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Umland Als der Meißner Dom brannte - Feuer als Strafe Gottes?
Region Umland Als der Meißner Dom brannte - Feuer als Strafe Gottes?
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06:24 24.06.2019
Nach einer Volkssage wurde der Brand des Meißner Doms als Eingreifen Gottes verstanden. Quelle: picture alliance / dpa
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Meißen

Wir haben sicher noch alle die furchtbaren Bilder vom Brennen der Pariser Kathedrale Notre-Dame vor Augen. Hilflos mussten die Menschen mit ansehen, wie sich die Flammen durch den Dachstuhl bis an die Westtürme heranfraßen und schließlich den Vierungsturm (von den Journalisten „Spitzturm“ genannt) zum Einsturz brachten. Ähnliches – nur nicht so im Fokus der Berichterstattung stehend – mussten die Meißner vor nunmehr 472 Jahren in den späten Nachmittagsstunden des 27. April 1547 über sich ergehen lassen. Fassungslos blickten sie hinauf zur Domkirche auf dem Burgberg, wo Flammen die hölzernen Türme, die man über dem breiten Westriegel um 1500 erbaut hatte, vernichteten.

Die große Hitze griff sogar die steinernen Turmwände an

In dem 1569 erschienenen Annalium Urbis Misnis Libri III berichtete Georg Fabricius über dieses schreckliche Ereignis. Demnach schlug nachmittags in der fünften Stunde ein Blitz in die Domtürme. Es brach ein Brand aus, der drei Türme, das Dach, die Glocken und die Orgel vernichtete. Die Domtürme stürzten brennend nach unten und zerschlugen die zwei westlichen Ge­wölbejoche des Mittelschiffes vom Langhaus. Beim Brand zerschmolzen die Glocken und die Orgelpfeifen, die brennenden Glockenstühle und Orgelgehäuse erzeugten so eine große Hitze, dass sogar die steinernen Turmwände angegriffen wurden: Die äußeren Seiten der Sandsteinquader des Turmmauerwerks waren bis in eine Tiefe von zehn Zentimeter völlig ausgeglüht. Diese Schichten stürzten ab und schwächten die Turmwände erheblich. Nicht nur im Bereich der Westtürme finden wir heute noch diese Schadensbilder, sondern auch an den beiden Chorflankentürmen des Domes im Osten, die ab 1250 im Winkel zwischen Chor und Querhaus aufgeführt wurden. Der Sandstein dort zeigt ein entfestigtes Gefüge mit rauen, in Schalen abgefallenen Oberflächen und hat sich durch die sich bei der Hitzeeinwirkung im Sandstein abspielenden physikalischen Vorgänge dunkelrot verfärbt.

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Auch heute noch sanden diese Mauerwerksbereiche stark ab. Dieses Schadensbild war vermutlich auch der Anlass, dass man damals die oberen Bereiche des Nordost-Turmes abgetragen hat. Heute sehen wir nur noch den Südost-Turm, der unter dem volkstümlichen Namen „Höckriger Turm“ bekannt ist.

Aber noch weitere Zeitzeugen gibt es für den Dombrand: 1558 zeichnete Hiob Magdeburg seine berühmte Ansicht mit dem Burgberg und dem Dom; es ist die älteste Stadtansicht Meißens. Vom Dom sind das Langhaus und der Chor, dazu der charakteristische Maßwerk-Turmhelm des Höckrigen Turmes dargestellt. An der Stelle der drei abgebrannten Domtürme im Westen hat er vermerkt: Turr. fulmine inflammata.

In der Volkssage, vor allem aber von der lutherischen Geistlichkeit, jedoch wurde das Brandereignis als ein zeichenhaftes Eingreifen Gottes verstanden, von einem „Strafgericht wider dem papistischen Haufen“. In einer vielfach nacherzählten Sage und einem eigens komponierten „New Liedt von dem Brande des Stiffts zu Meyssen“ heißt es, der Blitz sei die Strafe Gottes für den Sieg des katholischen Kaisers Karl V. in der Schlacht bei Mühlberg gewesen. Am 26.April 1547, also einen Tag vor dem Dombrand, war der für die Evangelischen streitende Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen gefangen genommen worden. Das auch nach der Einführung der Reformation 1539 altgläubig gebliebene Meißner Domkapitel hatte darauf hin das Te Deum laudamus gesungen. Man benutzte nun das Brandereignis, um ge­gen die „Papisten“ Stimmung zu machen. Dass der Blitz aber auch in die evangelische Meißner Stadtkirche einschlug, verschwieg man geflissentlich.

