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Umland OB Rumberg: Freital ist im Flüchtlingssommer 2015 überrumpelt worden
Region Umland

Freital Fremdenfeindliche Proteste 2015 - OB Rumberg im Rückblick

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20:19 31.07.2020
Flüchtlingsgegner protestieren mit einer deutsch-russischen Fahne am 24.06.2015 vor einer Unterkunft von Asylbewerbern (Leonardo-Hotel) in Freital (Sachsen). Quelle: dpa/Oliver Killig
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Freital

Freitals Oberbürgermeister Uwe Rumberg (parteilos) sieht im Rückblick auf die Flüchtlingskrise 2015 Versäumnisse von Politik und Behörden. „Unsere Strategie war immer, eine überschaubare Zahl von Menschen dezentral unterzubringen“, erklärte der 62-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Es habe damals eine ganze Menge Verunsicherung gegeben.

Uwe Rumberg, Oberbürgermeister von Freital, sitzt im Ratssaal. Im Sommer 2015 kam es aufgrund einer Erstaufnahmeeinrichtung in einem ehemaligen Hotel in Freital zu Anti-Asyl-Demonstrationen und Krawallen. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa

„Die Kommunikation lief schlecht. Anfangs hieß es, Freital bekommt keine Erstaufnahme, dann wurde die Stadt quasi von heute auf morgen überrumpelt.“ Die Konflikte seien programmiert gewesen, spätestens als Bewohner der Erstaufnahme im früheren Hotel „Leonardo“ im Fastenmonat die Nacht zum Tag gemacht hätten.

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Rumberg: Viele Demonstranten von auswärts

Freital war damals bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Sieben Männer und eine Frau wurden wegen Bildung der rechtsterroristischen Vereinigung „Gruppe Freital, wegen Sprengstoffanschlägen und weiteren Straftaten zu langen Haftstrafen verurteilt. Rumberg erinnerte daran, dass der Freitaler Stadtrat Anfang Juli 2015 parteiübergreifend eine Erklärung abgab, wonach Menschenfeindlichkeit in der Stadt keinen Platz habe und Freital kein Wirkungsort für Extremisten, gewaltbereite Demonstranten und aggressive Auseinandersetzungen werden dürfe. Vor dem in einem Wohngebiet gelegenen „Leonardo“ gab es immer wieder Demonstrationen.

Auch der damalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich besuchte das Leonardo-Heim in Freital Quelle: Franziska Kästner

Nach den Protesten und späteren Gewalttaten sei eine mediale Welle über Freital hereingebrochen, unter der man bis zum heutigen Tag zu leiden habe, sagte das Stadtoberhaupt, das unlängst aus der CDU ausgetreten ist. Dabei seien damals viele Demonstranten von auswärts angereist und hätten Freital mit seinen 40.000 Einwohnern erst zum Schauplatz der Auseinandersetzung gemacht: „Das war ein Glaubens- und Klassenkampf, da haben sich die Gemüter erhitzt.“ Er habe bei seinem Amtsantritt am 1. August 2015 Angst gehabt, dass sich die Demonstranten irgendwann eine Straßenschlacht liefern würden.

Ist von all dem nichts mehr zu spüren?

„Das Wunderbare an einer Demokratie ist ja gerade, sich zu streiten, um eine gute Lösung für die Gemeinschaft zu finden“, sagte Rumberg. Doch damals seien die Extreme aufeinandergeprallt, es habe keine Debatte um das Pro und Contra gegeben. Er selbst sei scharf angegriffen worden, als er die Abschiebung von Kriminellen und „Glücksrittern“ forderte. Kurz vor Weihnachten sei in Freital dann der Schriftzug „Rumberg töten“ aufgetaucht.

Im Rückblick kann Rumberg nicht verstehen, dass Deutschland so schlecht auf die Flüchtlinge vorbereitet war. Jahrelang habe man bequem mit dem Dublin-Abkommen gelebt und Länder wie Italien im Stich gelassen: „Die Flüchtlingsströme kamen nicht über Nacht. Man hätte schneller reagieren, Fluchtursachen verhindern und die Bevölkerung von Anfang befragen und sie mitnehmen müssen. Wir hätten Lösungen gebraucht, um die Menschen und auch den Staat nicht zu überfordern.“

Fünf Jahre nach den Auseinandersetzungen sei von all dem nichts mehr zu spüren, betonte Rumberg: „Wir haben viel auf den Dialog mit unseren Bürgern gesetzt. Es ist uns weitestgehend gelungen, die Stadt zu befrieden.“ Heute seien rund 120 Asylsuchende in Freital untergebracht, allesamt dezentral. Im kommenden Jahr will die Stadt ihren 100. Geburtstag feiern. Zudem ist es Ausrichter des „Tages der Sachsen“, des größten Volksfestes im Freistaat: „Das gibt uns Gelegenheit, das wahre Freital zu zeigen“, sagte Rumberg.

Von Jörg Schurig