Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Polizeiticker Mordfall Sophia: Chefermittler rekonstruiert Verbrechen - mehrere Attacken
Region Polizeiticker Mordfall Sophia: Chefermittler rekonstruiert Verbrechen - mehrere Attacken
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:43 25.07.2019
Der wegen Mordes angeklagter Mann sitzt vor Prozessbeginn im Sitzungssaal im Landgericht Bayreuth. Dem Lastwagenfahrer wird vorgeworfen, die 28-jährige Tramperin Sophia aus Leipzig ermordet zu haben. Quelle: Daniel Karmann/dpa
Bayreuth/Leipzig

Am zweiten Tag des Gerichtsprozess im Mordfall der Leipziger Tramperin Sophia am Bayreuther Landgericht hat der Bericht des leitenden Ermittlers Peter Biersack (Polizei Bayreuth) den geständigen Boujemaa L. stark belastet und teilweise Angaben des Angeklagten, die er beim Geständnis zum Prozessauftakt gemacht hatte, widerlegt.

Biersack rekonstruierte minutengenau die Fahrt des Marokkaners im Juni 2018 vom Schkeuditzer Kreuz bis nach Südspanien, zeigte Videobilder von Dutzenden Tankstellen und Rastplätzen, präsentierte belastende DNA-Spuren. Zudem zitierte er Oduktionsergebnisse der spanischen Ärzte, die von zwei Angriffen zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf die Studentin sprechen, mit zwischenzeitlicher Fesselung. Der letztere sei dann tödlich gewesen, hieß es. Boujemaa L. hatte behauptet, Sophia innerhalb eines Streits bis zu sieben Mal attackiert zu haben, bestritt aber, sie dabei töten zu wollen.

Letzte Aufnahmen von Sophia am Rasthof in Berg

Wie der Kriminalbeamte im Zeugenstand ausführte, war Sophia am 14. Juni 2018 gegen 16 Uhr in ihrer Leipziger Wohnung aufgebrochen, um zur Geburtstagsfeier ihres Vaters Johannes ins fränkische Amberg zu trampen. Ihren späteren Peiniger traf sie an der Raststätte Schkeuditzer Kreuz und fuhr mit ihm um 18 Uhr in Richtung Bayern. Die letzten Bilder, auf denen die Studentin lebend zu sehen ist, stammen eineinhalb Stunden später vom Rasthof in Berg bei Hof (Franken), wo sich Boujemaa L. und Sophia gemeinsam einen Kaffee geholt hatten.

Beim nächsten Halt um 21.03 Uhr auf dem Rasthof in Sperbes passierten die Angriffe. Laut früherer Zeugenaussagen des Angeklagten soll Sophia hier unteranderem auch vergeblich nach einer anderen Mitfahrgelegenheit gesucht haben, um dann wieder bei ihm einzusteigen. Das Fahrzeug bewegte sich nun drei Stunden lang nicht vom Fleck, fuhr anschließend im fränkischen Lauf einen Kunden an, blieb dort über Nacht.

Blutspuren an Overall - DNA an Bierdose und Kopfhörer

Hier habe sich der Angeklagte umgezogen und verschiedene Dinge in einem Mülleimer entsorgt, sagte Biersack. An einer später dort gefunden Bierdose sowie an einem Kopfhörer wurden Spuren von Sophia und dem Marokkaner gefunden. Der Lkw-Fahrer setzte mit der Leiche im Fahrzeug seine Fahrt fort, hielt weitere acht Mal in Deutschland auf Parkplätzen und bei Kunden an, ehe er nach Frankreich fuhr (weitere elf Stopps) und anschließend nach Spanien (13 Stopps).

In Nordspanien schaffte der Angeklagte die Leiche aus seinem Fahrzeug und verbrannte sie gut 90 Meter von einer Tankstelle entfernt in einem trockenen Wassergraben neben der Straße. Dies hatte er am Dienstag auch bereits gestanden. An einem späteren Haltepunkt in Arrona entsorgte er seinen Overall in einem Mülleimer – der Hausmeister der Tankstelle habe das Kleidungsstück des Angeklagten gesichert und den Behörden übergeben, sagte Biersack. An dem Overall konnten später Blutspuren von Sophia gefunden werden.

34 Schnittverletzungen, sechs stumpfe Schläge

Wie Biersack weiter sagte, hätte die Obduktion nicht weniger als 34 postmortale Schnittverletzungen sowie sechs von stumpfen Schlägen stammende Verletzungen am Kopf des Opfers nachgewiesen. Letztere müssen zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sein. Beim ersten Angriff erlitt das Opfer verschiedene Quetschungen, wurde nachweislich gefesselt und erlitt erst dann tödliche Verletzungen. Spuren von sexuellen Handlungen konnten die Ermittler an der Leiche nicht feststellen. Allerdings seien auf dem Handy von Boujemaa L. unter anderem Fotos von verschiedenen Frauen auf Raststätten gefunden worden, die er offenbar heimlich einen Tag vor dem Zusammentreffen gemacht hatte.

