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Umland Begehbare Bilderbibel
Region Umland Begehbare Bilderbibel
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14:45 14.07.2018
Pfarrer Christian Bernhardt in der Kirche in Constappel. Am 2. September soll der sanierte Innenraum eingeweiht werden. Quelle: Tomas Gärtner
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Constappel

Der Geruch der frisch geölten Kirchenbänke erfüllt die Luft. Matt glänzt das Holz, befreit vom Alkydharzlack aus DDR-Zeiten. Von anderen Holzteilen ist die dunkle Beize verschwunden. Heller wirkt das Innere der evangelischen Dorfkirche in Constappel, nachdem dessen Innensanierung, begonnen im Herbst des vergangenen Jahres, nun weit fortgeschritten ist. Ende August soll sie beendet sein.

Vor allem ist die ursprüngliche Ausmalung bei den Arbeiten wieder zum Vorschein gekommen. Selten nur trifft man in einer protestantischen Kirche auf solch eine Fülle an symbolischen Figuren und Schrift. Wie eine begehbare Bilderbibel mutet dieser sakrale Raum an.

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Ein Sockel mit blau-rotem Muster und hellen Blüten zieht sich an den Wänden entlang. „Nur der kleinste Teil war noch vorhanden. Den konnten die drei Restauratoren retuschieren“, erzählt Christian
Bernhardt, der als Gemeindepfarrer im knapp drei Kilometer entfernten Weistropp wohnt. „Den größten Teil mussten sie rekonstruieren.“ Möglich war das, weil Restauratorin Sandra Risz in ihrer Diplomarbeit ermittelt hat, wie die Bildwelt der Kirche einmal aussah.

So reihen sich nun erstmals wieder Rosen, Lilien, Maiglöckchen, Nelken und Türkenbundlilien auf der Empore entlang. Sie besitzen symbolische Bedeutung im Christentum, ebenso wie die Bilder an der Holzdecke: Menora, ein siebenarmiger jüdischer Leuchter, Schiff, Adler, Hahn, Huhn und Pelikan, Hirsch, Taube und Fisch.

Auf dem Triumphbogen vor dem im 19. Jahrhundert angebauten Altarraum sind oben Gestalten aus dem Alten Testament zu erkennen, links Mose mit den Gebotstafeln, rechts der Prophet Elia, dem ein Rabe Brot in die Wüste bringt, im Inneren darunter aus dem Neuen Testament links vor goldglänzendem Hintergrund die Apostel Petrus, erkennbar am Schlüssel, rechts Paulus mit Schwert.

„Für die Engelsgesichter im Inneren des Bogens sollen die Kinder des damaligen Pfarrers Modell gestanden haben“, sagt Pfarrer Bernhardt. „So erzählt man sich jedenfalls. Verbürgt ist das nicht.“

Das Altarbild stellt dar, wie der am Kreuz gestorbene Christus beweint und in einem Tuch zu Grabe getragen wird. Licht fällt durch Buntglasfenster. Im mittleren ist Jesus dargestellt, links und rechts
Engel. Zahlreiche Wappen sind eingelassen. Von den zahlreichen Schriftbändern sind etliche erstmals unter der späteren Bemalung wieder zum Vorschein gekommen. Sie benennen, was den Lutheranern des 19. Jahrhunderts an zentralen Aussagen wichtig war: Direkt unter der Decke zum Beispiel ist auf blauem Grund von der Gemeinschaft im Gebet und Brotbrechen die Rede, von der Hoffnung auf einen neuen Himmel und einer neuen Erde. Im Triumphbogen wird Christus mit einem geopferten Lamm verglichen. Rechts über dem Eingang zu jenem Raum, an dessen Tür in alter Schreibweise „Sacristei“ steht, ist auf Latein geschrieben: „Solus Christus, sola gratia, sola fide“ („Allein Christus, allein die Gnade, allein der Glauben“). Nur so erwirbt der Gläubige nach Auffassung Martin Luthers das Seelenheil.

