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Mitteldeutschland Umfrage: Sachsens Familien geraten immer mehr ans Limit
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Umfrage: Sachsens Familien geraten immer mehr ans Limit

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11:13 10.09.2020
Wie dieser Mutter mit ihren Söhnen geht es derzeit vielen Familien: Arbeiten und Homeschooling müssen parallel geleistet werden. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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Leipzig/Dresden

Wie kommen Sachsens Familien in der Corona-Krise zurecht? Über 2700 Menschen haben inzwischen die Gemeinschaftsumfrage von Leipziger Volkszeitung, Sächsischer Zeitung und Freier Presse beantwortet. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse in unserem Familienkompass 2020:

Weniger Verständnis für Shutdown

Die anhaltenden Maßnahmen zur Corona-Eindämmung stoßen bei Familien immer weniger auf Verständnis. Die Soziologin Nina Weimann-Sandig von der Evangelischen Hochschule Dresden glaubt, dass viele Eltern durch die lange Dauer der Schließung von Kitas und Schulen überfordert sind. „Meine Hypothese ist, dass sich viele Familien mittlerweile am Rande eines Burn-Out befinden“, sagt sie. Dies könne nach der Krise erhebliche gesundheitliche Probleme nach sich ziehen.

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Viele Familien sind überfordert

Weil durch Lockerungen Betriebe schrittweise wieder öffnen, steigt die Belastung für den Elternteil an, der weiterhin von Zuhause aus arbeitet. So ist der Anteil der Befragten, die wieder wie gewohnt zur Arbeit gehen, seit Ende März um über zehn Prozent angestiegen. Komplette Arbeitsausfälle sanken um 20 Prozent. Gleichzeitig gab ein Drittel der Eltern schulpflichtiger Kinder an, das geforderte Unterrichtspensum kaum noch bewältigen zu können. Zu Beginn der Befragung lag dieser Wert bei rund 25 Prozent. Kinder aus sächsischen Familien, in denen die Eltern ein eher niedriges Bildungsniveau haben, leiden besonders stark.

Teilergebnisse der Umfrage Quelle: LVZ

Soziale Ungleichheit verstärkt

„Durch die Krise rücken soziale Probleme in den Vordergrund“, sagt Weimann-Sandig. Alleinerziehende und Familien mit Migrationshintergrund seien besonders betroffen. Wer ohnehin über wenig Geld und Zeit verfüge und dazu Sprachprobleme habe, gerate durch Corona ins Abseits. Das zeige sich beim Online-Lernen. Auch wenn die Befragten ihre eigene wirtschaftliche Lage mittlerweile etwas besser einschätzen als noch zu Beginn der Maßnahmen, sind signifikante Unterschiede sichtbar. So schätzten über den Umfrage-Zeitraum hinweg 67,4 Prozent der Teilnehmer mit Abitur ihre finanzielle Situation trotz Corona als mindestens gut ein, die Gruppe derjenigen mit Hauptschulabschluss teilt diese Meinung nur zu 30 Prozent.

Vor allem junge Familien kritisch

Insbesondere junge Familien sehen sich in der Corona-Krise von der sächsischen Politik im Stich gelassen, besagt die Umfrage. Soziologin Weimann-Sandig bemängelt, dass soziale Träger über lange Zeit unterfinanziert worden sein. Die sächsische Familien- und Sozialministerin Petra Köpping (SPD) weist die Vorwürfe zurück: „Für Familien und Kinder im Freistaat Sachsen steht auch während der Corona-Pandemie ein breites Angebot an Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung.“. Einrichtungen der offenen Jugendarbeit seien aber derzeit noch geschlossen, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu vermindern. „Sicherlich ist es notwendig, die Öffnung von sozialen Einrichtungen aus dem Bereich der offenen Jugendhilfe, die Kindern aus belasteten Familien Angebote unterbreiten, in die nächsten Lockerungsschritte analog zur perspektivischen Öffnung von Kitas und Schulen einzubeziehen.“

Arbeitsmarkt unter Druck

Es gebe durchaus Sorgen, was eine mögliche Spaltung der Familien in Arm und Reich angeht, so Köpping. Denn durch Corona gerate auch der Arbeitsmarkt unter Druck. Sie schätze diesen aber als robust ein und sehe, dass Familien von „Stützungsmaßnahmen wie dem Kurzarbeitergeld“ profitierten. Maßnahmen zur Entlastung wie eine Öffnung der Notbetreuung in Kitas für Vollzeitarbeitende lehnt sie dagegen ab. „Die Notbetreuung für Kinder muss zunächst Eltern vorbehalten sein, die in systemrelevanten Branchen tätig sind, um die Gruppen möglichst klein zu halten.“ In der Umfrage hatten nur 14 Prozent der Eltern angegeben, Betreuung und Arbeit gut vereinbaren zu können. Die Familienministerin verstehe aber, dass die Sorge um die Zukunft momentan teils „erdrückend“ sei. Deshalb würden staatliche Hilfen wie Kindergeldanpassung und Entschädigungsanspruch bei Arbeitsausfall „fortlaufend angepasst“.

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