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Mitteldeutschland Zehn Jahre NSU-Selbstenttarnung: Die Zwickauer Zelle
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Zehn Jahre NSU-Selbstenttarnung: Die Zwickauer Zelle

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05:00 04.11.2021
München: Demonstranten halten bei einer Kundgebung Schilder mit Porträt-Abbildungen der NSU-Opfer. (Archivbild)
München: Demonstranten halten bei einer Kundgebung Schilder mit Porträt-Abbildungen der NSU-Opfer. (Archivbild) Quelle: Lino Mirgeler/dpa
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Berlin

Die Frühlingsstraße, im Norden von Zwickau. Eine grüne Wiese, ein Spielplatz. Mehr ist nicht übrig von dem Ort, an dem sich einmal das letzte Versteck des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) befand. Während Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mordend durchs Land zogen, hielt ihre Freundin Beate Zschäpe hier die bürgerliche Fassade des Terrortrios aufrecht. Sie lud Nachbarn auf Pizza und Prosecco ein, blieb für einen Schwatz stehen.

Vor zehn Jahren, am 4. November 2011, fand die Polizei in einem Wohnmobil in Eisenach die Leichen von Mundlos und Böhnhardt. Sie hatten zuvor eine Sparkasse überfallen und wussten durch das Abhören des Polizeifunks, dass die Beamten ihnen auf den Fersen waren. Zschäpe zündete die gemeinsame Wohnung an und begab sich auf eine ziellose Flucht. Sie warf mindestens zwei von insgesamt 15 Bekenner-DVDs ein, die in den Folgetagen an politische, kulturelle und religiöse Organe und Redaktionen versandt wurden. Am 8. November stellte sich Zschäpe in Jena der Polizei.

Die NSU-Wohnung ist weg, die leere Wiese ein Symbol

Zwickau war der Rückzugsort des Trios. Das so etwas hier möglich war, ein scheinbar normales Leben und eine zehnjährige Mordserie, daran erinnert hier heute nichts mehr. Das Haus mit der NSU-Wohnung ist abgerissen. Bei manchen in Zwickau weckt das Unverständnis. Die leere Wiese steht für sie symbolisch dafür, dass sich die Stadt nicht ausreichend mit dem NSU auseinandersetzt. Und mit der Frage, warum das Terrortrio ausgerechnet hier unbemerkt unterkommen konnte.

Aber es gibt auch das andere Zwickau. Jenes, das sich nach zehn Jahren nach einer Art Schlussstrich sehnt. Und hat der NSU seine Taten nicht in ganz anderen Städten verübt, in Dortmund, Kassel und Nürnberg? Und ist er nicht auch in anderen Städten untergekommen, etwa in Chemnitz und Jena?

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Mitten in das Gedenken an die Opfer des NSU platzt ein Streit, wie weit Gedenken überhaupt gehen darf. Um den Streit zu verstehen, kann man bei einer Frau anfangen, die ihr Büro fünf Kilometer südlich von der grünen Wiese hat. Constance Arndt, 44, hat früher ein Modegeschäft geführt. Vor einem Jahr wurde sie für die „Bürger für Zwickau“ zur Oberbürgermeisterin gewählt.

Für die leere grüne Wiese kann Arndt nichts. Ihre Vorgängerin Pia Findeiß ließ das Haus abreißen, das der NSU dort bewohnte. Nachdem die Rechtsterroristin Zschäpe am 4. November 2011 die Wohnung in Brand gesteckt und eine Explosion herbeigeführt hatte, sagte Findeiß der „Bild“-Zeitung: Sie wolle nicht, dass die Straße „zu einem Wallfahrtsort für Rechtsextremisten wird“.

Wie halten Sie es mit dem NSU, Frau Arndt? „Die Morde machen mich bis heute betroffen“, sagt sie. Auch deshalb habe sie kürzlich zugesagt, als die Macher einer Theateradaption des NSU-Prozesses sie für eine Rolle anfragten. Sie musste einmal darüber schlafen, dann sagte sie zu. Auf einer Bühne in Weimar las sie die Aussagen einer Zeugin des Prozesses vor, an dessen Ende Beate Zschäpe verurteilt wurde.

„Ich habe dadurch einiges neu verstanden“, sagt sie. Und schlussfolgert: Man muss auch künftig in Zwickau die Frage aufwerfen, wie es sein konnte, dass das mordende Trio hier unbemerkt leben konnte. „Der NSU konnte in Zwickau untertauchen, weil er hier ein Netzwerk hatte“, sagt sie. So etwas dürfe nicht noch einmal passieren. Niemand in Zwickau dürfe auf die Idee kommen, einen falschen Weg, den in die rechte Szene, einzuschlagen.

Einen Gedenkort gab es schon – aber nicht lange unbeschädigt

Die Oberbürgermeisterin sagt aber auch: Es müsse Grenzen in der Auseinandersetzung des NSU geben. „Zwickau ist keine Terrorstadt“, sagt sie. „Sehr wahrscheinlich wäre der NSU auch woanders untergekommen.“ Und viele Zwickauer störe es, wenn man ihre Stadt „andauernd auf die drei Buchstaben reduziert“.

