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Mitteldeutschland „Unsere Geschichte für die nächsten Generationen erschließen“
Region Mitteldeutschland „Unsere Geschichte für die nächsten Generationen erschließen“
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21:00 23.04.2019
Radfahrer auf einem Weg der ehemaligen DDR-Grenzanlagen in Sachsen-Anhalt. Quelle: Jens Wolf/dpa
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Magdeburg

Interview mit Karl-Heinz Daehre (74, CDU), Ex-Verkehrsminister von Sachsen-Anhalt und Leiter eines Kuratoriums des Landtages:

In Sachsen-Anhalt verlaufen 343 Kilometer der insgesamt rund 1400 Kilometer langen ehemaligen innerdeutschen Grenze. Unter dem Slogan „Vom Todesstreifen zur Lebenslinie“ soll der sachsen-anhaltische Bereich vom Harz bis zur Altmark als Naturmonument ausgewiesen werden.

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Das ist der Slogan, der alles verbindet, Geschichte und Zukunft, einstige Opfer und die heutige Generation, Aktivisten der Erinnerung und Naturschützer. Er ist wie kein anderer geeignet, das auszudrücken, was wir mit dem Naturmonument wollen. Es wäre unser Wunsch, dass diese Zielbestimmung schon in die Überschrift des Gesetzes aufgenommen wird.

Wann soll das Naturmonument fertig sein? Was ist dazu geplant?

Das Kuratorium wurde im Rahmen einer Kabinettsentscheidung berufen, wonach vorgesehen ist, das Vorhaben Naturmonument der schwarz-rot-grünen Koalition bis zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung durch ein Rahmengesetz auf den Weg zu bringen. Darin wird nach heutigem Stand ein Gestaltungszeitraum für die Bereiche Ökologie und Erinnerungskultur zeitlich festgelegt, in dem jeweils sogenannte Entwicklungs-, Pflege- und Informationspläne entstehen. Sie werden Inhalt und Verantwortlichkeiten beschreiben und letztlich das Bild des Naturmonumentes als Einheit zwischen Umweltschutz und Erinnerungskultur ausmachen.

Offenbar gibt es unterschiedliche Auffassungen in der Landespolitik. Wird aufgrund von Naturschutzvorgaben eine Art neue Grenze mit Absperrungen und Tabu-Zonen entstehen?

Wir sehen auch, dass es in dieser Richtung diffuse Ängste gibt. Aber das ist genau die Aufgabe des Kuratoriums, solche Klemmstellen zu erkennen und zu moderieren. Eines ist sicher. Es wird hier 30 Jahre nach der Öffnung des Stacheldrahtes keine neue Grenze eingerichtet. Es geht darum, einen ökologisch wertvollen Bereich zu sichern und als Ort der Erinnerung zu erschließen.

Das von Ihnen geleitete ehrenamtliche Kuratorium will darauf achten, dass die geschichtliche Seite nicht zu kurz kommt. Welche Ideen gibt es dazu?

Ein Naturmonument per se eine bundesgesetzliche Kategorie, die nur vergeben werden kann, wenn in diesem Gebiet eine ökologische einmalige Ausstattung gleichwertig mit wissenschaftlichen, naturgeschichtlichen, kulturhistorischen oder landeskundlichen Besonderheiten geschützt werden soll. Beides ist gegeben und muss aber organisatorisch und inhaltlich verbunden werden. Die wichtigste Aufgabe des Kuratoriums war daher eine handwerkliche. Es war darauf zu achten, dass für das Naturmonument Grünes Band Sachsen-Anhalt ein Gesetz entsteht, das die Gleichwertigkeit nicht nur als hehres Ziel beschreibt, sondern durch eine verbindliche Organisation die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Partnern dauerhaft absichert wird. Hierzu haben wir strukturelle Vorschläge zugearbeitet.

Wie werden bestehende Vereine und Initiativen, die sich bereits seit Jahrzehnten ehrenamtlich um die Pflege der Erinnerungskultur entlang der ehema- ligen innerdeutschen Grenze kümmern, einbezogen?

Gerade hier gibt es die größten Erwartungshaltungen an ein Gesetz über das Naturmonument. Den Initiativen vor Ort genügt es nicht, dass sich die staatliche Aufmerksamkeit der deutschen Teilungsgeschichte auf Berlin oder in Sachsen-Anhalt auf Marienborn und nur auf den Zeitraum zwischen Mauerbau 1961 und 1989 konzentriert. Es geht ihnen um das ganze Bild der Teilung, eine Würdigung und Einbettung ihrer Arbeit in die Landespolitik, um Ansprechpartner auf Landesebene und letztlich um eine verlässliche Förderkulisse.

Steht denn mittlerweile die Anzahl jener Menschen fest, die seit der deutschen Teilung beim Versuch von Ost nach West zu gelangen in dem Todesstreifen zwischen Harz und Altmark ums Leben gekommen sind?

Im Grenzabschnitt des heutigen Sachsen-Anhalt müssen wir seit der Einrichtung des Grenzregimes, also ab Mai 1952, von 62 Todesopfern ausgehen. Das ist das Ergebnis einer Forschungsarbeit, die die Landesbeauftragte für die Folgen der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, initiiert hat. Das entstandene Leid hat damit Namen und Gesichter bekommen.

Wie kann an die Toten entlang der ehemaligen Grenze erinnert werden?

Hier kann Berlin mit seinen Erinnerungsstehlen an die Maueropfer ein Beispiel sein. Es gibt aber im Land auch die über viele Jahrhunderte entstandene Kultur, mit Gedenksteinen an historische Ereignisse zu erinnern. Für uns als Kuratorium kommt es letztlich darauf an, dass eine landeseinheitliche Variante gefunden wird.

Mit einer Länge von 763 Kilometern hat Thüringen den mit Abstand größten Anteil am Grünen Band. Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Nachbarland?

Thüringen hat mit der Ausweisung des Grünen Bandes als Naturmonument bereits im letzten Jahr vorgelegt. Das dortige Gesetz wurde hier natürlich ausgewertet und ist in vielen Teilen eine Anregung. So ist in beiden Ländern nach der förmlichen Gesetzgebung eine Gestaltungszeitraum vorgesehen. Unsere Geschichte soll für die nächsten Generationen erschlossen werden. Das ist der Maßstab für alles.

Von Bernd Lähne