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Umland Mit Papier gegen Plastemüllberge – Forschung nahe Dresden machts möglich
Region Umland Mit Papier gegen Plastemüllberge – Forschung nahe Dresden machts möglich
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08:05 17.02.2020
Projektleiter Max Schneider bereitet in der Papiertechnischen Stiftung eine Probe für die Pyrolyse vor, um ihre Bestandteile zu ermitteln. Quelle: Heiko Weckbrodt
Dresden / Heidenau

Noch in den 1960er-Jahren galt Plaste als der Werkstoff der Zukunft. Schwimmende Müllinseln in den Ozeanen und die Diskussion um allgegenwärtige Mikroplaste haben diese Einstellung zum Kunststoff gewandelt: Umweltpolitiker und ökologisch ambitionierte Konsumenten wollen heute, dass die Industrie möglichst allen Kunststoff durch naturnahe Materialien ersetzt. Mithelfen will da auch die „Papiertechnische Stiftung“ (PTS) in Heidenau: Das gemeinnützige Institut arbeitet an Schokoverpackungen, Backformen aus Papier, ja sogar an Batterien, die auf Papiermaschinen herstellbar sind. Im Fokus dabei: die bessere Wiederverwertbarkeit von Papier.

Wegen Umweltbewusstsein der Konsumenten – Großes Interesse seitens Industrie

„Wegen solcher Forschungsprojekte erhalten wir extrem viele Anfragen von Herstellern, vor allem, wenn es um Wiederverwertbarkeit bei Lebensmittelverpackungen geht“, berichtet Projektleiter Max Schneider. Vor allem das gewachsene Umweltbewusstsein der Konsumenten, aber auch Vorgaben der EU und des Bundes beflügelten das Interesse der Industrie an Lösungen nach dem Muster „Papier statt Plaste“. „Vielen Herstellern ist bewusst, dass sie bald ein Riesenproblem haben, wenn sie diesen Umstieg verschlafen.“

Aber auch Elektronikentwickler und Filterproduzenten interessieren sich immer stärker für Papiertechnologien und die damit erzeugten Werkstoffe. All dies sorgt für eine Renaissance des Papiers – wenn auch auf hochtechnologischem Niveau. Denn bevor dieser altbekannte Werkstoff ganz neue Einsatzgebiete erobern kann, braucht er diverse „Upgrades“: So entwickeln die Heidenauer Forscher beispielsweise thermoplastische, zellstoffbasierte Materialien, was heißt: Maschinen müssen das Papier bei Wärme in eine dauerhafte Form bringen können. „Das braucht man, wenn man daraus Joghurtbecher oder Wurstverpackungen machen will“, erklärt Martin Zahel, der in der PTS die Abteilung für Komposit- und modifizierte Werkstoffe leitet.

Hier passiert Magisches: Eine Pilotmaschine in der Papiertechnischen Stiftung in Heidenau. Quelle: Heiko Weckbrodt

Auch dürfen die Papiere der neuen Generation keine Fremdstoffe am Lebensmittel abgeben und müssen der Kraft moderner Verpackungsmaschinen standhalten, ohne zu reißen. Natürlich darf sich ein Pappbecher nicht einfach auflösen, wenn ein Durstiger heißen Kaffee einfüllt. Und wenn sich Papierstrohhalme wirklich gegen ihre Plaste-Brüder durchsetzen sollen, wie von der EU gewünscht, müssen die Ingenieure dafür erst noch schnellere Maschinen als bisher entwickeln, die sich für Millionen-Stückzahlen eignen.

Papierfabrik der Zukunft in Heidenau?

Die PTS werde indes keineswegs in den Chor jener einstimmen, die alles Plaste unterschiedslos verdammen, betonte Zahel: „Für einige Einsatzzwecke lässt sich Kunststoff durch Papier ersetzen“, sagte er. „Aber das wird nicht überall möglich sein.“ Für Papier als Werkstoff spreche dessen hohe Wiederverwertbarkeit: Etwa 80 bis 90 Prozent der Papierabfälle lassen sich recyceln – bei Kunststoffen liegt die Recyclingquote nur etwa halb so hoch. Andererseits würden in der Papierproduktion große Mengen Wasser und Energie verbraucht – das spreche in der ökologischen Bilanz gegen das Papier.

PTS-Chronik

Die PTS steht für Jahrzehnte der papiertechnologischen Forschung in Ost wie West: 1951 gründeten der „Verband Deutscher Papierfabriken“ und der „Hauptverband Papier- und Kunststoffverarbeitung“ die Papiertechnische Stiftung in München.

Bereits 1946 richteten die Zellstoffwerke Pirna und Heidenau ein Zentrallaboratorium ein, aus dem 1951 das Institut für Zellstoff und Papier (IZP) entstand. Nach der Wende übernahm die Münchner PTS das IZP in Sachsen. 2018 gab die Stiftung allerdings den Standort München auf. Seitdem ist Heidenau der Stammsitz.

Inzwischen beschäftigt die PTS 85 Mitarbeiter. Von den 7,5 Millionen Euro Jahresumsatz speisen sich 60 Prozent aus öffentlichen Aufträgen und der Rest größtenteils aus Auftragsforschungen, Beratungen, Messdienstleistungen, Weiterbildung und Messgeräte-Verkauf. Die Stiftung gehört zur Zuse-Gemeinschaft und ist Teil des Forschernetzwerkes „Dresden-Concept“.

Aber auch an diesen Stellschrauben möchten die PTS-Ingenieure drehen: „Papierunternehmen aus ganz Deutschland wollen an einem noch auszuwählenden Standort eine Modellfabrik für die Papierherstellung der Zukunft einrichten“, berichtet PTS-Sprecher Armin Bieler. Die Branche plant, dort neue Technologien zu testen, um den Wasserverbrauch und den CO2-Ausstoß deutlich zu senken, die gesamte Fertigung zu digitalisieren und auf ein neues Qualitätsniveau zu heben. „Wir haben uns darum beworben, dass diese Modellfabrik bei uns in Heidenau entsteht“, sagt Bieler.

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Von Heiko Weckbrodt

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