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Mitteldeutschland Taktische Stimmabgabe zur Sachsenwahl: „Besser hätte es nicht laufen können“
Region Mitteldeutschland Taktische Stimmabgabe zur Sachsenwahl: „Besser hätte es nicht laufen können“
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16:07 04.09.2019
Mitglieder von „Zukunft Sachsen“ beim Gruppentreffen in einem Biergarten. (Archivfoto) Quelle: Jan Woitas/dpa
Dresden

Mit ihrem Aufruf, durch taktisches Wählen eine AfD-Mehrheit im Freistaat zu verhindern, sorgte die Initiative „Zukunft Sachsen“ vor dem Urnengang landesweit für Aufsehen. Die Gruppe um den Leipziger Jura-Studenten Sascha Kodytek (23) rechnete vor, dass auf dem Wahlschein nur ein Kreuz bei CDU, SPD oder Grünen eine Regierungsbeteiligung der Rechtsnationalen abwenden könnte. Im Interview mit der LVZ erzählt Kodytek unter anderem, wie er das Wahlergebnis sieht und ob es Danksagung aus den Parteien gab.

Die AfD ist nicht stärkste Fraktion geworden. Sehen Sie das auch als Erfolg Ihrer Kampagne?

Ja, aber wir waren eine eher kleine Nummer in dieser Rechnung. Viel entscheidender war der starke Wahlkampf von Michael Kretschmer und seinen Wahlkämpfern, die an Infoständen und im Internet mit Menschen ins Gespräch gekommen sind und überzeugten. Vor diesen Leuten ziehe ich meinen Hut. Sie haben dieses Wahlergebnis möglich gemacht.

Sascha Kodytek, Sprecher der Initiative "Zukunft Sachsen", die eine Regierungsbeteiligung der AfD durch taktisches Wählen verhindern wollte. Quelle: privat

„30.000 Linken-Wähler bei der CDU

Das eher schlechte Abschneiden der anderen Parteien lässt aber auch andere Gründe vermuten.

Das stimmt. Es gibt Wanderungsbewegungen unter den Wählern die nahelegen, dass auch wir und das taktische Wählen ihren Anteil hatten: Bei der Landtagswahl 2014 wanderten 4000 Personen von der Linken zur CDU, bei dieser Wahl waren es nun bis zu 30.000 und damit fast acht Mal so viele. Diese Bewegung lässt sich am plausibelsten durch Taktik erklären. Wähler der Linken wählten die CDU, um eine Regierung ohne die AfD möglich zu machen und um zu verhindern, dass die AfD stärkste Kraft wird. Auch die Linken-Bundesvorsitzende Katja Kipping hat sich ja schon entsprechend geäußert, sagte, sie habe oft im Wahlkampf von Menschen gehört: Schön, dass ihr hier seid, ich bin inhaltlich voll bei euch, aber ihr müsst verstehen, bei dieser Wahl muss ich taktisch CDU oder Grüne wählen.

Sie haben vor der Wahl explizit eine Kenia-Koalition als gewünschtes Ziel ausgegeben. Besser hätte es nicht laufen können, oder?

Ganz genau! Wir haben vor drei Monaten begonnen, aus taktischen Gründen für die Kenia-Koalition zu trommeln. Damals war nicht klar, ob sie eine Mehrheit bekommt. Jetzt hat sie eine Mehrheit. Besser hätte es nicht laufen können.

Wer ist die Initiative „Zukunft Sachsen“?

Zur Initiative „Zukunft Sachsen“ gehören laut eigener Angaben etwa 20 „Kollegen und Freunde aus Dresden und Leipzig, die nicht von der AfD regiert werden wollen.“ Erstmals einer bereiten Öffentlichkeit bekannt wurde die Gruppe vor den Görlitzer Oberbürgermeisterwahlen im Frühjahr. Auf dem Portal von „Zukunft Sachsen“ wurde ein Brief mehrerer Hollywood-Größen veröffentlicht, die sich angesichts eines möglichen AfD-Bürgermeisters Sorgen um die Filmstadt Görlitz machten.

Zur Landtagswahl rief die Gruppe zum taktischen Wählen auf und befragte alle CDU-Direktkandidaten, ob diese mit der AfD eine Koalition eingehen würden. 56 von 60 schlossen diese aus. Eine interaktive Karte auf dem Portal sollte es Interessierten erleichtern, den angeblich sinnvollsten Kandidaten für eine taktische Wahl zu finden.

Gab es inzwischen Danksagungen aus CDU, SPD oder von den Grünen, dass die Initiative offen für „Kenia“ getrommelt hat?

Nein. Und ich hoffe es bleibt auch dabei. Wir brauchen keine Blumensträuße.

Sachsens Linke war – wenig überraschend – nicht besonders angetan von Ihrer Kampagne. Jetzt ist die Partei regelrecht abgestürzt. Fühlen Sie sich mitverantwortlich?

Nein. Für die Situation, in der die Linke steckt, ist sie selbst verantwortlich. Sie hat sich selbst wieder auf die Oppositionsbank manövriert. Wir haben lediglich darauf hingewiesen und gezeigt, dass mit der Linken vorerst in Sachsen keine Regierung zu machen ist. Die Leute haben das gehört und dann Parteien gewählt, die auch eine Regierung abseits der AfD bilden können. Ich finde das vernünftig.

AfD vereint alles, was schlecht sein kann an Politik“

Im neuen sächsischen Landtag wird es künftig insgesamt nur noch eine kleine eher linksliberale Minderheit aus SPD, Grünen und Linken geben. Wie bewerten Sie das?

Was heißt hier linksliberal? Mir ist dieser Begriff zu schwammig. Ist die Linke eine liberale Partei? Christian Lindner würde das vermutlich vehement bestreiten. Andere würden es bejahen. Mich persönlich interessieren solche breiten Begrifflichkeiten deshalb nur mäßig. Entscheidend ist, dass für Land und Leute gute Politik gemacht wird.

Wie geht es jetzt mit der Initiative „Zukunft Sachsen“ weiter? Ist Ihre Arbeit getan oder wird es weitere Bemühungen geben?

Man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist. Schön ist dieses Wahlergebnis allerdings wahrlich nicht. 27 Prozent laufen nun amtlich einer Anti-Vernunft-Partei hinterher, die unser Vertrauen in Staat und Mitmenschen untergräbt und über jedes gesunde Maß hinausschießt. Eine Partei, die nur existieren kann, weil sie den Menschen permanent einredet, wie schlecht die Welt doch ist. Eine Partei ohne Optimismus, die nie einen Menschen auf den Mond geschickt hätte. Die AfD vereint in sich alles, was schlecht sein kann an der Politik. Sie lügt und übertreibt. Sie glaubt nicht an das Gute im Menschen. Sie duldet Rechtsradikale in ihren Reihen und auf Spitzenpositionen. Deshalb überlegen wir, wie es mit „Zukunft Sachsen“ weiter gehen könnte. Aber über ungelegte Eier wird nicht gesprochen. Wer bis dato auf unsere Tüchtigkeit und Erfahrung zugreifen möchte, soll anrufen.

Die Gruppe im Netz: zukunftsachsen.org

Von Matthias Puppe

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