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Mitteldeutschland Bsirske: Bei Verdi bleibt Arbeitskampf mit Amazon Chefsache
Region Mitteldeutschland Bsirske: Bei Verdi bleibt Arbeitskampf mit Amazon Chefsache
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10:46 23.09.2019
Der scheidende Verdi-Chef Frank Bsirske. Quelle: Britta Pedersen/dpa
Leipzig

Der nunmehr seit sechs Jahren andauernde Tarifstreit mit Amazon ist ein „Leuchtturm, auf den ganz viele in der Gesellschaft schauen“, sagt der scheidende Verdi-Chef Frank Bsirske. Im Interview mit der LVZ kündigte er an, dass der Kampf auch unter seinem Nachfolger Frank Werneke Chefsache bleiben wird.

Herr Bsirske, Sie sind 67 und als ein Kämpfer bekannt. Fällt es Ihnen leicht aufzuhören? 

Wenn ich sagen würde, dass es mir leicht fällt, wäre das gelogen. Ich denke aber, dass es der richtige Zeitpunkt ist aufzuhören. Ich habe das vor vier Jahren angekündigt und halte Wort.

Von der Basis – jedenfalls hier in Mitteldeutschland – ist keine Kritik zu hören, eher das Gegenteil. Wenn Sie zurückblicken, was war Ihr größter Erfolg?

Dass es uns gelungen ist, mit Verdi die starke Dienstleistungsgewerkschaft in Deutschland zu schaffen. Das war keineswegs selbstverständlich, denn wir sind ein Zusammenschluss von einst fünf Gewerkschaften mit jeweils eigener Kultur und Vergangenheit. Schon Zusammenschlüsse von zwei Firmen – wir kennen das aus der Wirtschaft – scheitern gar nicht selten. Uns ist die Vereinigung gelungen. Wir haben dadurch an Stärke und Einfluss gewonnen und gemeinsam eine Menge durchgesetzt wie zum Beispiel den Mindestlohn, die Aufwertung der Berufe im Pflege- und Sozialbereich, tarifliche Verbesserungen bei den Löhnen in vielen Branchen. Und, und, und...

Sie haben Mitgliederverlust zu verzeichnen. Warum?

Durch den Arbeitsplatzabbau bei Post, Telekom oder etwa beim Öffentlichen Dienst sind hunderttausende Stellen verloren gegangen. In anderen Branchen sind neue Arbeitsplätze entstanden, oft aber befristet und im Niedriglohnsektor angesiedelt mit hoher Fluktuation der Beschäftigten. Bei unserem Zusammenschluss waren unter den Mitgliedern 400 000, die bis zu einem Jahr keine Mitgliedsbeiträge abgeführt hatten. Die sind – als wir dem nachgingen – größtenteils ausgetreten. Und viele verlassen die Gewerkschaft, wenn es auf die Rente zugeht, obwohl wir gerade in Sachen Alterssicherung sehr aktiv sind. Da müssen wir noch besser werden in der Ansprache unserer Mitglieder. Andererseits sind wir aber sehr erfolgreich in der Mitgliederwerbung. Jährlich treten mittlerweile 122 000 neue Mitglieder ein. Es gibt nicht viele Organisationen in Deutschland, die das schaffen.

Nur 46 Prozent der Betriebe im Osten sind tarifgebunden

Im Osten sind nur 46 Prozent der Betriebe tarifgebunden. Da hat sich in den letzten Jahren nicht viel getan.

Die Tarifflucht der Unternehmen, vor allem im Osten, ist in der Tat ein riesiges Problem. Wir wissen ja, Tarifverträge schützen. Die Löhne sind in tarifgebundenen Unternehmen 20 bis 30 Prozent höher als in Betrieben ohne Tarifbindung und die Arbeitsbedingungen sind dort besser. Der Erosion der Tarifbindung muss Einhalt geboten werden. Von unten durch mehr gewerkschaftliche Organisierung. Von oben durch Unterstützung aus der Politik durch Erleichterung von Allgemeinverbindlichkeitserklärungen und tarifpolitische Vorgaben für öffentliche Aufträge. Wir wollen, dass künftig bei öffentlicher Auftragsvergabe nur tarifgebundene Auftragnehmer zum Zuge kommen. Im Saarland hat die Regierung eine entsprechende Gesetzesinitiative gestartet. Das ist gut so. In Niedersachsen hat die Sozialministerin angekündigt, im Pflegebereich keine Fördermittel mehr an tarifungebundene Firmen zu geben. Ebenfalls ein gutes Signal.

Sehen Sie eine ähnliche Entwicklung in Sachsen?

Bei Linken, Grünen und SPD fanden sich solche Vorschläge in den Wahlprogrammen. Sollte es tatsächlich zu einer Kenia-Koalition kommen, sollten SPD und Grüne darauf hinwirken, dass sich das auch im Regierungsprogramm wiederfindet.

Seit nunmehr sechs Jahren will Verdi Amazon an den Verhandlungstisch zwingen, bislang ohne Erfolg. Sie haben Amazon zu Ihrer Chefsache gemacht – empfinden Sie das als persönliche Niederlage?

