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Mitteldeutschland Wird der Böhlitzer Holzberg-Steinbruch zugeschüttet?
Region Mitteldeutschland Wird der Böhlitzer Holzberg-Steinbruch zugeschüttet?
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19:12 22.09.2019
Das im ehemaligen Holzberg-Steinbruch bei Böhlitz entstandene Biotop droht mit Erdmassen verkippt zu werden. Quelle: Winfried Mahr
Thallwitz

Letzte Sonnenstrahlen des Tages fallen seitlich auf eine steile Felsplatte. Bis zu 40 Meter ragt der schroffe Porphyr in die Höhe. Hoch droben auf der Klippe meckern zwei versprengte Ziegen. „Fast wie in den Alpen, oder?“, scherzt Christian Krönert und blinzelt aufwärts. Vor allem dieses ausgedienten Steinbruchs in den Hohburger Bergen wegen sind der 38-jährige Sachse und seine 34-jährige Lebensgefährtin Melanie Husemann von Leipzig ins Dörfchen Böhlitz, einen Ortsteil der Gemeinde Thallwitzim Landkreis Leipzig, umgezogen.

Wie viele andere Bergsportfreunde klettert Christian Krönert gern an der Holbergwand. Quelle: Winfried Mahr

Krönert reist als Anwalt kreuz und quer durchs Land, zählt weder Kilometer noch Überstunden. Sobald er aber heimkehrt ins beschauliche Böhlitz, tauscht er den Aktenkoffer schleunigst gegen die Kletterausrüstung. „Dann ruft die Holzberg-Wand“, sagt er. „Hier bekommt man den Kopf ganz schnell wieder frei.“

Krater bietet Dutzenden Arten Schutz

Mit dieser Vorliebe steht Krönert nicht allein. Längst wissen Bergfreunde aus Nah und Fern den einzigen Kletter-Brennpunkt der Region zu schätzen. Denn zu den Touren verschiedener Schwierigkeitsgrade an der steilen Abbruchkante kommt die traumhafte Aussicht. Am Boden des Felsenkessels tut sich ein wahres Naturparadies auf. Sage und schreibe 47 Vogelarten, zehn Fledermausarten, diverse Amphibien und Reptilien haben sich in den felsigen Spalten und der rund drei Hektar großen Flachwasserzone angesiedelt.

Ganz zu schweigen von Spinnen, Faltern, Insekten und seltenen Pflanzen. „Der Steinbruch Holzberg bietet mit seiner Strukturvielfalt und seinem vielfältigen Mosaik unterschiedlichster Biotope auf kleinem Raum für viele Artengruppen einen Hotspot in der Region“, schreibt der Hallenser Umweltforscher Martin Seils in einem wissenschaftlichen Gutachten.

Friedliches Biotop droht zur Kippe zu verkommen

Doch das umschwärmte Refugium ist extrem bedroht. Der Steinbruchkessel soll zugeschüttet werden. Mit Bauaushub der Abbruchfirma Kafril, die das Gelände von der Basalt AG erworben hatte. Für eine aktuelle Stellungnahme, ob das Unternehmen mit gut 200 Beschäftigten – immerhin einer der größten Arbeitgeber der Region – an den Verfüllungsplänen weiter festhält, war Geschäftsführer Jens Karnahl trotz wiederholter Anfragen nicht bereit. „Das Alte muss dem Neuen weichen“ ist einer der Slogans, mit dem die in Großzschepa bei Wurzen angesiedelte Unternehmensgruppe auf ihrer Internetseite wirbt. Diesem Leitsatz wäre wohl auch das Refugium am Holzberg längst unterworfen worden.

Das im ehemaligen Holzberg-Steinbruch bei Böhlitz entstandene Biotop droht mit Erdmassen verkippt zu werden. Quelle: Winfried Mahr

“Handfester Umweltskandal“

Doch der Widerstand gegen die geplante Verfüllung mit einer 30 Meter dicken Schicht von Erdaushub wächst. „Was sich hier abspielt, ist ein handfester Umweltskandal“, sagt Gunther Winkler.

