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Mitteldeutschland „Sondierungspapier fehlt die Substanz“
Region Mitteldeutschland „Sondierungspapier fehlt die Substanz“
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16:59 21.10.2019
Simone Hartmann, Leiterin der Techniker Krankenkasse Sachsen.Foto:TK
Leipzig

Sachsen muss sich rasch bewegen, wenn die gesundheitspolitischen Probleme im Freistaat gelöst werden sollen, sagt die Landesgeschäftsführerin der Techniker Krankenkasse in Sachsen, Simone Hartmann.

Welche Forderungen haben Sie an die Kenia-Koalition in Sachsen in Sachen Gesundheitspolitik?

Ich vermisse klare Aussagen zu den unleugbaren Problemen, die wir auf diesem Gebiet in Sachsen haben. Die Parteien haben doch bei der letzten Landtagswahl einen deutlichen Schuss vor den Bug erhalten. Viele Akteure im Gesundheitswesen warten immer nur auf gesetzliche Regelungen und reagieren nicht aus eigener Initiative auf die Versorgungsprobleme, die es in Sachsen gibt. Jeder harrt in seinem Schützengraben und verteidigt die bestehenden Strukturen. Ich wünschte mir, dass wir alle flexibler zusammenarbeiten.

Im Landesgremium, wo Gesetzliche Krankenversicherung, Landesärztekammer, Kassenärztliche Vereinigung und Krankenhausgesellschaft an einem Tisch sitzen, geschieht das schon. Welche Rolle spielen Sie dort?

Das Landesgremium ist vom Sozialministerium eingerichtet worden, das auch die Moderatorenrolle ausübt. In sieben Arbeitsgruppen geht es darum, Versorgungsprobleme in den Modellregionen Marienberg und Weißwasser aufzugreifen und Lösungen zu finden. Eine dieser Arbeitsgruppen leite ich, die sich mit dem Thema „Telemedizin, Delegierung ärztlicher Leistung und Gesundheitsmanagement“ beschäftigt. Andere Gruppen kümmern sich um das Krankenhaus auf dem Land oder die Weiterbildung.

Was ist bisher dabei herausgekommen?

Was meine Gruppe anbelangt, haben alle gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung in Sachsen zwei bundesweit einmalige Innovationen entwickelt. Zum ersten haben wir mit Augenarzt Dr. Simo Murovski in Zschopau eine Telesprechstunde eingeführt. Modernste Technik ermöglicht dem Arzt, Untersuchungen – beispielsweise bei Diabetes-Patienten – auf hoch qualifiziertes Personal zu delegieren. Die Befunde wertet nach wie vor der Arzt persönlich aus. Allerdings kann er sich von Routine entlasten, zusätzliche Termine anbieten und sich auf schwer kranke Patienten konzentrieren. Dazu muss man wissen, dass in der Region Chemnitz sieben Augenärzte fehlen. Die digitalen Anwendungen ermöglichen Ärzten, die Arbeitszeiten flexibler zu nutzen. Das ist auch für Ärzte in Elternzeit von großem Vorteil.

Und das zweite Projekt?

Das haben wir mit dem Kinder- und Jugendpsychiater, Dr. Reinhard Martens, aus Pirna verwirklicht. Der Facharzt betreut Patienten bereits in seinen Praxen in Bischofswerda und Dippoldiswalde. Die jahrelange Unterversorgung in Weißwasser - Eltern mussten mitunter bis Berlin fahren - ist ihm Anlass gewesen, ein ganz neues Konzept zu entwickeln. Auch hier wird ein Teil der Betreuung an hoch qualifiziertes Personal delegiert.

Wie sieht das konkret aus?

Der Arzt muss nicht jeden Tag die weite Strecke nach Weißwasser auf sich nehmen, sondern ist auch per Videosprechstunde für seine Patienten da. Positiver Nebeneffekt des Projektes ist, dass Dr. Martens sogar noch eine Kinder-. und Jugendpsychiaterin für Löbau gewinnen konnte, die Anfang Oktober ihre Arbeit aufgenommen hat. Jetzt muss kein Patient mehr nach Berlin geschickt werden. Das alles haben wir in der Arbeitsgruppe innerhalb eines halben Jahres geschafft. Darauf bin ich wirklich stolz.

Trauen Sie der Koalition zu, dass es weitere Fortschritte gibt?