Bei Amazon denken viele, wir würden gegen Windmühlen kämpfen. Das ist aber ganz und gar nicht so. Wir sind ein ganzes Stück vorangekommen. In Bereichen des Unternehmens, wo früher kaum einer organisiert war, haben wir heute je nach Lager einen Organisationsgrad von 30 bis über 50 Prozent. Vor Streikbeginn gab es bei Amazon vier Jahre lang keine Lohnerhöhung. Heute kommt es regelmäßig zu Lohnerhöhungen, die sich an den Abschlüssen im Einzelhandel orientieren. Früher gab es kein Weihnachtsgeld, jetzt schon. Materiell hat sich unser Kampf also auf jeden Fall ausgezahlt. Und: Die Belegschaft ist selbstbewusster geworden. Auch wenn wir noch immer keinen Tarifvertrag durchsetzen konnten, haben wir doch viel bewirkt.

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Wird Verdi trotz des massiven Widerstands des Managements den Kampf fortsetzen?

Mit Sicherheit. Wir sind uns bewusst, dass wir es mit einem potenten Gegenüber zu tun haben. Einem Unternehmen, das sich auf dem Weg zum globalen Monopol gemacht hat und die Arbeitsbeziehungen weltweit amerikanisieren will. Auch bei uns in Deutschland. Es ist der Versuch, eine andere Kultur durchzusetzen – diese steht konträr zu dem, was sich in Europa entwickelt hat.

Sie meinen die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern?

Ja, denn dieses faire Miteinander führt zu ordentlichen Arbeitsbedingungen auf der Grundlage von Tarifverträgen. Und Tarifverträge schützen. Diesen Schutz will Amazon nicht. Wir nehmen diesen Kulturkampf an.

Wir kämpfen solange, bis es Tarifverträge mit Amazon gibt

Wer hat den längeren Atem?

Wir. Wir kämpfen solange, bis es Tarifverträge mit Amazon gibt.

Wird Ihr Nachfolger Frank Werneke die Auseinandersetzung ebenso zur Chefsachen machen?

Ganz sicher. Denn das ist ein Leuchtturm. Auf diesen Kampf schauen ganz viele in der Gesellschaft.

Auch bei DHL sah es lange so aus, als ob sich nichts bewegt. Viele der Beschäftigten mussten Arbeitslosengeld II beantragen.

Das war so. Aber wir konnten in den vergangenen Jahren Lohnabschlüsse für die DHL-Mitarbeiter über dem Schnitt in der Gesamtwirtschaft erzielen. Heute haben wir mit DHL in Leipzig eine stark organisierte Belegschaft mit großer Durchsetzungskraft. Der Organisationsgrad liegt bei 80 Prozent.

DHL greift stärker auf ausländische Fachkräfte zurück – ist das aus Gewerkschaftssicht ein Problem?

Migrantinnen und Migranten machen ein Viertel unserer Gesellschaft aus. Es gilt sie zu integrieren, durch Bildung, Arbeit und Gleichstellung. Im Übrigen: Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund sind ein starker Faktor in den Gewerkschaften, denn sie haben eine hohe Bereitschaft sich gewerkschaftlich zu organisieren. Ich erinnere mich noch gut an einen der längsten Arbeitskämpfe in der Geschichte von Verdi. 56 Wochen streikten wir bei den Nahverkehrsbetrieben in Leverkusen. Am Ende stand ein Tarifvertrag. Dabei waren Gewerkschaftsmitglieder aus 18 Ländern, darunter Ghanaer, Russen, Albaner, Serben. Organisationsgrad: über 90 Prozent. Ohne das Engagement dieser Mitarbeiter hätten wir nie einen so großen Druck aufbauen können. Das zeigt: Einheit in Vielfalt lohnt sich. Am Ende zählt für die Gewerkschaft deshalb nicht die Herkunft, sondern das gemeinsame Interesse.

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Ein großes Vorhaben von Ihnen ist der Umbau der Gewerkschaft – auch ein Thema auf dem am Sonntag in Leipzig beginnenden Verdi-Kongress. Wie weit ist man damit?

Wir wollen die Gewerkschaftsarbeit in den Betrieben stärken, die individuelle Beratungsarbeit noch verbessern und unsere Fachbereiche enger miteinander verknüpfen. Hintergrund ist auch die fortschreitende Digitalisierung und Veränderung der Arbeit. Im Prinzip passen wir uns dem Wandel in der Wirtschaft an, die Branchen sind ja im Umbruch. Von größeren Fachbereichen versprechen wir uns mehr Durchschlagskraft in der Tarifpolitik.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie selbst gerne weitermachen würden?

Ich werde ganz sicher weiter ein politisch engagierter Mensch bleiben und mich auch weiterhin für die Interessen der arbeitenden Bevölkerung stark machen. Mit Herz, Leidenschaft und Verstand – das wird sich nicht ändern.

Von Andreas Dunte

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