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Mitteldeutschland Woher der Begriff „Wende“ wirklich kommt
Region Mitteldeutschland Woher der Begriff „Wende“ wirklich kommt
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12:07 04.09.2019
Blick auf die Montagsdemonstration am 13. November 1989 auf dem Karl-Marx-Platz. Damals aktuell: die Losung „Wir sind das Volk“. Quelle: dpa
Leipzig

Bernd Lindner (66), habilitierter Kulturhistoriker und -soziologe, bis 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator des Zeitgeschichtlichen Forums, hat bei all seinen Meriten vor allem eins vorzuweisen: Er ist, wie er selbst von sich sagt, ein „Jäger und Sammler“. Als stets neugieriger Geist beschäftigt er sich seit 30 Jahren mit den Losungen und Begriffen der Friedlichen Revolution.

Jetzt hat er dazu ein Buch verfasst, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. Lindner: „Man weiß: Die Friedliche Revolution war ein Ereignis von historischer Tragweite. Ihre Geschichte ist bis heute unzertrennlich mit einzelnen Losungen verbunden, die damals das Geschehen auf den Straßen nachhaltig geprägt haben.“ Wortschöpfungen des „Volkes“ brachten Konflikte, Hoffnungen und Emotionen jener Tage auf den Punkt. Einige der Losungen wirken, wie auch immer, nach bis heute. Man denke nur an die stolze Erinnerung, aber auch an den politischen Missbrauch von „Wir sind das Volk“.

Der Kulturhistoriker und -soziologe Bernd Lindner. Quelle: Andre Kempner

Volker Braun prägte den Begriff der „Wende“ – nicht Egon Krenz

Lindner hat Erstaunliches herausgefunden. Von wem stammt die „Wende“? Immer wieder wird der Begriff nahezu urheberrechtlich dem früheren DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz zugeschrieben. Dabei tauchte das Wort schon 1988 als Titel eines Gedichts von Volker Braun auf, und am 11. Oktober 1989 hieß es in einem Prolog Brauns zum Spielzeitbeginn des Berliner Ensembles: „Unsere Bühne, Raum bietend/den großen Widersprüchen/wird wieder eröffnet./Der Planwagen der Händlerin/und der Eisenwagen der Genossen/stoßen aufeinander. Was für alte /Fahrzeuge, die nicht wenden können! Ihre sichtbare/Schwierigkeit macht uns Mut/zu einer andern Bewegung. Eröffnen wir/auch das Gespräch /über die Wende im Land.“

Auch „Der Spiegel“ benutzte den Begriff

Auch „Der Spiegel“ benutzte die „Wende“, in der Ausgabe nach dem 9. Oktober hieß es auf dem Titel „Die Wende in der DDR“. Krenz hatte, so Lindner, den Begriff für sich entdeckt und glaubte, den Wandel in der DDR/SED klären zu können. Und wie kam es dazu, dass aus „Wir sind das Volk“ – „Wir sind ein Volk“ wurde? – „Dafür ist die Bild-Zeitung zuständig, in der ersten Ausgabe nach der Öffnung der Mauer in war in dicken Lettern zu lesen: Wir sind ein Volk“. Wer sprach eigentlich zum ersten Mal von der „Friedlichen Revolution“? – „Bundeskanzler Helmut Kohl weilte am 9. November in Warschau und kam nach der Maueröffnung spontan nach West-Berlin. Auf einer Kundgebung dankte der Regierende Bürgermeister Walter Momper den DDR-Bürgern für ihre friedliche und demokratische Revolution“.

Proteste 1989 in Leipzig

4. September 1989 in Leipzig, es war Messe. Die Internationalität nutzten die Bürgerrechtlerinnen Katrin Hattenhauer und Gesine Oltmanns für ihren Protest. Sie zeigten im Nikolaikirchhof das Transparent „Für ein offenes Land mit freien Menschen“.

Das Geschehen war am Abend in den bundesdeutschen TV-Sendungen ein Thema. Die seit Monaten bei unterschiedlichen Protesten zu hörenden Rufe „Wir wollen raus“ waren zu vernehmen. Damals erklang aber auch, freilich nicht gesendet, „Wir bleiben hier“.

„Wir wollen raus“

Lindner fand es auf ungeschnittenem Material des ZDF. Er benennt Friedrich Schorlemmer, für den „mit diesem revolutionären Ruf des Herbstes 89 der Weg zur Demokratie“ begann. Nikolaikirchpfarrer Christian Führer erinnerte sich, auf dem Balkon des Pfarrhauses stehend, „Wir wollen raus“ gehört zu haben, aber ungleich stiller und fast von Humor getragen und „wie ein trotziges Echo“ zum ersten Mal „Wir bleiben hier“. Lindner bekam vor Jahren Kenntnis eines Berichts von Johannes Pietsch, Sohn der langjährigen Leipziger Galeristin Elke Pietsch.

Mit Freunden war der Oberschüler an diesem 4. September ’89 auf dem Platz nach dem ersten Friedensgebet nach der Sommerpause: „Wir waren 16, 17 Jahre alt und das Ganze für uns junge politischen Geister ein einziges Abenteuer, ein Traum von Freiheit …“

„Wir bleiben hier“ wird zur zentralen Losung

Die jungen Männer riefen wohl mehr aus „Fez und Gaggsch“ ihr „Wir bleiben hier“ und wurden (noch) überstimmt von denen, die raus wollten. „Am 9. Oktober wurde das ,Wir bleiben hier‘ zu einer zentralen Losung der Friedlichen Revolution“, so Lindner.

Der Traum wurde für die damaligen Abiturienten wahr. Johannes Pietsch, Friedrich Kühn und Jakob Fix gründeten nach dem Herbst 1989 den ersten Schülerrat in der DDR. Man(n) ging und geht seinen Weg hier und längst auch in Europa.

Am 4. September 1989 nach dem Friedensgebet (Mitte, von links nach rechts): Jakob Fix (in die Hände klatschend), Anselm Harz, Johannes Pietsch und Conrad Wilhelm. Nicht im Bild: Friedrich Kühn, der die Losung „Wir bleiben hier“ mit initiierte. Quelle: Screenshot/Material ZDF

Von Thomas Mayer

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