitet schnell voran

Dass diese Entscheidung richtig war und Geduld ein guter Ratgeber ist, konnten die Exkursionsteilnehmer dann an verschiedenen Stellen des Landschaftsparkes sehen. Die Regeneration des Mischwaldes schreitet schnell voran. Denn zum einen habe es unter dem Schirm der älteren Bäume schon vor dem Sturm Buchen-, Eichen- und auch Lärchennachwuchs gegeben, zum anderen war von diesen Gehölzen noch Samen im Boden, der auf der kahlen Fläche gute Bedingungen fand, um zu keimen, erklärt Fanko.

Viel größere Vielfalt an Baumarten als vorher

Das hätte jedoch nicht gereicht, um die Flächen zu schließen, deshalb fanden auch Pioniergehölze wie Birke, Weide und Pappel und viele andere Lebensraum. „Dominierten vor dem Sturm Lärche, Buche und Eiche, gibt es jetzt mit 18 Baumarten eine viel größere Vielfalt“, freut sich der Forstfachmann. Auf lange Sicht werde sich am besonnten Nordhang des von West nach Ost verlaufenden Seifersdorfer Tales die Eiche durchsetzen, die mit Wärme und Trockenheit gut klarkommt. An der schattigen Nordseite des Südhanges habe eher die Buche eine Chance.

Dort, wo der Tornado im Jahr 2010 große, alte Bäume entwurzelt bzw. wie Streichhölzer umgeknickt hat und eine Schneise der Verwüstung schlug, ist alles wieder grün. Hier wird dem Wald Gelegenheit gegeben, die Wunden selbst zu schließen. Quelle: Catrin Steinbach
Während sich am besonnten Nordhang des von West nach Ost verlaufenden Seifersdorfer Tales die Eiche durchsetzen werde, die mit Wärme und Trockenheit gut klarkommt, habe an der schattigen Nordseite des Südhanges eher die Buche eine Chance, so die Forstfachleute. Quelle: Catrin Steinbach

Ahornaufwuchs sehen Forstfachleute nicht problematisch

Dass auf den Flächen im Landschaftspark, die der Sturm „freigeräumt“ hat, nun auch Ahorn in großen Mengen wächst, sieht Fanko gelassen. Bergahorn sei ein typisches Element dieser Waldmischung. Spitzahorn, der jetzt zum Teil auf den flacheren Flächen dominiere, würde von den Forstfachleuten an dieser Stelle ebenso nicht als Problem angesehen. „Wenn die Feuchtigkeit ausreicht, wird sich über einen längeren Zeitpunkt die langsamer wachsende, aber konkurrenzstärkere Buche durchsetzen.“

Fichten haben im Seifersdorfer Tal keine Zukunft

Der letzte Teil der Exkursion führt zu einem Waldstück, in dem noch 40 Meter hohe Fichten dominieren. Eine Zukunft haben die Bäume an diesem Standort nicht, erfahren wir. Denn die Fichte ist ein Gebirgsbaum, liebt es feucht und kühl.

In diesem Waldstück im Seifersdorfer Tal dominieren noch Fichten. Eine Zukunft haben die Bäume an diesem Standort nicht. Quelle: Catrin Steinbach

„Wollen wir hoffen, dass diese schönen starken Bäume die Holzmarktkrise überstehen“, sagt Dirk Fanko. Die Bäume jetzt zu fällen mache keinen Sinn. Denn momentan bekomme man – wenn überhaupt – für einen Festmeter Stammholz nur 35 Euro. „Passen Sie auf und kontrollieren Sie regelmäßig, ob hier der Borkenkäfer auftaucht“, warnt ein Forstfachmann den Landeigentümer. „Der befallene Baum müsste dann sofort raus.“

40 Meter ragen diese Fichten in den Himmel. Quelle: Catrin Steinbach

Von Catrin Steinbach

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