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Mitteldeutschland „Wir wurden auch mit dem Tod bedroht“
Region Mitteldeutschland „Wir wurden auch mit dem Tod bedroht“
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12:01 30.11.2019
Mark Frank ist Leiter der Notaufnahme am Krankenhaus in Görlitz und Leiter der DRF-Luftrettung. Quelle: Paul Glaser
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Leipzig

Mark Frank ist Leiter der Notaufnahme am Krankenhaus in Görlitz und Leiter der DRF-Luftrettung. Bei seiner Arbeit wurde er auch schon mit dem Tode bedroht. Dafür hat er – in Grenzen – sogar Verständnis.

Wie häufig erleben Sie Gewalt in der Notaufnahme?

Wir haben vielleicht nicht täglich, aber doch sehr häufig mit verbalen Attacken zu tun. Es gibt Handgreiflichkeiten und Tätlichkeiten von Patienten oder Angehörigen. Das Personal wird bedroht, beschimpft – bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen.

Haben solche Fälle zugenommen?

Es ist immer schwer, das mit Zahlen zu belegen. Das bedürfte einer fundierten Analyse. Gefühlt würden wir alle in der Notaufnahme sagen: ja. Ob es dann wirklich so ist, kann man nur schwer beantworten. Ich habe das Gefühl, es wird mehr darüber gesprochen. Und je mehr darüber gesprochen wird, desto mehr wächst das Gefühl, dass es zunimmt.

Wird möglicherweise zu viel darüber gesprochen?

Nein, ich finde es wichtig, dass man darüber spricht. Weil wir Personal in den Notaufnahmen haben (nicht nur bei uns), das häufig an der Grenze des Machbaren arbeitet. Da geht es per se um Situationen, die schon im täglichen Arbeitsleben als belastend empfunden werden. Glauben Sie mir, das nimmt einen auch mit – Ärzte, Pflegekräfte, alle Beteiligten. Dennoch versucht man mit Herz und Verstand das Beste zu geben. Wird diese Arbeit dann aber auch noch verbal infrage gestellt, obwohl man versucht das Beste zu geben, dann ist das etwas, was sehr weh tut.

Gesetzt die Fälle sind gleich geblieben. Warum wird jetzt so viel darüber gesprochen?

Es wurde auch früher schon darüber gesprochen. Wir sind auch früher schon beschimpft, manchmal auch bespuckt worden. Man hat uns aufgefordert, den Rettungswagen wegzufahren, obwohl es um lebensbedrohliche Situationen ging. Ich glaube, dass Gewaltsituationen grundsätzlich stärker in den Fokus gerückt sind. Das liegt auch an der Medienlandschaft. Wenn irgendwo etwas passiert, hat man Minuten später schon das Live-Video dazu auf Youtube.

Wie kann man die Notaufnahme besser schützen? Durch mehr Wachschutz?

Wir hatten hier im vergangenen Jahr wirklich die ein oder andere Situation, in die ich auch involviert war, wo wir mit dem Tode bedroht wurden. Das ist einem nicht egal, sage ich Ihnen. Ich möchte aber dennoch nicht in einem Land leben, in dem ich mich als Arzt mit einem Sicherheitsservice schützen muss. Dann würde ich lieber aufhören. Nicht, weil ich um meine Sicherheit fürchte, sondern weil der Beruf dann keinen Spaß mehr macht.

Wie erklären Sie sich solche Ausraster von Patienten und Angehörigen?

Wir versuchen mit menschlicher Zuwendung und ein wenig Grips, vielleicht auch fachlichem Können stets das Beste zu geben. Natürlich machen wir auch Fehler – menschliche und fachliche. Die Frage ist nur: Wie gehen wir damit um? Womit wir kämpfen, sind Personengruppen, die möglicherweise im täglichen Leben ganz anders sind. Bei denen Stress und Alkohol oder auch Drogen dazu führen, dass sie ihr Wesen ein Stück weit verändern. Das hat auf jeden Fall zugenommen.

Fühlen sich die Leute falsch behandelt? Warten sie zu lang? Ist es Angst um Angehörige?