Am Donnerstag, dem zehnten Jahrestag der Selbstenttarnung des NSU, wird Zwickau einen Gedenktag abhalten. Constance Arndt wird im Zwickauer Dom den Opfern des NSU gedenken. Auch die Stadtoberhäupter von Jena und Chemnitz werden dabei sein, wo der NSU auch aktiv war. Danach will man gemeinsam an den Gedenkbäumen im Zwickauer Schwanenteichpark Kerzen abstellen. Die Bäume wurden 2019 in Erinnerung an die zehn Todesopfer des NSU gepflanzt. Wenige Wochen später wurde einer von ihnen abgesägt – mutmaßlich von Rechtsextremisten.

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Für Zwickauer wie Jakob Springfeld war das Absägen ein Signal, dass die Unterstützer des NSU weiterhin in der Stadt aktiv sind. Der heute 19-Jährige brachte damals mehr als 100 Schülerinnen und Schüler in der Hofpause dazu, mit Blumen für eine Schweigeminute zu dem abgesägten Baum zu spazieren. Heute sagt er: „Es gibt in Zwickau immer noch starke Neonazi-Strukturen.“

Er habe das selbst erlebt. Als er die ersten Fridays-for-Future-Demonstrationen seiner Stadt mit organisierte, wurden er und andere plötzlich in seiner Stadt angefeindet. „Das waren Bedrohungen, man wird angespuckt, es steht plötzlich ein Nazi vor deiner Tür“, sagt er.

Mitglieder von Vereinen gegen Rechts berichten von Drohungen

Auch die Plauener Neonazi-Partei „III. Weg“ entdeckt Zwickau derzeitig als strategischen Raum. Ihre Plakate im Bundestagswahlkampf mit der Aufschrift „Hängt die Grünen“ wollte Oberbürgermeisterin Arndt verbieten – aber das Verwaltungsgericht Chemnitz entschied, dass sie bleiben dürfen. Personen, die sich in Zwickauer Vereinen gegen Rechts engagieren, berichten von Bedrohungen.

Springfeld studiert mittlerweile in Halle. Alle zwei Wochen fährt er noch nach Zwickau, er ist der Stadt sehr verbunden. Und er glaubt, dass sich viele in Zwickau schwertun, sich mit dem Thema Rechtsextremismus und dem, was dem NSU hier ein leben ermöglichte, auseinandersetzen. „Die Stadt sorgt sich eher um ihr Image“, sagt er.

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Darauf, dass es in Sachsen bald einen festen Ort geben soll, der sich mit dem NSU auseinandersetzt, hat man sich aber mittlerweile in der sächsischen Regierung festgelegt. Man wolle die Errichtung „eines Dokumentationszentrums für die Opfer der Taten des in Sachsen untergetauchten NSU unterstützen“, heißt es im Koalitionsvertrag. Und bevor am Donnerstag den Opfern gedacht wird, soll ein Fördermittelbescheid für die Konzeption eines solchen Zentrums übergeben werden.

Die Grüne Justizministerin Katja Meier will „einen hohen fünfstelligen Betrag“ an die sächsischen Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) übergeben. Das Zentrum soll ein Ort mit Archiv und Ausstellungsraum sein, zum Erinnern, Forschen und für Abendveranstaltungen. Und viele, die sich für ihn einsetzen, können sich gut vorstellen, dass er an einen markanten Ort kommt: die leere grüne Wiese im Zwickauer Norden.

NSU konnte in Zwickau auf aktive Neonazistruktur zurückgreifen

„Für mich gehört das Dokumentationszentrum grundsätzlich nach Zwickau“, sagt auch Hannah Zimmermann. Die Chemnitzer Soziologin wird führend an der Konzeption der Dokumentation beteiligt sein. Für das NSU-Aufarbeitungsprojekt „Offener Prozess“ hat sie untersucht, wie der NSU entstehen konnte und wer ihn unterstützt hat. „In Zwickau konnte der NSU auf eine aktive Neonazistruktur zurückgreifen, die es dort bis heute in Teilen gibt“, sagt Zimmermann.

Allerdings, sagt sie, gebe es in der Stadt eine gewisse Abwehrhaltung. Bemerkt habe sie das beispielsweise im vergangenen Jahr. Da hatte Ex-OB Findeiß angeregt, eine halbe Stelle in der Stadtverwaltung zu schaffen, die sich mit der NSU-Aufarbeitung auseinandersetzt. Aber der Stadtrat stimmte gegen die Personalie.

Für einen Gedenkort braucht es nur ein OK

Zimmermann sorge sich, dass die Zwickauer Bedeutung des NSU nach dem Jahrestag in Vergessenheit geraten könnte. „Es wurde jetzt schon vieles unter den Teppich gekehrt“, sagt sie. Dass man jetzt einen Ort schaffen könnte, der das Gedenken auf lange Zeit manifestiert, sei „eine einmalige Chance“. Auch Springfeld sagt: „Wir wollen das Ding auf jeden Fall nach Zwickau holen.“

Was jetzt noch fehlt? Ein Bekenntnis der Stadt, ein Vorstoß der Oberbürgermeisterin, vielleicht ein Beschluss im Stadtrat. Das Dokumentationszentrum selbst, das an die 60 Millionen Euro kosten soll, finanziert das Land. Geld braucht es also keins, nur ein OK.

Arndt sagt, sie würde gern darüber im Gespräch bleiben, wie Zwickau auch zukünftig dem NSU gedenken soll. Aber ein Ort in Zwickau, der sich allein dem NSU widmet? „Das fände ich eher schwierig“, sagt die Oberbürgermeisterin.

Von Josia Mania Schlegel/RND