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Mitteldeutschland Urteil: „Judensau“ darf weiter an Wittenberger Stadtkirche prangen
Region Mitteldeutschland Urteil: „Judensau“ darf weiter an Wittenberger Stadtkirche prangen
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14:32 24.05.2019
Das umstrittene Sandsteinrelief „Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche entstand Anfang des 14. Jahrhunderts. Quelle: Bernd Mandel
Dessau/Wittenberg

Das antijüdische Sandsteinrelief an der Wittenberger Stadtkirche darf vorerst hängen bleiben. Das hat das Landgericht Dessau-Roßlau heute entschieden. Michael Düllmann aus Bonn sieht in dieser Darstellung eine Verhöhnung des Judentums und hatte das zivilrechtliche Verfahren gegen die Kirchgemeinde angestrengt. Der Kläger ist Mitglied der jüdischen Gemeinde Shalom in Berlin und wollte die mittelalterliche Schmäh-Plastik an der Außenwand der Kirche entfernen lassen.

Kein Anspruch auf Beseitigung

Es bestehe kein Beseitigungsanspruch, sagte der Richter Wolfram Pechtold. Er hatte während der Verhandlung eingeräumt, dass es sich bei dem Relief um eine „zweifellos unschöne bildliche Darstellung“ handle, die nicht gutzuheißen sei. Dennoch handle es sich um keine Beleidigung im Sinne des Strafgesetzbuches. „Die vorhandene Plastik kann nicht als Missachtung der in Deutschland lebenden Juden angesehen werden“, so der Richter zur Urteilsbegründung.

Zu sehen ist in vier Metern Höhe ein Rabbiner, wie er einem Schwein unter den Schwanz schaut, und Juden, die an den Zitzen der Sau trinken. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein. Ähnliche Plastiken gibt es an rund 30 weiteren Gebäuden in Deutschland, darunter in Erfurt, Regensburg und Köln.

Die Stadtkirche ist das Gotteshaus, in dem der Reformator Martin Luther (1483-1546) gepredigt hat. Sie zählt wie alle Luther-Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt zum Unesco-Welterbe. Die angeblich auf Luthers Geheiß hinzugefügte Inschrift „Rabini Schem HaMphoras“, ein Verweis auf den unaussprechlichen Namen Gottes bei den Juden, betone noch den Antijudaismus der Darstellung. Dadurch sei nach Ansicht der Kläger „die Grenze zur Formalbeleidigung deutlich überschritten“. Dadurch, dass die Plastik vor 30 Jahren restauriert wurde, sei sie jetzt auffälliger als Dutzende ähnliche Darstellungen in Europa.

Gerichtssprecher Oliver Kunze verwies darauf, dass die Kirchgemeinde die umstrittene Plastik weder hergestellt noch angebracht habe. Mit Blick auf die aktuellen Gesamtumstände könne daher nicht von einer Beleidigung im Sinne des Strafgesetzbuches die Rede sein.

Der Anwalt der evangelischen Stadtkirchengemeinde, Jörg Ellermann, hatte bei der Verhandlung vor sieben Wochen betont, die Gemeinde sei sich seit Jahrzehnten ihrer moralischen Verpflichtung bewusst und beschäftige sich intensiv mit der Frage, wie mit dem schwierigen Erbe umzugehen sei. Im Falle einer Entfernung bestehe für die Gemeinde zudem die Gefahr, sich dem Vorwurf der Geschichtsklitterung auszusetzen. Eine Formalbeleidigung sei nicht erkennbar. Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte mit historischer Einordnung unterhalb des Reliefs anbringen. Der Wittenberger Stadtrat sprach sich für einen Erhalt der Plastik aus. Er wertete die Bodenplatte als Mahnmal und ließ zusätzlich eine Stele mit Erklärtexten auf Deutsch und Englisch aufstellen.

Schweres Erbe nicht entsorgen

In der Stadtkirche sei niemand glücklich über die Schmähplastik, hatte Pfarrer Block in der Verhandlung erklärt. Er sprach von einem schwierigen Erbe. Aber ein verantwortungsvoller Umgang mit Geschichte sei nicht durch bloße Entsorgung ihrer Zeugnisse sinnvoll. Er wolle sich mit seiner Gemeinde im Kontakt mit der Jüdischen Gemeinde dafür einsetzen, „diese Stätte der Mahnung weiterzuentwickeln.

Der 76-jährige Kläger Düllmann zeigte sich entschlossen, sein Ziel zu erreichen. „Die Judensau beleidigt, verhöhnt und verletzt mich und alle anderen Juden“, sagte er. Vor allem in Zeiten eines wieder anschwellenden Antisemitismus in Deutschland dürfe solche Verhöhnung nicht öffentlich gezeigt werden. „Die Plastik muss weg!“, so der Kläger. „In der Kirche ist kein Platz für Judenspott!“ Er werde sein Ziel bis zur letzten Instanz verfolgen, hatte er angekündigt. Gerichtssprecher Kunze bestätigte, dass dem Kläger die Berufung gegen das Urteil und der Gang ans Oberlandesgericht in Naumburg offenstehe.

Von Winfried Mahr

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