Ich glaube, wir haben einige Situationen, die man gut entschärfen kann, wenn man mit den Menschen einfach darüber spricht. Natürlich werden wir regelmäßig beschimpft, weil die Wartezeiten zu lang sind. Die Menschen haben ja recht. Das heißt aber nicht, dass wir das anders leisten könnten. Die Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, reichen manchmal einfach nicht aus. Wenn wir aber erklären, was wir tun, warum wir es tun und warum das so lange dauert, dann können wir viele bei ihren Emotionen abholen.

Was nichts an der objektiven Situation ändert.

Notaufnahme bedeutet auch, dass wir viel kompensieren, was gesellschaftlich völlig in die Hose gegangen ist. Wir sind der notfallmedizinische und auch der soziale Auffangbehälter. Wir machen mitunter den sozialen Job, der in der Fläche nicht mehr geleistet werden kann. Wir schicken deshalb auch niemanden weg. Wir sagen nur: Ihre Beschwerden sind jetzt nicht akut.

Das klingt nach Verständnis für emotionale Ausraster?

Ich kann es nachvollziehen. Wenn der Hausarzt sagt: „Jetzt warten Sie doch mal zwei Monate ab. Dann kommt die Untersuchung, dann jene.“ Man braucht eine zeitnahe Versorgung und darf die Menschen nicht mit ihrer Krankheit allein lassen. Dass die dann in die Notaufnahme kommen, ist vollkommen klar. Wenn wir ihnen dann aber erklären: „Wir schicken Sie nicht weg. Wir werden uns um Ihr Problem bestmöglich kümmern. Es dauert aber.“ Dann schaffen wir damit auch ein Stück weit Verständnis.

Randalierer werden Sie damit aber nicht beruhigen.

Die, die wirklich randalieren oder aggressiv werden, holen wir damit tatsächlich nur selten ab. Für diese Leute sind wir das Ventil für den Druck, den man an anderer Stelle nicht los wird. Das hat dann auch eigentlich gar nichts mehr mit uns und der Notaufnahme zu tun. Man kann mit Menschen, die psychischen Belastungen ausgesetzt sind, die psychische Störungen haben oder die sich Rauschmitteln aussetzen, nicht vernünftig reden.

Wie hält man das aus?

Das ist vor allem für die Pflegekräfte schwer. Stellen Sie sich vor, so eine junge Frau gibt am Tage alles und dann kommt am Abend jemand, der sie beschimpft und sagt: Ich steche dich ab. Wissen Sie, wie viel Arbeit es macht, so jemanden wieder aufzubauen?

Welche Rolle spielt die Zugehörigkeit zu anderen Kulturkreisen dabei?

Wir erleben Menschen aus allen Herkunftsländern – inklusive Deutschland –, die sich im Ton vergreifen oder aggressiv werden. Dass Patienten oder Angehörige, die aus Krisengebieten kommen und über Jahre hinweg womöglich Schlimmes erlebt haben, zunächst erfassen müssen, wie der Umgangston hier ist, dafür habe ich sogar Verständnis. Aber ich kann gar nicht sagen, dass wir mehr Ausländer haben, die sich im Ton vergreifen. Es gibt auch viele Deutsche, die das tun.

Auch dafür reicht Ihre Toleranz?

Es ist ein Abbild der Gesellschaft. Wir dürfen auf der einen Seite erkennen, dass es uns gut geht. Und zwar allen – bis auf ganz wenige Ausnahmen, die ich mit liebevollem Respekt betrachten möchte. Aber es werden auch durch die veränderte Medienlandschaft Bilder gezeichnet, mit denen man ganze Gruppen und Horden instrumentalisieren kann. Das halte ich für unfassbar gefährlich.

Sind also die Medien schuld?

Nicht nur. Wir reden ja jeden Tag mit den ganz normalen Menschen. Man hat beim Rettungsdienst immer einen Einblick in die Wohnung, in das familiäre Umfeld. Und die Notaufnahme ist das geschützte Umfeld, in dem nichts weitererzählt werden darf. Dort öffnen sich die Menschen. Der Druck, der auf den Menschen lastet, die arbeiten gehen, ist unfassbar groß geworden. Die Leute trauen sich nicht krank zu sein.

Von Roland Herold

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