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Mitteldeutschland Deutsche unterschätzen Depression im Alter
Region Mitteldeutschland Deutsche unterschätzen Depression im Alter
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12:32 26.11.2019
Vor allem bei älteren Menschen wird eine Depression oft verkannt. Quelle: dpa Themendienst
Leipzig

Ulrich Hegerl, Vorstandschef der Deutschen Depressionshilfe, warnt vor einer hohen Suizidrate und sieht Hausärzte und Psychotherapeuten in der Pflicht.

Herr Professor Hegerl, Sie haben in diesem Jahr die Uniklinik Leipzig verlassen, halten aber am Thema Depressionen fest.

Professor Ulrich Hegerl (66) ist Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Von 2006 bis 2019 war er Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Leipzig. Quelle: Roland Herold

Ja, ich habe jetzt die Senckenberg Distinguished Professorship (Inhaber der Senckenberg-Professur/Anm.d.Red.) an der Klinik für Psychiatrie der Goethe-Universität Frankfurt inne, bin aber nach wie vor auch Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Beim dritten Deutschland-Barometer der Stiftung wurden über 5300 Menschen zwischen 18 und 79 befragt, was Sie über Depressionen im Alter wissen. Was unterscheidet denn Depressionen im Alter von anderen?

Depressionen treten im höheren Alter nicht häufiger auf. Aber sie sind schwerer zu erkennen und oft gefährlicher und lebensbedrohlicher als in jüngeren Jahren.

Wodurch kommt das?

Sie werden oft überdeckt von anderen körperlichen Erkrankungen. Auch schwierige Lebensumstände – der Tod des Lebenspartners beispielsweise – werden oft vorschnell zur Erklärung herangezogen. Die Depression wird dann als eine Art „verständliche Reaktion auf die Bitternisse des Alters“ gesehen. Das ist eine ganz gefährliche und meist irreführende Vorstellung.

Das steht in der Studie

Die repräsentative Befragung untersucht Einstellungen und Erfahrungen zur Depression in der Bevölkerung. Befragt wurden 5350 Personen zwischen 18 und 79 Jahren aus einem repräsentativen Online-Panel. 83 Prozent der Bevölkerung glauben, dass Depression am häufigsten im jungen und mittleren Erwachsenenalter auftritt. Diese Annahme liegt vor allem darin begründet, dass Stress (97 Prozent) und Belastung am Arbeitsplatz (95 Prozent) für die Deutschen zu den Hauptursachen der Depression zählen. Da diese berufsbezogenen Aspekte bei Senioren weniger bedeutsam sind, wird die Erkrankung im Alter als weniger relevant angesehen. Nur 45 Prozent der Bundesbürger wissen, dass Depression auch eine Erkrankung des Gehirns ist.

86 Prozent der Deutschen gehen davon aus, dass es Älteren schwerer fällt, sich bei Depression Hilfe zu suchen. 22 Prozent der Befragten meinen, dass bei Älteren die Behandlung körperlicher Erkrankungen wichtiger ist. Jeder sechste Deutsche (17 Prozent) spricht sich gar dafür aus, Ressourcen des Gesundheitssystems lieber für die Behandlung jüngerer Patienten mit Depression auszugeben.

Warum?

Depression kann jeden treffen, auch Menschen, von denen man glaubt, dass sie eigentlich keine Probleme haben sollten. Entscheidend ist, dass man die Veranlagung dafür in sich trägt. Hat man sie aber, dann rutscht man meist auch wiederholt im Leben in diesen Krankheitszustand. Deshalb haben Menschen mit Depressionen im Alter oft bereits früher solche Krankheitsphasen durchlitten.

Was hat das Barometer ergeben?

Die Befragung hat ergeben, dass über 95 Prozent der Deutschen glauben, dass Depression das Resultat von Einsamkeit, Erkrankungen und anderen Belastungen ist. Das hat zur Folge, dass die Depression oft als sekundär angesehen wird. Und nicht als eigenständige, das Gehirn betreffende Erkrankung.

„Große Defizite in der Psychotherapie

Mit welchen Folgen?

Die Folge ist, dass die Depression bei alten Menschen oft nicht erkannt und nicht konsequent behandelt wird. Weil sich unerfahrene Ärzte – der Hausarzt beispielsweise – auf körperliche Erkrankungen konzentrieren und glauben, die Depression sei nur die Folge davon. Oder weil die Depression, die sich hinter den körperlichen Symptomen verbirgt, übersehen wird.