Was mich gefreut hat, ist, dass sich diese Art von Projekten auch im Sondierungspapier wiederfinden. In diesem konstruktiven Zusammenwirken sollten wir so weiter machen. Das erfordert eine Aufbruchstimmung in Sachsen - mit Gestaltungswillen aller Partner, Mut zu neuen Wegen, keine langen Diskussionen, sondern zielstrebiges Handeln. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln und in Ergebnissen denken. Ich erwarte, dass die Verantwortlichen an einem Tisch zusammenarbeiten und in einem sportlichen Zeitraum Lösungen finden. Hier muss die Gesundheitsministerin oder der Minister den Fokus setzen.

Von dem Sondierungspapier sind Sie ansonsten enttäuscht?

Ja, es fehlt Substanz. A und O bei der gesundheitlichen Versorgung der Zukunft ist schnelles Internet gerade auf dem Land. Ich komme selbst aus der Sächsischen Schweiz. Geld für den Breitbandausbau ist da. Die Koordinatoren der Landkreise müssen sich jetzt etwas überlegen – auch angesichts von Planungsengpässen. Verantwortung übernehmen, bedeutet, auch mal ein Risiko einzugehen und sich nicht nur hinter Gesetzen zu verschanzen. Im Gesetz wird man die Innovationen vergeblich suchen.

Die Kassenärztliche Vereinigung reformiert gerade den Bereitschaftsdienst. Ihre Einschätzung?

Ich stehe da voll dahinter. Nur leider ist es nicht gelungen, die Notrufnummer 116117 der Kassenärzte mit der des Rettungsdienstes 112 zusammenzuführen. Aber wenn die Landkreise zu hohe finanzielle Forderungen dafür stellen, dann muss man sich nicht wundern.

Das müssen Sie erklären.

Die Landkreise sind die Träger der Integrierten Rettungsleitstellen, bei denen auch Katastrophenschutz, Wasserwacht und Bergwacht angesiedelt sind. Das ist die Rufnummer 112. Deren Betrieb wird also von den Landkreisen organisiert, und die Kassen zahlen Nutzungsentgelte. Diese Struktur hätte die Kassenärztliche Vereinigung auch für ihren Bereitschaftsdienst mit der Nummer 116117 nutzen können. Aber die Forderungen der Landkreise, die letztlich von den Ärzten beglichen werden müssen, sind nicht bezahlbar. Statt einer einheitlichen Telefonnummer für die Patienten bleibt es bei zweien. Dabei wäre es sinnvoller, wenn ein Arzt die Anrufe entgegennehmen und mit seiner Kompetenz entscheiden würde. Dann gäbe es auch weniger Notfälle, die eigentlich keine sind. Im Moment ist es noch etwa die Hälfte.

Was ist mit den Krankenhäusern?

Sachsen braucht eine Krankenhauslandschaft, die die Region versorgt und ländliche Häuser mit den Fachzentren in größeren Einrichtungen oder Unikliniken vernetzt. Die Kommunen müssen sich bewegen und effiziente Strukturen zulassen. Denn es betrifft auch ihre Krankenhäuser. Olbernhau ist so ein Beispiel. Wenn sich die Patienten bei planbaren Behandlungen für leistungsfähige Häuser entscheiden , muss sich die Chefetage den Patientenbedürfnissen stellen und die Struktur danach ausrichten. Im Fall Olbernhau muss der Landkreis umdenken. Die Krankenhäuser müssen sich Alleinstellungsmerkmale suchen.

Was schwebt Ihnen an Veränderung vor?

Das Konzept der „Intersektoralen Gesundheitszentren“ ist eine sehr gute Blaupause, um Krankenhäuser in ländlichen Regionen fit für die Zukunft zu machen. Intersektorale Gesundheitszentren umfassen ambulante Haus- und Facharztpraxen, eine Notfallpraxis, eine Praxisklinik für Operationen und eine Bettenstation, auch die Apotheke, Reformhaus, pflegerische Angebote oder Physiotherapie.

Auf dem Land wäre dies das Ende der kleinen Häuser?