Zudem hatte sich der 42-Jährige wenige Stunden vor der Fahrt mit Sophia mit erigiertem Geschlechtsteil selbst gefilmt. Es habe auch andere Fotos und Videos auf dem Telefon gegeben, die allerdings nach der Tat gelöscht wurden und von den Ermittlern nicht wieder hergestellt werden konnten.

Wie der Bayreuther Kriminalbeamte zudem erklärte, hätten die spanischen Behörden bei ihren Durchsuchungen im ausgebrannten Fahrzeug in Südspanien unter anderem einen Fußabdruck, ein Notizbuch sowie eine Tragetasche mit der halb verkohlten Aufschrift „Kein Mensch ist illegal“ im Fahrzeug gefunden. Ein ähnlicher Fußabdruck wurde später auch am Tatort sichergestellt - konnte allerdings nicht zweifelsfrei dem Angeklagten zugeordnet werden.

Hersteller des Fahrzeugs bezweifelt technischen Defekt

Warum der Tatort, der Lastwagen des Marokkaners, letztlich in Südspanien am Straßenrand in Flammen aufging, lässt sich nicht zweifelsfrei nachweisen, sagte der Kriminalbeamte. Boujemaa L. behauptet, ein technischer Defekt im Motor habe das Fahrzeug entzündet. Experten vom Hersteller Volvo sowie der Versicherungsgesellschaft bezweifeln diese Angaben.

Ein Speditionskollege des Marokkaners soll sich bei einer Vernehmung auch gewundert haben, warum der Angeklagte die im Fahrzeug befindlichen Feuerlöscher nicht benutzt habe, um die Flammen zu löschen. Einen Beweis, dass der 42-Jährige den Tatort mutwillig in Brand gesetzt hat, gibt es allerdings nicht.

Leipziger Polizei durchsucht Sophias WG

Biersack machte am Mittwoch nicht zuletzt auch Angaben zu den Ermittlungen der Behörden in Deutschland – unter anderem zu denen der Leipziger Polizei, die den Fall anfänglich betreut hatte. Er sprach davon, dass die Polizei in der Messestadt am 16. Juni, zwei Tage nach Sophias Verschwinden und einen Tag nach der Vermisstenmeldung von Sophias Vater Johannes in Amberg, mit den Ermittlungen begonnen hatte.

Am 18. Juni einigten sich die bayrischen und sächsischen Kollegen darauf, dass die Recherchen dann verantwortlich in Leipzig geführt werden sollen. Zu diesem Zeitpunkt war Sophia bereits vier Tage tot.

Es wurden GPS-Daten bei der Lkw-Spedition abgefragt, aber auch Freunde und Familienmitglieder mehrfach vernommen. Dabei fand unter anderem auch eine Durchsuchung in der Leipziger Wohngemeinschaft von Sophia statt, bei der ein USB-Stick und ein Computer sicher gestellt wurden. Familie und Freunde hatten derweil bereits am 15. Juni mit eigenständigen Recherchen begonnen, ermittelten im Zuge dessen den Lkw und konnten sogar telefonisch Kontakt zum Fahrer aufnehmen – der Bilder von sich und seinem Ausweis nach Leipzig schickte und bestätigte, Sophia zwar mitgenommen, allerdings lebend abgesetzt zu haben.

Staatsanwaltschaft und Verteidigung wollen bis zur Urteilsverkündung Mitte September bis zu 17 Zeugen im Gericht vernehmen. Wie Richter Heim erklärte, sollen darunter auch zwei Gerichtsmedizinerinnen aus Spanien sein, die die Überreste des Opfers obduziert haben und die per Videoschaltung im Bayreuther Landgericht befragt werden sollen.

Von Matthias Puppe

Mit dem Ruf „Versteckte Kamera!“ hielt ein Jugendlicher einer Frau am Haltepunkt Neusörnewitz eine Waffe vor das Gesicht. Nach Einschätzung der Geschädigten handelte es sich um eine Softairpistole.

24.07.2019

Im Juni 2018 soll der marokkanische Lastwagenfahrer Boujemaa L. die Leipziger Studentin Sophia Lösche getötet haben. Zum Prozessauftakt am Dienstag in Bayreuth legte der Angeklagte ein umfangreiches Geständnis ab.

23.07.2019

Am Dienstagvormittag ist ein 67-jähriger Motorradfahrer in Pirna-Sonnenstein in ein Stauende gekracht. Anschließend streifte er einen entgegenkommenden BMW. Der Mann erlitt schwere Verletzungen.

23.07.2019