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Umland Familienwerkstatt Leichsenring: „Vom Spielzeugmacher zum Kunsthandwerker“
Region Umland Familienwerkstatt Leichsenring: „Vom Spielzeugmacher zum Kunsthandwerker“
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11:47 20.05.2019
„Elektrische“ Straßenbahn, gefertigt ab 1911, mit einer Werbekarte der Kaffeerösterei  Alfred Klemm aus Dresden, die als Vorlage diente.
„Elektrische“ Straßenbahn, gefertigt ab 1911, mit einer Werbekarte der Kaffeerösterei  Alfred Klemm aus Dresden, die als Vorlage diente. Quelle: Husum Verlag
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Seiffen

An sich war von Amts wegen Antifaschismus angeordnet, aber ein Erlass der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland verfügte in der SBZ dann doch die Beibehaltung der Preise von 1944. Eine eigenmächtige Anhebung der Preise war bei Strafe verboten! Von jedem Produkt, das die Holzschnitzer und Spielzeugmacher im Erzgebirge fertigten, musste bei der zuständigen Preisbildungsstelle, anfangs in Olbernhau, später in Leipzig, ein Muster vorgelegt werden, für das dann die Genehmigung erteilt und der Preis festgesetzt wurden. Bei alten Modellen galt der Preis von 1944, bei neuen konnte kostengemäß neu kalkuliert werden, aber oft wich die Vorstellung des Handwerkers von der Preisfestsetzung durch die Behörde ab.

Die Folge: Viele Figuren aus alter Zeit wurden weniger oder gar nicht mehr hergestellt. Es rechnete sich einfach nicht, wenn die Sache zu aufwendig in der Herstellung war. So ließ sich Erich Leichsenring 1948 zwar viele seiner alten Modelle genehmigen, entschied sich dann aber häufig gegen die Herstellung, weil es nicht rentabel war. Reiche Bemalung fand keine Anerkennung, die Preise wurden nach Größe und Stärke festgesetzt. So verschwanden die alte „Hasenschule“ und andere Klassiker. Die erst in den 1950ern entwickelte, fein und aufwendig bemalte „Allgäuer Trachtengruppe“ wurde nur kurz hergestellt.

Das ist nur eine von vielen bemerkenswerten Episoden, die sich in Ursula Michalkes Buch „Vom Spielzeugmacher zum Kunsthandwerker“ finden, in dem die Autorin sich explizit der Familienwerkstatt Leichsenring in Seiffen widmet. Die kann auf eine über hundertjährige Tradition zurückblicken, wobei es zu den historischen Besonderheiten der Entwicklung des Betriebs gehört, 1931 ein eigenes Firmensignet entwickelt zu haben, „einprägsam in der Kombination von Bild- und Wortsinn“, wie im Vorwort festgehalten wird.

Die Familientradition ging los mit August Friedrich Leichsenring, der eine Masse entwickelte, aus der er Figuren formte. Auch fertigte er Fahrtiere. Wie zu lesen ist, hatte er ständig über hundert Kaninchen im Stall. Waren die Tiere etwa drei Monate alt, schlachte er sie, lederte das Fell, stopfte es aus und stellte die Häschen auf ein Brett mit vier Rädern. Es waren nicht direkt „Kuscheltiere“ im heutigen Sinne und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Produktion dieser Nachziehtiere aus hygienischen Gründen verboten.

Zusammenarbeit mit Grete Wendt in Grünhainichen

Mit Emil Leichsenring begann die Spielzeugfertigung aus Holz. Den Auftakt machte die Produktion von Miniatur-Gespannen, wie sie damals als Transportmittel üblich waren. 1911 brachte Leichsenring die „Elektrische“ auf den Markt, wobei es sie in vier Farben gab: Rot, Gelb, Blau und Grün. Das Dach und die Vorder- und Seitenteile bestanden aus gestanzter Pappe, die Räder aus Zinn, der Rest aus Holz. Für die Steuerung und Stromabnehmer wurde Eisendraht verwendet. Grundsätzlich war jede Straßenbahn mit einem Fahrer, einem Schaffner, einem Insassen sowie einem Glöckchen versehen. Als Vorlage diente Leichsenring, der sich 1904 als Drechsler selbstständig gemacht hatte, eine Werbekarte der Kaffeerösterei Alfred Klemm aus Dresden. Und es kam zur Zusammenarbeit mit Grete Wendt. Die hatte anfangs noch keine eigene Betriebsstätte und der Drehwerksbesitzer Kühn empfahl ihr Emil Leichsenring. Im Mai 1919 wurden die ersten Sätze der Beerenkinder als Rohlinge ausgeliefert, bemalt wurden diese dann in Grünhainichen. Später verfügte Wendt & Kühn über eigene Produktionsmöglichkeiten, die Geschäftsverbindung zu Leichsenring blieb aber erhalten.