Der 64-Jährige ist Sprecher der Bürgerinitiative Böhlitz, die sich seit einem Jahr der Rettung des Flachwasserbiotops verschrieben hat. „Überall sind Arten von Lebewesen dramatisch unter Druck. Und hier bei uns, wo sich die Natur in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten wertvollen Lebensraum zurück erkämpft hat, soll sie verschüttet werden!“ Winkler ringt kurz um Fassung. Mit kontrollierter Anspannung sagt er noch: „Das wäre eine Bankrotterklärung der sächsischen Umweltpolitik!“

“Unerträgliche Tatenlosigkeit der Behörden“

Aus seiner Warte wäre es bei entsprechendem Willen leicht, die Verfüllung zu untersagen. „Doch was wir als Bürgerinitiative stattdessen erleben, ist eine unerträgliche Tatenlosigkeit der Behörden“, kritisiert Winkler. Vor allem die Untere Naturschutzbehörde (UNB) beim Landratsamt habe sich durch zurückgehaltene Gutachten, lasche Auflagen und halbherzige Kontrollen dem Verdacht der Befangenheit ausgesetzt. Beispielsweise sei viel zu spät gegen das illegale Abpumpen des im einstigen Steinbruch angesammelten Flachwassers vorgegangen worden, sodass die Wasserfläche bis August dieses Jahres auf die Hälfte ihrer bisherigen Ausdehnung geschrumpft sei.

Der Verdacht: Entsprechende Beweise haben Naturschützer aufgenommen und als Videos online veröffentlicht. „Die UNB tritt quasi als Dienstleister für die Firma Kafril in Erscheinung“, prangert die Initiative in einem jetzt ans Umweltministerium verschickten Positionspapier an, das der LVZ vorliegt. Bei anderer Gelegenheit ist von verlorenem Vertrauen und von kommunalpolitischem Filz die Rede.

Umweltamtsleiter will sich noch nicht festlegen

Dem widerspricht Umweltamtsleiter Lutz Bergmann, der sich auf geltendes Bergrecht beruft. Im Restloch Holzberg gebe es zwar gesetzlich geschützte Biotope, räumt der Amtsleiter auf LVZ-Anfrage ein. Dafür spreche nicht zuletzt das Faunistische Sondergutachten aus Halle. Allerdings könnten laut Bundesnaturschutzgesetz auch Ausnahmen vom Biotopschutz beantragt werden, so Bergmann. „Da bisher kein Antrag vorliegt, wurde auch nicht geprüft, ob die Voraussetzungen einer Ausnahme vorliegen.“ Bislang sei zu der beabsichtigten Verfüllung „weder eine Prüfung erfolgt noch kann eine Aussage getroffen werden“, ließ die in Grimma ansässige Behörde mitteilen.

Alpenverein hält sich mit Kritik zurück

Etliche Bergsportler unterstützen zwar die Rettung des Holzberg-Biotops, geraten dabei aber unausweichlich in einen Interessenkonflikt. Denn für die Kletterwand auf der Nordseite des Steinbruchs hat der Eigentümer ihnen die weitere Nutzung vertraglich zugesichert. „Das ist ein einmaliges Kletterparadies“, sagt der Leipziger Bergsteiger Olaf Rieck, bekannt durch Expeditionen in die höchsten Gebirge der Welt. „Die Böhlitzer Wand würden Kletterfreunde gern weiter nutzen“, sagt der 54-Jährige.

Wohl auch deshalb hielt sich die Leipziger Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV), die das Klettergebiet betreut, mit Kritik am Steinbrucheigner deutlich zurück. Einschränkungen werden auch durch verstärkte Naturschutzauflagen befürchtet. Also bleiben die Alpinisten vorerst auffällig unauffällig.