Was hat die Studie noch gebracht?

Sie zeigt, dass ältere Menschen benachteiligt werden. Sie erhalten seltener eine konsequente Behandlung. Die Vorstellung, die dahinter steht, ist, dass Behandlungen auch nicht so gut wirken bei älteren Menschen. Psychotherapie und Antidepressiva werden als nicht so wirksam angesehen.

Wo liegen die größten Schwächen bei der Versorgung?

Vor allem bei der Psychotherapie gibt es große Defizite, weil älteren Menschen häufig keine derartige Therapie angeboten wird.

Fast zwei Drittel würden eine Therapie machen

An wem liegt das?

Das liegt zum Teil sicherlich an den Psychologischen Psychotherapeuten und den Hausärzten, die keine Psychotherapie in die Wege leiten. Die Mehrzahl der Menschen vermutet auch, dass ältere Menschen gar keine Psychotherapie wollen. Unsere Untersuchung hat aber ergeben, dass die Mehrzahl – 64 Prozent – der Senioren ab 70 durchaus bereit wäre, eine solche Psychotherapie zu machen.

Obwohl in dieser Generation der Besuch des Psychotherapeuten eher nicht zum Alltag gehörte?

Ältere haben sogar tendenziell eine korrektere Vorstellung davon, was eine Depression ausmacht. Vielleicht erlernt man das im Laufe der Jahre, wenn man immer wieder mit der Erkrankung zu tun hat. Jüngere führen sie noch häufiger nur auf Stress, Burnout oder auch Einsamkeit zurück.

Suizidrisiko steigt rasant an

Wieso sind diese Depressionen so gefährlich?

Bei Älteren kann der Rückzug ins Bett, unregelmäßiges Essen und Trinken und der mit Depressionen einhergehende Stress rasch zu gefährlichen Situationen führen. Zudem ist die Depression der häufigste Grund für Suizide. Sehr bedrückend ist zudem die Zunahme des Suizidrisikos mit dem Alter, die bei Männern besonders drastisch ist. Männer haben ohnehin ein mehrfach erhöhtes Suizidrisiko im Vergleich zu Frauen, aber mit dem höheren Alter steigt dieses zusätzlich steil an. Die Defizite in Diagnose und Behandlung bei der Depression im Alter dürften einer der Gründe dafür sein.

Wie drückt sich das in Zahlen aus?

Bei den Männern, die 50 und jünger sind, liegt die Suizidrate etwa bei jährlich 20 auf 100.000 Menschen. Bei Menschen, die 80 Jahre und älter sind, ist dieser Wert drei- bis vierfach so hoch.

Wie steuert die Stiftung dagegen?

Wir bieten eine ganze Reihe von Maßnahmen an. Wir haben beispielsweise ein E-Learning-Tool für Altenpflegekräfte und pflegende Angehörige entwickelt. Dieses soll diesen Personen helfen zu erkennen, ob möglicherweise eine behandlungsbedürftige Depression oder gar eine Suizidgefährdung vorliegt. Häufig ist auch gar nicht bekannt, wer eigentlich für die Behandlung zuständig ist: Dies kann in leichteren Fällen der Hausarzt sein, in komplizierteren Fällen der Facharzt, also der Psychiater oder Nervenarzt. Wenn es auf eine Psychotherapie hinausläuft, so wird diese auch von Psychologischen Psychotherapeuten angeboten, also von Psychologen mit Spezialausbildung, die wie Ärzte über die Krankenkassen abrechnen können.

Langes Warten auf Termine

Was nichts daran ändert, dass es in manchen Regionen zu wenige Psychotherapeuten gibt.

Ja, dass es oft lange dauert, beim Facharzt oder beim Psychologischen Psychotherapeuten einen Termin zu bekommen, ist beunruhigend.

Gibt es kein öffentliches Interesse daran, dieses Thema anzugehen?

Es gibt durchaus die Meinung Einiger, dass es wichtiger sei, Jüngeren eine Psychotherapie anzubieten als Älteren. In unserer Studie hat das jeder Sechste angegeben. Die Psychologischen Psychotherapeuten sind auf jeden Fall aufgefordert, nicht nur jüngere Erkrankte auszuwählen, sondern auch den älteren Angebote zu machen.

Von Roland Herold

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