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Mitteldeutschland Stark im Osten – und den Westen im Blick
Region Mitteldeutschland Stark im Osten – und den Westen im Blick
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08:00 28.06.2019
Dr. Wolfram Friedersdorff, Präsident der Volkssolidarität, beim LVZ-Interview Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Im nächsten Jahr (17. Oktober 2020) will die Volkssolidarität (VS) in ihrem Gründungsort Dresden den 75. Geburtstag groß feiern. Präsident Wolfram Friedersdorff macht im LVZ-Interview klar, dass der Sozialverband mit DDR-Wurzeln mit Kitas und Pflegeheimen im Osten eine feste Größe als Dienstleister ist, mittlerweile aber auch im Westen an Bekanntheit zulegt.

Herr Dr. Friedersdorff, lassen Sie uns zuerst einen Blick zurückwerfen. Ihr Sozial- und Wohlfahrtsverband war ein DDR-Klassiker, ihn kannte jeder im Osten. Und 30 Jahre nach der politischen Wende ist ihr Verband immer noch präsent. Wie haben sie das hinbekommen?

Als nach der Wiedervereinigung 1990 die aus dem Westen kommende Arbeiterwohlfahrt (AWO) den Großteil der Einrichtungen der Volkssolidarität übernehmen wollte, haben sich viele unserer Mitglieder gegen die Übernahme gesperrt.

Das klingt fast zu einfach.

Es gab natürlich von Anfang an auch selbstbewusste Geschäftsführer, vor allem in Sachsen, die den Systemwechsel unter erschwerten Bedingungen geschafft haben. Sie haben letzten Endes dafür gesorgt, dass es uns noch immer gibt und das DDR-Kerngeschäft mit der Nachbarschaftshilfe für Senioren von uns als Dienstleister weiter betrieben werden kann.

Sie haben demnach als einzige DDR-Massenorganisation überlebt...

Nicht ganz (lacht). Auch der Deutsche Anglerband (DAV) der DDR und der in der DDR speziell gezüchtete deutsche Schäferhund mit geradem Rücken und massigem Kopf haben sich lange durchgesetzt und sind eigenständig geblieben. (Anm. der Redaktion: Der DAV mit DDR-Wurzeln ging erst 2013 im Deutschen Angelfischerverband (DAFV) auf).

Wie finanzieren Sie sich eigentlich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen?

Wir erheben Beiträge – von 25 Pfennig in DDR-Zeiten auf jetzt drei Euro. Die werden aber nicht überall gezahlt, in strukturschwachen Regionen sind es auch mal nur knapp zwei Euro. Von einem Teil davon werden unsere zehn Mitarbeitenden in der Berliner Bundesgeschäftsstelle finanziert. Alle anderen Mitarbeitenden finanzieren sich über erbrachte Dienste wie Sozialstationen, die Pflegeeinrichtungen und die Kitas.

In welchen Größenordnungen arbeitet die VS am Markt als sozialer Dienstleister?

Wir betreiben in den ostdeutschen Bundesländern rund 400 Kitas mit über 40 000 Kindern. Bei den Pflegeheimen sind es 70 Einrichtungen mit knapp 5000 Betreuten pro Monat. Vor allem in Sachsen sind wir als Dienstleister ganz stark verankert.

Als sozialer Dienstleister treten auch andere Verbände auf...

Uns unterscheidet, dass viele Helfer auch ehrenamtlich für andere Menschen da sind. Das ist ein aus der DDR übernommenes System. Der große Faktor Einsamkeit kann durch unsere Mitglieder, die sich um hochbetagte Menschen kümmern, zumindest etwas minimiert werden.

Wo sind sie denn stärker vertreten? Bei den Kitas oder in den Seniorenheimen?

Das lässt sich immer an der Beschäftigtenzahl festmachen. Im Kita-Bereich arbeiten rund 27 Prozent und in der Pflege sind rund 50 Prozent tätig. Dazu kommen noch die Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Begegnungsstätten, das Essen auf Rädern, hauswirtschaftliche Dienste und die Verwaltung.

Gegen Einsamkeit im Alter lässt sich noch was tun. Bei Armut im Alter wird es schwerer. Wie sieht denn ihr Rezept dagegen aus?

Unsere Position ist da eindeutig: Wir sind für eine Stärkung der gesetzlichen Rente als krisensicherstes Mittel gegen Altersarmut. Die Rente kann nicht die Fehler bei der Wirtschafts- und Arbeitspolitik ausgleichen. Wichtigstes Mittel gegen Altersarmut sind daher Vollbeschäftigung und gute Löhne. Der Grundrentenvorschlag würde dazu beitragen, die Lebensleistung von Geringverdienern im Alter anzuerkennen.

In Sachsen gibt es Pflegeheime, die im Januar ihren Betreuten und den Angehörigen eine saftige Erhöhung von bis zu 500 Euro aufgebrummt haben. Sind sie auch so mit ihren Pflege-Patienten umgegangen?