Der alte Betonfußboden ist durch neue Sandsteinplatten ersetzt. Die Kirchenbänke kann man mit ein paar Handgriffen lösen und beiseite stellen. Auf Stühlen im Kreis sitzend können die Versammelten
Gemeinschaft ganz anders erleben. Repariert werden muss noch der über 400 Jahre alte Taufstein. So wie heute ist die im 11. Jahrhundert erwähnte, dem Heiligen Nikolaus geweihte Wallfahrtskirche 1885 umgestaltet worden, überwiegend neuromanisch. Den farbenfreudigen Altarraum haben sie Wilhelm Walther zu verdanken, dem Schöpfer des Fürstenzuges in Dresden.

Außenansicht der Kirche in Constappel. Quelle: Tomas Gärtner

So groß die Freude über die wiederhergestellte Pracht auch ist, so groß ist die Sorge der Gottesdienstbesucher um die Zukunft ihrer Pfarrstelle. Mit 630 Mitgliedern sind Constappel eine der kleinsten Gemeinden. Bis Jahresende muss sie sich im Zuge einer umfassenden Strukturreform wegen der geschrumpften Zahl der Lutheraner wie alle im Kirchenbezirk Meißen-Großenhain zu größeren Regionen
formieren. Drei Vollzeit-Pfarrstellen stehen jeder zu. Hier in der Gegend sind es derzeit vier. Wo die ihren Sitz haben werden und wer gehen muss, müssen die Gemeinden in den kommenden Monaten
aushandeln.

Dass sie Pfarrer Christian Bernhardt unbedingt behalten wollen, haben sie jetzt nachdrücklich kundgetan, mit einer Petition an Andreas Beuchel, den Superintendenten, die auch viele nichtchristliche
Dorfbewohner unterzeichnet haben.

Superintendent Beuchel, der den gesamten Kirchenbezirk im Blick haben muss, tritt für eine gerechte Verteilung der Pfarrer ein und appelliert, solidarisch miteinander umzugehen. „Das Umdenken, dass man nicht mehr einen Pfarrer für die Gemeinde alleine hat, ist der schwierigste Prozess.“

Kirche Constappel

Geschichte: Eine erste Kirche stand wahrscheinlich im 11. Jahrhundert; erstmals belegt ist sie Ende des 14. Jh.s; Mitte des 17. Jh.s wurde sie neu gebaut; 1885 wurde sie in der heutigen Gestalt
nach Plänen von Gotthilf Ludwig Möckel (1838-1915) neoromanisch umgebaut

■ Ausstattung: Altar mit Beweinung Christi; Altarraum 1889 ausgemalt von Wilhelm Walther (1826-1913), dem Schöpfer des Fürstenzuges in Dresden (an dessen Ende hat er sich mit Vollbart und breitkrempigem Hut dargestellt); Taufstein aus Sandstein (1583), an dessen Fuß vier Kinder in Totenhemdchen mit den Leidenswerkzeugen Christi; Kanzel (um 1885) mit Darstellung der Evangelisten; mehrere prachtvolle Grabdenkmäler

■ Orgel: Seltenes romantisches Instrument aus der Werkstatt des Eberhard Friedrich Walcker (1794-1872) und seiner Nachfolger (Ludwigsburg) von 1886; 2001 restaurierte sie Hartmut Schütz (Werkstatt von Kristian Wegscheider)

■ Patron: Heiliger Nikolaus von Myra (um 280/286 - um 345/351), er ist u. a. Schutzpatron der Seefahrer, reisenden Händler, Ministranten und auch der Kinder

Innensanierung: Sie begann im September 2017, eingeweiht wird der restaurierte Innenraum am 2. September, 14 Uhr, mit Gottesdienst; die Kosten liegen bei rund 145 000, das finanzieren Landeskirche, Denkmalpflege und Gemeinde

■ Gemeinde: Außer Constappel gehören die Kirchen Weistropp und Unkersdorf dazu; sie hat rund 630 Mitglieder, davon leben etwa 200 in Constappel und Umgebung