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Mitteldeutschland Seenotretter der Mission Lifeline: „Ich bin mir sicher, dass ich das Richtige tue“
Region Mitteldeutschland Seenotretter der Mission Lifeline: „Ich bin mir sicher, dass ich das Richtige tue“
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15:40 03.10.2019
Das Seenotrettungsschiff „Lifeline“ war bis Juni 2018 im Mittelmeer im Einsatz. Aktuell wird es von den maltesischen Behörden im Hafen von Valetta festgehalten. (Archivfoto) Quelle: dpa
Pozzallo/Leipzig

Seit 2016 engagiert sich der Dresdner Verein „Mission Lifeline“ in der privaten Seenotrettung im Mittelmeer. Aktuell werden beide Schiffe der Initiative von Behörden in Malta und Italien am Auslaufen gehindert. Falk Springer hat lange in Leipzig gelebt, gehört inzwischen zur Besatzung des Lifeline-Schiffs „Eleonore“. Im Interview erzählt er, wie er zur Seenotrettung kam, ob es Hoffnung auf ein erneutes Auslaufen gibt und wie er mit der Kritik an der Rettungsmission umgeht.

Herr Springer, wie kommt man als Leipziger auf ein Seenotrettungsschiff im Mittelmeer?

Für Mission Lifeline hatte ich vor einiger Zeit schon Spenden-Flyer und T-Shirts gestaltet, da kam die Frage nicht ganz unerwartet. Ich hab sofort zugesagt, geriet aber unmittelbar danach auch ins Grübeln: Ich im Mittelmeer? Pack ich das? Ein guter Freud meinte dann: „Klar ist das eine gute Idee. Lass uns das einfach zu zweit machen.“ Dann haben wir uns für die Besatzung der zweiten Lifeline-Mission auf dem Schiff „Eleonore“ gemeldet.

Was sind Ihre Aufgaben auf dem Schiff?

Kochen, Medienkontakte und natürlich die Betreuung der Geretteten. Dazu kam es bisher aber nicht, da nun auch das zweite Schiff von Mission Lifeline von den Behörden beschlagnahmt wurde. Im Moment sitzen wir mit der „Eleonore“ im Hafen von Pozzallo auf Sizilien fest und warten auf die Freigabe der Behörden. Mit dem Treffen einiger EU-Innenminister in der vergangenen Woche auf Malta zum Thema Seenotrettung gab es aber für mich auch die Chance, mich an einer Protestaktion gegen die derzeitige EU-Politik zu beteiligen. Deshalb bin ich nach Malta gereist, um Präsenz zu zeigen. Wir haben dem Bundesinnenminister Horst Seehofer zur Begrüßung ein 35 Meter langes Transparent in die Skyline von Valletta gehängt.

Transparent der Lifeline-Crew in der vergangenen Woche am Fort St. Angelo auf Malta. Quelle: Jonathan Borg/dpa

Sie sind aber kein gelernter Seemann. Was war notwendig, um auf dem Rettungsschiff anheuern zu können?

Ich bin gebürtiger Fischkopf und habe tatsächlich auch mal ein Jahr auf einem ehemaligen Fischerei-Trawler gearbeitet und gelebt: auf dem „KunstRaumSchiff Stubnitz“. Die Erfahrungen dort waren schonmal die halbe Miete. Ich kann darüber hinaus gut kommunizieren und schnell netzwerken, was hier gebraucht wird. Projektbezogenes Arbeiten, bei dem man immer wieder von Null anfängt und schnell zusammen etwas rocken muss, bin ich gewöhnt. Dazu kommen Fremdsprachen, Erste-Hilfe-Kurs und eben Praxis im Kochen für viele Leute. Auf einem Rettungsschiff sind die Verantwortlichkeiten ansonsten klar verteilt: Es gibt natürlich einen Kapitän, Maschinisten und medizinisch ausgebildetes Personal.

Die "Eleonore" ist seit 4 Wochen, die "Lifeline" seit 15 Monaten beschlagnahmt. Beide können sich nicht an Rettungsaktionen beteiligen. Wie ist die aktuelle Situation?

Es gibt anhängige Verfahren an den hiesigen Gerichten, auf deren Entscheidungen wir warten. Auf Malta wird am 15. Oktober das Berufungsverfahren gegen unseren Kapitän Claus-Peter Reisch stattfinden. In Italien wissen wir noch nicht, wann es weitergeht.

Falk Springer lebte früher in Leipzig. Seit Sommer 2019 gehört er als Crewmitglied auf der "Eleonore" zur Seenotrettungorganisation "Mission Lifeline". Quelle: David Pichler

Gibt es auf den Schiffen noch Hoffnung, demnächst doch wieder rausfahren zu können?

Ob wir die Schiffe zurückbekommen, steht wirklich noch in den Sternen. Deshalb nutzen wir derzeit unsere Kapazitäten und sammeln für ein neues, drittes Seenotrettungsschiff. Sobald wir das Geld beisammen haben, geht es wieder los.