Bisher sind die niedrigen Beiträge in der Pflege auf Kosten der Beschäftigen in der Branche gegangen. Das war das bisher schwächste Glied. Nun sind kräftige Lohnsteigerungen in Kraft getreten. Der Pflegesatz schießt nach oben und da die Pflegeversicherung nur einen bestimmten Anteil übernimmt, werden die Beiträge nach oben getrieben. Wir haben die Pauschalerhöhung, die andere vorgenommen haben, nicht so mitgemacht, aber natürlich auch die Sätze erhöht. Auch wir müssen alles refinanzieren.

Kommen die erhöhten Beitragssätze wirklich überall den Pflegekräften zugute? Reaktionen, die wir erhalten, lassen auch eine andere Interpretation zu.

Es gibt sicherlich schwarze Schafe in der Branche, welche die Situation ausnutzen. Und zwischen privaten Anbietern und Wohlfahrtsverbänden sehe ich schon noch Unterschiede. In Leipzig zum Beispiel haben wir 2018 eine neue Entgeltordnung eingeführt mit massiven Lohnsteigerungen teilweise im zweistelligen Prozentbereich. Für Pflegekräfte und in den Kitas. Natürlich hat das zu einer Anhebung des Eigenbedarfs geführt, zwischen 100 und 300 Euro. Man muss eben deutlich sagen, dass Pflege momentan arm macht.

Nun ist die bessere Bezahlung für Pflegekräfte die eine Seite. Die andere Seite ist, dass der Markt leergefegt ist. Wie ist die Situation bei der VS?

Das Halten der Mitarbeitenden ist eigentlich genauso wichtig, wie die Gewinnung neuer Kollegen. Das fängt bei einfachen Fragen an. Auch unsere Mitarbeitenden haben Kinder, die sie früh in Schule oder Kita bringen müssen. Und da stellt sich doch die Frage, muss jede Pflegeschicht um sechs Uhr morgens beginnen?

Und, muss sie?

Nein, muss sie nicht zwingend. Da lässt sich viel optimieren. Die Volkssolidarität unterstützt ihre Mitarbeitenden beispielsweise bei der Kinderbetreuung und fördert ein gutes Betriebsklima.

Haben Sie auch das Stadt-Land-Gefälle ähnlich wie Ärzte und Lehrer?

Auf jeden Fall. In ländlichen Regionen wird es für uns immer schwerer, Personal zu finden. In der Stadt habe ich immer noch Personaldienstleister, auch wenn die teilweise das Doppelte kosten wie unsere tariflich gebundenen Kräfte.

Wie ist die Situation bei den Kita-Erziehern? In Leipzig können Kitas nicht eröffnen, weil das Personal fehlt.

Wir haben rund 400 Kitas, der Bestand ist relativ konstant. Doch wir müssen uns überlegen, ob wir Einrichtungen übernehmen können. Wir würden zwar gern mehr Kitas aufmachen, aber auch uns fehlen Erzieher. Leider ist der Schritt nicht gemacht wurden, dass die Ausbildung für Erzieher akademisch läuft. Das wäre der richtige Weg gewesen, um den Beruf aufzuwerten. Jetzt fehlen uns genau wie bei Lehrern dieErzieher.

Der Bund hat ein Fünf-Milliarden-Paket in Aussicht gestellt...

Das hilft zumindest etwas, aber ich sehe Kitas und die Ausbildung von Erzieher eher als Ländersache. Sachsen hat zumindest festgelegt, dass die Kitas dem Bildungsministerium zugeordnet sind. Das finde ich gut, weil es ein klares Signal für die Bedeutung der Vorschul-Bildung ist. Kitas sind für uns zudem ein Schlüsselfeld, weil wir damit eine Verjüngung unsere Mitgliederzahlen erreichen.

Die Volkssolidarität ist ja aus der Tradition heraus vor allem im Osten stark. Bleibt der Westen für sie ein weißer Fleck?

Wir haben in Nordrhein-Westfalen schon zwei Ortsgruppen - in Ratingen und Castrop-Rauxel. Unsere sehr engagierte Ortsgruppe in Ratingen hat bereits 100 Mitglieder. Aktuell bildet sich eine Gruppe in Aachen.

Was ist mit den geschäftlichen Aktivitäten? Gibt es schon West-Kitas mit dem Ost-Siegel Volkssolidarität?

Das ist uns noch nicht gelungen, aber wir arbeiten dran. In Ratingen zum Beispiel kommt bei den Kita-Betreibern zuerst die AWO, dann der öffentliche Träger, die Diakonie und Caritas und dann können wir uns anstellen. Wir müssen uns also fünfmal bewerben, um dann beim sechsten Mal den Zuschlag zu bekommen. In der Pflege sind wir da schon weiter. In Bayern und Niedersachsen betreiben wir mehrere Einrichtungen – mit unserem klassischen Ost-Know-how.

Von André Böhmer und Anita Kecke

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