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Mitteldeutschland Spur des Halle-Attentäters führt bis nach Leipzig
Region Mitteldeutschland Spur des Halle-Attentäters führt bis nach Leipzig
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14:46 16.10.2019
Antifa-Demo vor dem NPD-Treff in der Leipziger Odermannstraße. Dort soll auch der mutmaßliche Attentäter von Halle vor Jahren aufgetaucht sein. Quelle: Andreas Döring (Archiv)
Halle/Leipzig

Der Terroranschlag von Halle wird weiter heftig debattiert. Am Mittwoch vor einer Woche hatte ein schwer bewaffneter Deutscher versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen, in der rund 50 Gläubige den jüdischen Feiertag Jom Kippur begingen. Als der Plan misslang, erschoss der Täter eine 40 Jahre alte Passantin und einen 20-jährigen Mann in einem Döner-Imbiss. Es gab mehrere Verletzte. Der mutmaßliche Täter Stephan B. sitzt seit seiner Festnahme vor einer Woche in U-Haft. Er hat die Tat gestanden und dabei antisemitische und rechtsextreme Motive eingeräumt.

Radikale Impulse aus Leipzig?

Doch wann und wie hat sich der bis dahin unauffällige 27-Jährige radikalisiert? Kamen wichtige Impulse für seine rassistische Gesinnung möglicherweise aus Leipzig? Erhärtet wird dieser Verdacht durch einen Beitrag der ZDF-Sendung „Frontal 21“, der am Dienstagabend ausgestrahlt wurde. Darin schildert ein ehemaliges Mitglied der rechtsextremen Szene, wie er Stephan B. vor fünf Jahren bei einem Besuch in der NPD-Zentrale in der Odermannstraße im Stadtteil Lindenau kennenlernte. Der damals 22-jährige Sachsen-Anhalter, der kurz zuvor sein Chemiestudium abgebrochen hatte, habe sich bei dem Szenetreffen anerkennend über das T-Shirt des späteren Aussteigers geäußert. Darauf hätten antisemitische Sprüche wie „Weg mit dem Judentum!“ gestanden. B. habe darauf gedeutet und gesagt: „Cooles T-Shirt!“

Bei einem Attentat in Halle/Saale sind zwei Menschen getötet worden. Der mutmaßlich rechtsextreme Täter erschoss vor einer Synagoge eine Frau und in einem Dönerimbiss einen Mann. Der 27-Jährige wurde festgenommen.

Bekannter Rassisten-Treffpunkt

Haben solche Begegnungen den späteren Attentäter möglicherweise in seinen antisemitischen Motiven bestärkt? „Radikalisierung findet vor allem im Kopf statt“, betont die sächsische Linken-Abgeordnete Kerstin Köditz. Dieser Vorgang sei nicht zwingend an bestimmte Orte gebunden. „Wer allerdings kein Rassist war, hatte keinen Grund, das NPD-Objekt in der Odermannstraße zu besuchen – es sei denn, um dagegen zu protestieren.“ Bis zum Herbst 2014 hätten sich dort NPD-Funktionäre, Hooligans, Rassisten, Holocaust-Leugner und Anhänger rechter Szenemusik getroffen, blickt Köditz zurück.

Der Spuk sei zwar mit dem Rauswurf der NPD aus dem sächsischen Landtag und den damit einhergehenden Geldproblemen der Partei bald vorbei gewesen: „Dennoch ist die rechtsextreme Szene weiter aktiv und gut vernetzt“, warnt Köditz. „Deren Anhänger sind nur in andere Objekte ausgewichen oder abgetaucht.“ Welchen Anteil Leipziger Neonazis an der Radikalisierung des Halle-Attentäters hatten, sei aber schwer nachweisbar und daher nach bisherigen Kenntnissen spekulativ, so die Linken-Abgeordnete.

Ramelow warnt vor braunem Terror

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat davor gewarnt, nach dem Terroranschlag in Halle vor allem eine Einzeltäter- und AfD-Debatte zu führen. „Das ist wie ein Reflex. Seit den NSU-Morden und dem Mord an Kassels Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist doch klar, wir haben es mit braunem Terror in Deutschland zu tun“, sagte Ramelow in Erfurt.

Es liege ihm fern, die AfD zu verteidigen. Aber sie für den Mordanschlag vor einer Woche in Halle verantwortlich zu machen, sei zu einfach. „Die AfD macht nur sichtbar, was schon da ist. Und sicher ist sie auch ein Stichwortgeber der rechtsextremistischen Szene.“

Ramelow sagte, wissenschaftliche Untersuchungen sprächen von einem relativ konstanten Anteil von etwa 20 Prozent der Bevölkerung, der sich rechtsextremen Einstellungen gegenüber offen zeige. Es sei jedoch falsch, diese Affinität mit Rechtsradikalität zu übersetzen. Aber: „Das sind Einstellungen, die sind abrufbar, wenn sie bespielt werden. Daraus wachsen Milieus.“ Und diese Milieus könnten Menschen hervorbringen wie den Täter von Halle.

Immerhin habe es auch in Halle Warnungen gegeben. „Ich frage mich, warum es sich der Sicherheitsapparat so leicht macht“, sagte Ramelow. „Man muss das Milieu durchforsten.“ Es gebe eine reale Bedrohung von rechts.

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