Sie sprachen schon vom EU-Migrationsgipfel vergangene Woche: Haben sich die Teilnehmer der Konferenz für die Lifeline-Mission interessiert?

Die Hoffnungen vor dem Treffen waren hoch. Italien hat mit Luciana Lamorgese eine neue Innenministerin und Deutschland und Frankreich hatten im Vorfeld schon angekündigt, jeweils ein Viertel der Geretteten aufzunehmen. Dass wir bei der Konferenz nicht mit am Tisch sitzen würden, war uns klar. Wir haben lange überlegt, wie wir uns trotzdem bei den Teilnehmern Gehör verschaffen können und sind dann auf die Idee des Riesen-Banners im Hafen von Valetta gekommen, auf dem dann stand: „EU, Get Your Ships Together" (EU, holt Eure Schiffe zusammen). Ich denke, wir haben damit die Position der Mittelmeer-Anrainer gestärkt, kritisieren sie aber auch gleichzeitig: Das wochenlange Warten der Rettungsschiffe vor den Küsten ist unwürdig und die Beschlagnahmungen müssen aufhören. Gebt endlich die Schiffe der Seenotrettung frei!

Die Dresdner „Mission Life“

Seit April 2016 plant der Verein „Mission Lifeline“ aus Dresden Rettungsmissionen für in Seenot geratene Flüchtlinge im Mittelmeer. Mit Spendengeldern wurde ein früheres Fischereiforschungsschiff gekauft und umgebaut. Ab September 2017 war der Trawler unter dem Namen „Lifeline“ mit Kapitän Claus-Peter Reisch im Einsatz im Mittelmeer. Seit Juni 2018 wird das Schiff auf Malta festgehalten. Mit Hilfe eines Spenders konnte im Mai 2018 ein zweites Schiff – das Sportboot „Eleonore“ – im Auftrag von „Mission Lifeline“ in See stechen. Anfang September lies Italien das Schiff im sizilianischen Hafen Pozzallo beschlagnahmen. Kapitän Claus-Peter Reisch und die Initiative „Mission Lifeline“ wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter im April 2019 mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte.

Wie bewerteten sie die Vereinbahrung von Italien, Frankreich und Deutschland zur Verteilung der geretteten Flüchtlinge?

Ich denke, es geht in die richtige Richtung. Konkrete, dauerhafte Regelungen für die Aufnahme der Geretteten sind aber immer noch überfällig. Wichtig ist auch: Es darf keine Rückführungen der Flüchtlinge nach Libyen geben. Das Land ist kein „sicherer Hafen“. Solche direkten Pushbacks sind auch nach EU-Recht illegal. Wir fordern die Aussetzung des Dubliner Übereinkommens zur Verteilung der Asylsuchenden und eine gerechtere Aufnahmebereitschaft aller EU-Länder – auch der osteuropäischen. Und vor allem müssen wir an die Fluchtursachen heran, sonst ändert sich die Situation im Mittelmeer nicht und die Menschen ertrinken weiter.

Denken Sie, dass die private Seenotrettung der privaten Initiativen irgendwann wieder von offiziellen EU-Rettungsschiffen abgelöst werden?

Die Wiederaufnahme einer EU-Mission zu Seenotrettung ist wünschenswert, allerdings sollte das unter weiterer Teilnahme der NGOs (Nichtregierungsorganisationen) passieren. Nur dann können wir – nach bisheriger Erfahrung – sicher sein, dass Menschenrechte von der EU auch tatsächlich respektiert werden.

Das Thema der NGO-Seenotrettung wird – gelinde gesagt – sehr kontrovers diskutiert. Es gibt den Vorwurf, ihr würdet die Situation eher verschlimmern. Wie gehen Sie mit der Kritik um?

Ich bin mir sicher, dass ich das Richtige tue. Dass Hilfeleistung in Notsituation zur Verhandlungsache werden soll, mache ich nicht mit. Das ganze populistische Gejammere von Fluchthilfe und Schlepperei ist einfach zu enttarnen. Ob wir nun retten oder nicht – die Rhetorik zielt letztlich auf die Menschen, die so oder so den gefährlichen Weg übers Meer auf sich nehmen. Wer auf der Flucht ist, kann sich dagegen auch kaum wehren. Jeder kann sich fragen: Wem nützt es, Menschen in einer miserablen, hilfebedürftigen Position zum Sündenbock zu machen?

Es nützt denen, die versuchen, mit rassistischer Angstmache Politik zu machen und Wählerstimmen abzufischen. Dagegen muss man sich stellen. Wer nach den Ursachen der derzeitigen Situation sucht, sollte nach der eigenen Verantwortung fragen: nach der Geschichte des europäischen Kolonialismus, nach den Profiten aus Rüstungsgeschäften. Der muss aber auch nach den Vorteilen fragen, die wir alle daraus ziehen, dass Andere auf dieser Welt viel ärmer sind als wir.

Mehr zur Initiative: mission-lifeline.de

Von Matthias Puppe

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