Das Domkapitel bemühte sich sofort nach der Katastrophe um den Wiederaufbau. Jedoch waren nach der Säkularisierung des hochstiftischen Besitzes 1539 die Mittel dafür begrenzt. Dennoch erhielt der Dom bereits kurze Zeit nach dem Brand neue Dachkonstruktionen und Ziegeldächer in vereinfachten Formen. Die Datierung der Errichtung der Dachstühle können wir mit modernen dendrochronologischen Untersuchungen belegen, die für das in den Dachwerken verbaute Tannenholz ein Fälldatum vom Winter 1545/46 ermittelt haben. Die Werkform des neuen Dachstuhls mit seinen „Hänge- und Sprengewerken“ zeigt schon die charakteristischen Merkmale moderner Renaissance-Dachstühle des 16. Jahrhunderts. In den Baurechnungen der Stiftsbaumeisterei werden Kosten in Höhe von 33 004 Groschen und acht Pfennigen ausgewiesen.

Der Sandstein wurde „in gotischer Manier“ bearbeitet

Die Wiedereinwölbung der eingestürzten Gewölbejoche geschah aber erst 1595, lange nach der Resignation des letzten Meißner Bischofs. Der Bau stand nun in der Regie des Landesherren, der sich nach der Reformation auch als oberster geistlicher Herr des Landes verstand und sich dadurch in der Verantwortung sah. Vielleicht gehen die Planungen auf Kurfürst Christian I. zurück; letztendlich war es aber Johann Georg I. Kurfürst von Sachsen (1585–1656), der den am Dresdner Schlossbau beschäftigten Baumeister Melchior Brunner (um 1550–1610) beauftragte, die zwei Joche wieder einzuwölben. Seine Steinmetze und Maurer bearbeiteten „in gotischer Manier“ sorgsam den Sandstein für die neuen Gewölberippen und Schlusssteine. Über dem Ring-Schlussstein mit einem offenen Schlundring von über ei­nem Meter Durchmesser wurde im Dachstuhl der Baukran montiert (der heute in rekonstruierter Form noch zu besichtigen ist). Selbstbewusst schmückten die Steinmetze ihre Werkstücke mit den Steinmetzzeichen – groß hervorgehoben Melchior Brunners Meisterzeichen – und einen der Schlusssteine mit dem Wappen des Herzogtums Sachsen. Die neuen Bauabschnitte fügen sich nahtlos in den alten Baubestand ein.

Gegen „Gottesgerichte“ sind wir modernen Menschen natürlich auch machtlos. Aber wir können heute das technisch Mögliche tun, um einen Dombrand zu verhindern. Dazu bot die zwischen 1992 und 2016 durchgeführte Domsanierung eine gute Gelegenheit. Einmal sind das Blitzschutzsysteme, die den gesamten Dom in einen „Faraday‘schen Käfig“ stellen und die einschlagenden Blitze sicher ableiten. Zum anderen sind das Strahlen sogenannter Ionisationsmelder, die in mehreren Ebenen durch die Dachstühle hindurch gesendet werden. Über Reflektoren umgelenkt, lösen sie Alarm aus, wenn ihre Energie zum Beispiel durch eine Rauchentwicklung unterbrochen oder abgemindert wird. In diesem Fall wird bei der Feuerwehrzentrale Alarm ausgelöst. Auch für eine Brandbekämpfung vor Ort ist vorgesorgt: bis in die Dachböden und Türme hinaufgeführte Standleitungen, an die die Feuerwehr mit ihren Pumpen „andocken“ können, bringen das Löschwasser sofort in die brennenden Bereiche.

*Günter Donath ist Dombaumeister a.D.

Von Günter Donath