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Mitteldeutschland Was bringen die Tourismus-Schilder an Sachsens Autobahnen?
Region Mitteldeutschland Was bringen die Tourismus-Schilder an Sachsens Autobahnen?
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14:07 29.12.2018
Eine Tafel nahe der Autobahnabfahrt Leipzig-Ost auf der A14 weist auf die Ringelnatz-Stadt Wurzen hin. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
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Leipzig/Magdeburg

Zwischen Bernburg und Magdeburg taucht das Schild plötzlich auf: „Ringheiligtum Pömmelte“ steht da am Rand der A 14, mit weißer Schrift auf braunem Grund. Die Tafel weist auf kreisförmig angeordnete Robinienstämme hin, die als „deutsches Stonehenge“ vermarktet werden. Rund 28.000 Besucher zog die Stätte zuletzt an. Pömmelte-Zackmünde ist damit ganz offiziell ein besonders sehenswertes Stück Deutschland - andernfalls dürfte laut amtlicher Richtlinie gar kein braunes Schild an der Autobahn darauf hinweisen. Entlang der Fernstraßen gibt es immer mehr dieser Schilder.

5000 bis 7000 Euro pro Tafel

Die Hinweise, die im Amtsdeutsch „touristische Unterrichtungstafel“ heißen, dürfen dennoch nur äußerst sparsam angeordnet werden, wie das Magdeburger Verkehrsministerium mitteilte. Eine Beschränkung auf besonders bedeutsame Ziele solle eine Überfrachtung des Straßenrands ebenso verhindern wie eine Entwertung der Schilder. „Sie sind keine Werbeanlagen und dienen nicht dazu, eine Region touristisch zu vermarkten.“ Wer einen Hinweis auf seine Sehenswürdigkeit will, muss das beantragen - und das Schild selbst bezahlen. 5000 bis 7000 Euro kostet eine Tafel, wie das sächsische Landesstraßenamt vorrechnet.

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Ungeachtet all der Hürden und Vorgaben erfreuen sich die Schilder wachsender Beliebtheit. In Sachsen gibt es den Angaben zufolge rund 300 dieser Schilder. Seit der Lockerung der gesetzlichen Vorschriften im Jahr 2011 hat sich ihre Zahl verdoppelt. Unter anderem ist es seitdem erlaubt, vier statt nur zwei Schilder zwischen zwei Abfahrten aufzustellen. In Sachsen-Anhalt gibt es 150 Hinweise auf besonders bedeutsame Ziele - eine Verdreifachung. Nur zehn Anträge wurden im gleichen Zeitraum abgelehnt, drei werden noch geprüft.

Gondwanaland und Bach in Leipzig

Allein zehn Schilder weisen auf die Unesco-Welterbestätten hin. Rund um Magdeburg laden sieben Tafeln zum Besuch touristischer Sehenswürdigkeiten hin, Halle hat drei braune Hinweisschilder. Wer sich Leipzig nähert, wird über „Bach in Leipzig“ informiert oder erfährt, dass es im Zoo der Messestadt die Tropenhalle Gondwanaland gibt. Aber auch das Umland will rund um die sächsische Großstadt auf sich aufmerksam machen, zum Beispiel die „Ringelnatz-Stadt Wurzen“.

Auch der Freizeitpark Belantis bei Leipzig bekam an der A38 sein eigenes Schild. Quelle: Kempner

Fährt wirklich jemand wegen einer braun-weißen Tafel für einen Touristen-Trip von der Autobahn ab? „Hilfreich sind sie in jedem Fall“, sagt die Chefin des sachsen-anhaltischen Tourismusverbands, Bärbel Schön. Weiter ins Detail will sie aber gehen. Das sächsische Straßenbauamt meint, dass die Wirksamkeit der Schilder objektiv kaum bewertet werden könne - zumal ihr Zweck ja auch keinesfalls Werbung sei. Der Zoo Leipzig teilt mit, dass bei Besucherbefragungen nicht nachgehakt werde, ob schon mal jemand wegen des Schildes gekommen ist.

ADAC begrüßt Orientierungshilfe für Touristen

Und wie steht es mit der Ablenkung der Autofahrer im sowieso schon üppigen Schilderwald? Der Automobilclub ADAC und auch die Landesverkehrswacht Sachsen sehen da eher keine Gefahr. „Dort, wo diese Schilder stehen, stehen keine anderen. Wir sehen da kein Problem. Es ist eher eine schöne Information für Touristen“, sagt Helmut Büschke, Geschäftsführer der Landesverkehrswacht.

„Weil die Tafeln ja braun sind, kann sie jeder Autofahrer als Nicht-Verkehrsschild identifizieren“, erklärt Christine Rettig, die für den ADAC in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt spricht. „Werbung am Straßenrand in Städten ist da eher ein Ablenkungsfaktor.“

Kampf ums „Räucherkerzenland“

Dass es gar nicht so leicht ist, an ein braunes Schild zu kommen, erlebte dieses Jahr die sächsische Gemeinde Crottendorf. Sie wollte an der A72 auf das „Räucherkerzenland Crottendorf“ hinweisen lassen, erhielt jedoch eine Absage des Landesstraßenamtes. Zu werblich, lautete das Urteil. Außerdem sei an der A72 gerade gar kein Platz frei und das erst 2017 eröffnete Räucherkerzenland habe seine „touristische Bedeutsamkeit“ noch nicht nachweisen können. Aufgeben wollen die Crottendorfer aber wohl noch nicht. Sie halten sich einen zweiten Anlauf offen, um doch noch in den Kreis von Pömmelte & Co aufgenommen zu werden.

Von Franziska Höhnl und Birgit Zimmermann