Nein, ganz im Gegenteil. Vielmehr werden diese Häuser zu Gesundheitszentren mit sinnvoller Notfallversorgung ausgebaut und damit für die Zukunft erhalten. Schon heute erbringen diese Krankenhäuser mehr ambulante Fälle als stationäre. Sie sind damit bereits eine erste Adresse für Patienten. Bund und Land gewähren momentan Gelder für Umstrukturierung. Wer diese Chance verpasst, schneidet sich selbst ins eigene Fleisch.

Wo läuft es in Sachsen gut?

Ein richtig gutes Beispiel für erfolgreiche Kooperation sind die Schlaganfallnetzwerke. Die sind bundesweit innovativ und einmalig und beinhalten den telemedizinischen Austausch bildgebender Verfahren zwischen Krankenhäusern der Regelversorgung und Fachabteilungen größerer Einrichtungen. Dieses Modell lässt sich ausweiten – beispielsweise auf Herzerkrankungen.

Was ist mit den Landärzten?

Die Parteien sehen das Heil der gesundheitlichen Versorgung auf dem Land immer in Angestelltenverhältnissen an Krankenhäusern. Dabei behandeln angestellte Ärzte deutlich weniger Patienten im Vergleich zu ihren niedergelassenen Kollegen. Wenn wir das noch politisch propagieren, verlängern sich die Wartezeiten zusätzlich. Deshalb muss es uns gelingen, junge Ärzte für die Selbstständigkeit und die Niederlassung in eigener Praxis zu gewinnen.

Was schlagen Sie vor?

Was wir brauchen, sind flexible Organisationsformen. Praxiskliniken zum Beispiel , wo niedergelassene Ärzte auch Operationen durchführen. Unter Bedingungen, wie sie im Krankenhaus herrschen. Der Patient hat den Vorteil, dass er am Abend oder spätestens am nächsten Tag nach Hause gehen kann. Mit dieser Form tut sich Sachsen zum Schutz seiner Krankenhäuser noch schwer. In Thüringen hingegen wird schon an einer entsprechenden Vergütung gearbeitet. Auch Ärztegenossenschaften wären für die einzelnen Ärzte von Vorteil.

Im sächsischen Gesundheitswesen hört man oft das Argument: Viele der Probleme im gesundheitlichen Bereich können nur auf Bundesebene gelöst werden.

Ja, aber Sachsen kann über Initiativen im Bundesrat Einfluss darauf nehmen. Es wäre viel mehr möglich. Warum denn nicht? Sachsen sollte sich beispielsweise für massiven Bürokratieabbau stark machen. Aber man hört und sieht nichts davon.

Viele Ärzte verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit Papierkrieg. Gibt es keine Lösung?

Abrechnung und Dokumentation im Gesundheitswesen verschlingen wertvolle Arbeitszeit für Ärzte, Therapeuten oder Pflegekräfte. Ihre Kompetenz brauchen wir für die Versorgung der Patienten. Sinnlosen Papierkrieg können wir uns überhaupt nicht leisten. Deshalb ist mein Wunsch an die Hausspitze im Gesundheitsministerium, einen zweiten Schwerpunkt in der Entbürokratisierung zu setzen und beim Bund permanent einzufordern. Das bedeute eben auch, bei den anderen Länderministerien Allianzen zu schaffen.

Was verlangen Sie konkret von der neuen Koalition?

Ein mir besonderes Anliegen möchte ich anführen. In Sachsen hatten wir eine bundesweit und international anerkannte Diabetes-Vereinbarung abgeschlossen. Damals erhielten Ärzte einen Extra-Bonus, wenn sie Diabetes-Patienten ambulant gut eingestellt hatten. Das kippte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) 2006 zugunsten einer bundesweit einheitlichen Behandlung per Rechtsverordnung. Leider war nicht die optimale Versorgung entscheidend, sondern der kleinste gemeinsame politische Nenner. Für die Patienten hat das spürbare negative Folgen. Die Sterbefälle in Sachsen liegen inzwischen über dem Bundesdurchschnitt.

Wer ist dafür verantwortlich?

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der Initiator der bundesweiten Rechtsvorschrift, hat bei einer aktuellen Gesetzesvorlage schon wieder verhindert, dass wir in Sachsen unsere bewährte Diabetes-Vereinbarung neu auflegen können. Ich erwarte von der Kenia-Koalition, dass sie die berechtigten Interessen von Sachsen vertreten und sich in Berlin mit einer starken Stimme Gehör verschaffen.

Von Roland Herold

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