Emil Leichsenrings Sohn Erich erwirkte den Übergang zum Kunsthandwerker und schuf eine Vielzahl figürlicher Darstellungen. Besonders bekannt sind seine Osterhasen, der Blumenmarkt und die ersten Mettengänger. Im Firmenkatalog von 1939 taucht dann an verschiedenen Stellen ein kleiner Wiegereiter auf, den Erich Leichsenring laut Michalke bereits 1931 entwickelte. Festgehalten wird, dass dieser weitgehend identisch mit dem sehr bekannten „Reiterlein“ des Winterhilfswerks (WHW) der NS-Zeit ist, sowohl in der Form und Farbgebung des Pferdchens als auch des Reiters mit der Schirmmütze. Im Rahmen des WHW wurde das Reiterlein 1935 bei einer Spielzeugschau des Olbernhauer Verlagshauses Hempel entdeckt und als Motiv ausgewählt. Da die Herstellung der Abzeichen hauptsächlich in Olbernhauer Werkstätten erfolgte, sprach (und spricht man nach jahrzehntelangem Kampf um die Ursprünge bis heute) vom „Olbernhauer Reiterlein“. Die Auflagenhöhe betrug sage und schreibe 13,6 Millionen Stück. Es war eines der beliebtesten WHW-Abzeichen und wurde offenbar gern an den Baum gehängt, deutlich lieber als Abzeichen mit eindeutiger NS-Symbolik.

Der 1940 einberufene Erich Leichsenring kam dann erst Ostern 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause, abgemagert und erschöpft, wie die Autorin anmerkt. Nun nahm sein Sohn Günter Leichsenring, der sich in der DDR durch moderne und zugleich traditionelle Holzgestaltungen wie Blumenkugeln, blumentragende Figuren und große Reiter profilieren sollte, an, sein Vater würde viel Ruhe und Erholung benötigen. Aber der stand am nächsten Tag wieder an der Drehbank. Er hatte die Arbeit als Drechsler vermisst, ließ er laut Michalke den verblüfften Sohn wissen.

Das Buch gibt einen Überblick über das vielseitige Schaffen durch Generationen, zeichnet zudem aber ansatzweise auch noch ein bisschen die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Seiffener  Schnitzer auf. So wird deutlich gemacht, dass sich mit der Überland-Stromversorgung ab 1913 die Ausstattung vieler Werkstätten grundlegend veränderte. Durch den Elektromotor wurden die im eigenen Haus arbeitenden Handwerker unabhängiger.
Zwischen 1868 und 1913 standen nur zwei Dampfkraftwerke mit jeweils zehn bis zwölf Stellplätzen zu Verfügung. Diese Stellplätze konnte man mieten – was aber teuer war und deshalb viele Drechsler abschreckte, obwohl die Arbeit mit einer dampfbetriebenen Drehbank zeit- und kräftesparend war.

Was nach Schaden aussah,  war gar keiner

Immer wieder wartet das reich illustrierte Werk mit einigen kuriosen wie amüsanten Reminiszenzen auf. So zeigt eine Abbildung eine Darstellung eines Weihnachtsmarktes. Es handelt sich um ein frühes Exemplar, wie es ab 1958 kurz hergestellt wurde. Auf dem grauweißen Sockel sind dunkle Tupfen. Darstellen wollte man die Fußabdrücke von Standbesuchern im Schnee. Da aber die Kundschaft nur Flecken sah, von einem schadhaften Stück ausging, ließ man die Tupfen bei der späteren Fertigung lieber weg.
Oder da wäre jene Episode aus dem Jahr 1992. Damals wurde ein Klöppelkongress abgehalten und drei Händler hatten wegen Figuren in der Werkstatt nachgefragt, wie  sie der Betrieb im Repertoire hatte, nämlich eine Klöppelfrau und zwei Klöppelmädel. Zu Ostzeiten waren die Figuren sehr populär gewesen und in Anbetracht von 800 Teilnehmern stellte Günther Leichsenring in Aussicht, von jeder Klöpplerin 600 Exemplare herzustellen. Es sollte sich, wie Michalke anmerkt, als „große Fehleinschätzung“ erweisen, „lediglich 25 Stück pro Figur wurden abgesetzt, der Verkauf erfolgt bis heute aus diesem Lagerrestbestand“.

Ursula Michalke: Vom Spielzeugmacher zum Kunsthandwerker. Die Werkstatt Leichsenring aus Seiffen im Erzgebirge. Husum Verlag, 187 Seiten, zahlr. farb. Abbildungen, 24,95 Euro

Christian Ruf

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