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Mitteldeutschland Warum Sachsens Schüler besonders unter der Abitur-Misere leiden
Region Mitteldeutschland Warum Sachsens Schüler besonders unter der Abitur-Misere leiden
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14:26 06.03.2020
Gymnasiasten werden in Deutschland ungerecht behandelt, sagt der Bildungsexperte Mathias Brodkorb und fordert ein bundesweites Zentralabitur. Quelle: Felix Kästle/dpa
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Dresden

Das deutsche Abitur ist ungerecht. Nicht einmal dann, wenn zwei Schüler aus unterschiedlichen Bundesländern dieselben Fächer belegt haben, exakt identische Leistungen erbringen und auch vollständig gleiche Noten haben, ist auch dieselbe Abiturnote garantiert. Geht es noch absurder?

Ein staatspolitischer Skandal

Es ist etwas faul in der Bildungsrepublik Deutschland, und das weiß inzwischen auch jeder. Wie aber kann die Bildungspolitik das seit Jahrzehnten zulassen? Immerhin garantiert das Grundgesetz die Gleichbehandlung aller vor dem Gesetz und „gleichwertige Lebensverhältnisse“. Davon kann beim Abitur keine Rede sein. Vor allem die Abiturnote entscheidet darüber, ob man seinen Wunschstudienplatz bekommt oder nicht. Sind die Abiturnoten der Länder aber nicht gleichwertig, riskiert der Staat einen Verfassungsbruch gegenüber seinen Bürgern. Das ist ein staatspolitischer Skandal und hat auch das Bundesverfassungsgericht mehrfach auf den Plan gerufen. Indes: Geändert hat sich dadurch im Grunde nichts.

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Mathias Brotkorb ist Mitautor des Buches „Der Abiturbetrug". Darin wird der deutsche Bildungsföderalismus scharf kritisiert. Quelle: privat

Der Vater aller Probleme ist der Bildungsföderalismus, also die Zuständigkeit der Länder für die Bildung. Wo sollen auch gleichwertige und damit gerechte Noten herkommen, wenn jedes Bundesland die Regeln für das Abitur selbst festlegt? Ein „bundesweit einheitliches Zentralabitur“ lehnt die Kultusministerkonferenz (KMK) kategorisch ab. Wie Vergleichbarkeit ohne Einheitlichkeit funktionieren soll, bleibt allein ihr Geheimnis. Statt Gerechtigkeit herrschen Chaos und Beliebigkeit.

Wir wissen weniger, als gedacht!

Seit der ersten PISA-Studie vor fast 20 Jahren wird an Deutschlands Schulen gemessen, was das Zeug hält. Nur eines wird nicht überprüft: ob das Abitur auch hält, was es verspricht. Warum die Kultusministerkonferenz das nicht tut, ist klar: weil die schreiende Ungerechtigkeit dann für alle offensichtlich wäre.

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Allerdings werden hin und wieder zumindest die Leistungen in der neunten Jahrgangsstufe an Gymnasien unter die Lupe genommen – und diese haben natürlich Folgen für das spätere Abiturniveau. Zunächst die schlechte Nachricht: Auch wenn es uns durch die PISA-Berichterstattung immer wieder anders vorgegaukelt wird, sind Leistungsrankings mit Vorsicht zu genießen. Das einzige, was wir wirklich verlässlich wissen, ist: welche Länder in der Spitzengruppe liegen, welche in der Mittelgruppe und welche in der Schlussgruppe.

Sachsen ganz weit vorn

Sachsen kann durchaus stolz auf seine Schulen sein. Gemeinsam mit Bayern liegen seine Gymnasiasten mit ihren Leistungen in Deutschland ganz weit vorn. Danach kommt lange nichts. Ob in den Naturwissenschaften, Mathematik oder selbst in Deutsch: zuverlässig finden sie sich in der Spitzengruppe wieder. Nur in Englisch landen die Sachsen deutschlandweit auf den letzten Plätzen, wie übrigens der gesamte Osten. Dabei liegt die Abiturquote in Sachsen mit 37 Prozent sogar leicht unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Dass das Land die zweitbesten Abiturnoten aller Länder aufweist, lässt sich angesichts der guten Leistungen gut rechtfertigen.

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Die sächsischen Abiturienten leiden damit aber in besonderer Weise unter der deutschen Abiturmisere: Während Berlin zu den mit Abstand leistungsschwächsten Bundesländern gehört, legen dort mit über 50 Prozent deutlich mehr Schüler erfolgreich das Abitur ab als in Sachsen. Und während Thüringens Gymnasiasten lediglich Mittelmaß sind, fallen ihre Abiturnoten sogar noch besser als die in Sachsen aus. Und genau dies erzeugt die allseits beklagte Ungerechtigkeit rund um das deutsche Abitur.

