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Mitteldeutschland Am Zentralabitur scheiden sich auch in Sachsen die Geister
Region Mitteldeutschland Am Zentralabitur scheiden sich auch in Sachsen die Geister
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10:21 06.03.2020
In wenigen Wochen legen deutsche Gymnasiasten ihre Abiturprüfungen ab. Während Sachsen besonders hohe Ansprüche stellt, kommen Schüler in anderen Bundesländern nach Ansicht von Fachleuten oft mit weniger Aufwand zu einem Studienplatz. Quelle: Jakob Richter
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Leipzig

Die Rufe nach einem bundesweiten Zentralabitur werden lauter. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Stefanie Hubig (SPD), dringt darauf, dass sich die Länder bis zum Jahresende auf Schritte für eine bessere Vergleichbarkeit von Schulabschlüssen einigen. „Alle Bundesländer müssen bereit sein, sich zu bewegen“, sagte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Mein Ziel ist, dass wir in diesem Jahr zu einer Vereinbarung der Länder für mehr Gemeinsamkeit kommen.“

Hubig betonte: „Wir wollen die Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern erhöhen – und dabei geht es um alle Schularten und Abschlüsse.“ Dadurch solle auch der Umzug von Familien mit Schulkindern von einem Bundesland in ein anderes erleichtert werden.

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Ex-Kultusminister geißelt „Abiturbetrug

Noch wesentlich härter geht der Ex-Bildungsminister vom Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb, mit dem Schulsystem ins Gericht. „Der deutsche Bildungsföderalismus ist mausetot. Er muss endlich beerdigt werden“, lautet sein vernichtendes Urteil kurz vor Beginn der diesjährigen Abiturprüfungen. „Das System ist gescheitert und aus sich heraus nicht reformierbar“, sagte er der Leipziger Volkszeitung. Zusammen mit der Erziehungswissenschaftlerin Katja Koch von der Universität Rostock übt er in dem eben erschienenen Buch „Der Abiturbetrug“ scharfe Kritik an den unterschiedlichen gymnasialen Anforderungen und nennt dafür ein Beispiel. „Die Leistungen der sächsischen Gymnasiasten sind deutlich besser als die der Kollegen aus Thüringen. Dennoch schließen Thüringer Abiturienten bundesweit mit dem besten Notenschnitt von 2,16 ab.“ Trotz mittelmäßigen Leistungsniveaus in Sprachen und Naturwissenschaften stehe in Thüringen bei fast 40 Prozent der Abiturienten bei der Abschlussnote eine Eins vor dem Komma.“ Damit hätten Thüringer Schulabgänger weitaus bessere Chancen aufs Wunschstudium als Bewerber aus anderen Bundesländern. „Deutschland braucht ein Zentralabitur, um Gerechtigkeit zu schaffen und das Bildungsniveau hierzulande spürbar anzuheben“, fordert Brodkorb. „Die derzeitigen Schulabschlüsse sind nicht gleichwertig.“

Mathias Brotkorb ist Mitautor des Buches „Der Abiturbetrug". Darin wird der deutsche Bildungsföderalismus scharf kritisiert. Quelle: privat

In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sprachen sich 80 Prozent der Befragten dafür aus, dass Abiturienten im ganzen Land einheitliche Prüfungen vorgelegt bekommen. Nur jeder Zehnte lehnt das ab. „Das deutsche Schulsystem leidet seit Jahren unter einer politischen Handlungsblockade“, kritisiert Brodkorb. „Alle wissen, was falsch läuft, aber keiner korrigiert die Fehler.“

Lehrerverband für zentrale Schulprüfungen

Auch der Sächsische Lehrerverband fordert, die Abitur-Standards bundesweit auf einem hohen Niveau anzugleichen. „Denn nur bei einheitlichen Anforderungen ist die Chancengleichheit aller Abiturientinnen und Abiturienten gewahrt“, sagte der Landesvorsitzende Jens Weichelt der LVZ. Insbesondere bei hochschulinternen Auswahlverfahren würden „Notendurchschnitte zu Grunde gelegt, die keine objektive Vergleichsbasis für den Bildungsstand eines Bewerbers zulassen“. Exemplarisch sei der auffällig hohe Anteil von Lehramtsstudenten aus anderen Bundesländern an sächsischen Unis (Leipzig etwa 60 Prozent), die „aufgrund besserer Abiturnoten – die vom Anspruchsniveau nicht immer vergleichbar sind – einen Studienplatz erhalten“.

Wichtig seien deshalb einheitliche Bildungsstandards und zentrale Abschlussprüfungen in allen Bundesländern „nicht nur beim Abitur, sondern auch bei mittleren Schulabschlüssen. Ein bundesweites Zentralabitur dürfe aber „auf keinen Fall zu einer Senkung der Leistungsansprüche führen“, so Weichelt. „Hier ist die Kultusministerkonferenz gut beraten, sich an sächsischen Standards zu orientieren.“

GEW kritisiert ungleiche Bildungschancen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft befürchtet hingegen, einheitliche Abiturprüfungen würden „keineswegs zur Vergleichbarkeit des Abiturs“ führen, stattdessen aber „zu einer enormen zusätzlichen Belastung für viele Lehrerinnen und Lehrer an Gymnasien“, wie deren Landeschefin Uschi Kruse auf LVZ-Anfrage erklärte. Viel notwendiger als das deutsche Zentralabitur seien gleiche Bildungschancen für alle. Kruse verweist auf „eine Vielzahl von Schularten, unterschiedliche Investitionen in den Bildungsbereich, Unterschiede in der Lehrerausbildung, der Personalausstattung, bei der Dauer von Bildungsgängen oder bei Lerninhalten“. Während in Sachsen nach zwölf Jahren die Abiturprüfung abgenommen wird, hätten die Schülerinnen und Schüler der meisten Länder ein Jahr länger Zeit. „Das Bild vom Wettlauf zwischen Hase und Igel ist naheliegend“, so Kruse.

Kultusministerium gegen sinkende Abi-Standards

Sachsens Kultusministerium sieht sich als Vorreiter im Streben für ein bundesweit vergleichbares Abitur. So habe sich der Freistaat als einer der ersten für gemeinsame Aufgaben in den Prüfungen eingesetzt. „Bei allen Bemühungen um Chancengleichheit beim Hochschulzugang geht es aber nicht um ein deutschlandweites Zentralabitur“, betonte Ministeriumssprecher Dirk Reelfs gegenüber der LVZ. Das klinge zwar gut, könne aber allzu „leicht zu einer Absenkung der Anforderungen führen“. Sachsen brauche „weiterhin ein anspruchsvolles Abitur, damit hiesige Abiturienten optimal auf ein Hochschulstudium vorbereitet werden“.

Die hohen Anforderungen hierzulande bestätigt Ex-Bildungsminister Brodkorb: „Sachsen verlangt seinen Abiturienten bedeutend mehr Leistung ab als die meisten anderen Länder. Und das führt offenbar auch zu besseren Ergebnissen.“ Was sich im Länder-Ranking niederschlägt. Brodkorb: „Bei den schulischen Leistungen der Gymnasiasten gibt es deutschlandweit zwei einsame Spitzenreiter: Bayern und Sachsen. Danach kommt lange nichts.“

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