Holzbergfreunde wollen Naturparadies erhalten

Rieck und andere DAV-Mitstreiter wagen sich dagegen aus der Deckung und schlagen einen anderen Kurs ein. „Da wir bisher bei der Regionalpolitik, den zuständigen Behörden und auch innerhalb des Deutschen Alpenvereins leider keinen wirklichen Willen zur Erhaltung der Artenvielfalt im Holzberg feststellen können, haben wir uns entschlossen, die Holzbergfreunde zu gründen, um gemeinsam mit der Bürgerinitiative Böhlitz dafür zu kämpfen, das Natur- und Kletterparadies Holzberg in seiner jetzigen Form zu erhalten“, lassen die Initiatoren über soziale Kanäle wissen. Gegenüber der LVZ legt Rieck nach: „Wir wollen diese Biotop schützen - koste es, was es wolle! Notfalls auch um den Preis eines Kletterverbots.“

Für ihn und die anderen Holzbergfreunde sei es „eine unvorstellbare Vision, ja ein Albtraum, dass ein Refugium intakter Natur am Fuße des Kletterfelsens künftig unter Hunderttausenden Tonnen von Baustellendreck begraben wird“, so der promovierte Alpinist. „Es darf nicht wahr sein, dass angesichts von Klimawandel und permanentem Artensterben der Naturschutz in Deutschland eine weitere derartige Niederlage einfach hinnimmt.“

Sachsens Grüne: Irreparablen Schaden verhindern

Längst ist das Tauziehen um den Holzberg auch in der Landespolitik angekommen. Wolfram Günther, Fraktionschef der sächsischen Grünen und Verhandlungsführer bei den laufenden Sondierungen für die künftige Regierungskoalition unter grüner Beteiligung, machte sich kürzlich selbst ein Bild von der Flora und Fauna.

„Wenn wir so was kaputtmachen, würden wir einen Schaden anrichten, der überhaupt nicht mehr reparabel ist für die nächsten Jahrhunderte“, sagte er im Röhricht und forderte: „Im Interesse des Artenschutzes muss alle Kraft in die Erhaltung des gesunden Holzberg-Biotops gesteckt werden!“ Das müsse im ureigensten Interesse der öffentlichen Hand sein, sagte der Politiker, dem gewisse Chancen nachgesagt werden, im Kabinett das künftige Umweltressort zu übernehmen.

Die Holzbergfreunde, zu denen auch Melanie Husemann und Christian Krönert gehören, wollen das artenreiche Flachwasser-Biotop im Krater unbedingt vor der Zerstörung retten. Quelle: Winfried Mahr

Einvernehmliche Lösung angestrebt

Sachsens Umweltministerium (SMUL) steht mit der Bürgerinitiative im schriftlichen und mündlichen Austausch, bestätigte die Sprecherin Bianca Schulz auf LVZ-Anfrage. „Das gemeinsame Ziel der Akteure ist es, das entstandene wertvolle Naturpotenzial langfristig zu erhalten.“ Mögliche Lösungen könnten nur gemeinsam mit dem Bergbauunternehmen gefunden werden. Das Umweltministerium „wird dies fachlich eng begleiten und im Ergebnis über eine zusätzliche Erörterung im SMUL entscheiden“, teilte die Sprecherin mit.

Selbst Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte sich im August für den Erhalt des Holzberg-Biotops und der Kletterwand ausgesprochen. Er schlug vor, einen Mediator einzusetzen, um den seltenen Lebensraum bei Böhlitz zu erhalten. Ein prominenter Landespolitiker könnte sich nach Kretschmers Vorstellung in die schwierige Materie vertiefen, um dann zwischen den unterschiedlichen Interessen zu vermitteln.

Ein Vorschlag, den auch Kletterfreund Krönert begrüßt: „Wir brauchen eine einvernehmliche Lösung.“ Wie die aussehen könnte? „Die Firma Kafril bekommt politische Unterstützung bei der Suche nach einer Ausgleichsfläche zur Verkippung, beispielsweise im nahe gelegenen Steinbruch Lüptitz. Und die Nachsorge am Holzberg könnte eine Landesstiftung übernehmen.“ In diesem Kompromiss sieht der verhandlungserprobte Jurist den „Königsweg“. Bis ans Ziel dürfte es aber noch steinig und mühsam zugehen.

Von Winfried Mahr

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