Trotzdem ist auch in Sachsen oder Bayern nicht alles Gold, was glänzt. Studien zeigen, dass viele Abiturienten in ganz Deutschland ihre Hochschulreife erwerben, ohne über die eigentlich erforderlichen Voraussetzungen zu verfügen. Das gilt selbst für Sachsen. Die Folgen zeigen sich in unnötig hohen Abbrecherquoten an den Hochschulen und einem immer größer werdenden Fachkräftemangel im Handwerk.

Thüringen: Notenkönig von Deutschland

In Thüringen gibt es offenbar ganz besonders kluge Schüler. Nicht anders ist es zu erklären, dass das Land bei den Einser-Abituren in Deutschland spitze ist. Aber auch die anderen Abiturienten können sich freuen. Sie erreichen in Thüringen mit 2,16 einen traumhaften Notendurchschnitt. In Deutschland ist niemand besser.

Durch die Leistungen allerdings ist das nicht zu rechtfertigen. In den Naturwissenschaften relativ stark, in Mathematik oder Deutsch bloß Mittelmaß. In Mathe weisen Thüringens Gymnasiasten zum Beispiel gegenüber sächsischen Gymnasiasten einen Lernrückstand von mehr als einem halben Schuljahr auf. In Englisch liegen sie bundesweit sogar ganz weit hinten. Darüber tröstet nur die Tatsache hinweg, dass das für den ganzen Osten so gilt.

Dass Leistungen und Noten beim deutschen Abitur allenfalls geringe und keinesfalls systematische Zusammenhänge aufweisen, kann den Thüringern natürlich völlig Bratwurst sein. Für alle anderen aber ist es ungerecht. Während sächsische oder bayerische Schüler mit deutlich besseren Leistungen glänzen, haben die Thüringer die besten Chancen auf ihren Wunschstudienplatz. Wer nur eben kann, mache sich daher auf nach Thüringen. Hier ist die Pole-Position im bundesweiten Rennen um die begehrten Studienfächer und -orte garantiert.

Föderalismus als heilige Kuh

Gerechtigkeit in der Bildung allerdings ist nicht zu erwarten. Der Beschluss über ein tatsächlich gleichwertiges und niveauvolles Deutschland-Abitur müsste von der Kultusministerkonferenz einstimmig gefasst werden. Aber irgendjemand ist immer dagegen. Entweder weil er das Abitur nicht schwerer oder weil er das Abitur nicht leichter machen will. Einig ist man sich nur in Einem: bloß keine zentralen Maßstäbe. Die heilige Kuh des Bildungsföderalismus darf auf keinen Fall geschlachtet werden.

Die Bevölkerung sieht es genau umgekehrt. Ein ums andere Mal ergeben repräsentative Befragungen, dass sich 80 bis 90 Prozent ein gerechtes und gleichwertiges Schulsystem mit zentralen Abschlussprüfungen wünschen. Warum bloß wird das Wahlvolk nicht erhört – ausgerechnet in einer Demokratie? Ganz einfach: Irgendwo ist immer bald wieder Landtagswahl, und mit Bildungspolitik gewinnt man bekanntermaßen keine Wahlen. Aber man kann sie mit ihr verlieren.

Die DDR hatte in struktureller Hinsicht das weitaus sinnvollere Schulsystem. Stundenpläne und Prüfungsanforderungen waren für alle gleich, die erreichten Noten gingen alle ins Abiturzeugnis ein, ohne Wahlrecht und Trickserei.

Das Wahlvolk muss entscheiden

Bildung ist ein Kernbereich staatlichen Handelns. Mit ihr entscheidet sich die Gerechtigkeit einer Gesellschaft. Mit der staatlich organisierten Bildungsungerechtigkeit in Gestalt der Bundesländerhoheit riskiert man gegenüber seinen Bürgern einen permanenten Verfassungsbruch. Deutsche Abiturienten werden keineswegs gleichbehandelt, obwohl das Grundgesetz genau dies fordert.

Wir sehen daher nur einen, der die Misere beseitigen könnte: das Wahlvolk selbst. Das nämlich hat die Nase gründlich voll vom Chaos in der Bildungspolitik. Nur eine Volksabstimmung könnte die Selbstblockaden der deutschen Politik im Interesse der Sache überwinden. Gewiss: Dazu müsste man das Grundgesetz ändern und die parlamentarische Demokratie erneuern. Aber: Wer dazu nicht bereit ist, möge von Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit im Schulsystem für immer schweigen.

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Mathias Brodkorb (ehemaliger Bildungsminister in Mecklenburg-Vorpommern) und Katja Koch (Professorin für Sonderpädagogik an der Universität Rostock) sind die Autoren des Buches: Der Abiturbetrug. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus. Eine Streitschrift. zu Klampen Verlag 2020; 16 Euro.

Von Von Mathias Brodkorb