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Mitteldeutschland Sächsischer Mediziner kritisiert „gesellschaftlich akzeptierte Kindesmisshandlung“
Region Mitteldeutschland Sächsischer Mediziner kritisiert „gesellschaftlich akzeptierte Kindesmisshandlung“
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16:03 26.09.2019
Der Personalmangel in den Kitas wird einer Studie zufolge trotz aller Anstrengungen zunehmend zum Problem, belastet Betreuungsqualität und Erzieher. Das betont das Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann Stiftung. Quelle: Monika Skolimowska/dpa
Dresden/Leipzig

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) hat heftige Kritik am Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann-Stiftung geübt. Die Studie setze auf Masse statt auf Klasse, erklärte er am Donnerstag in Dresden. „Sie geht westdeutsch geprägten Fantasiegebilden nach, statt die besondere ostdeutsche Situation zu berücksichtigen.“ Es sei falsch, lediglich den Blick auf den Personalschlüssel zu richten und die Betreuungsquote sowie den Ausbildungsstand des Kitapersonals außer Acht zu lassen. „So wird aus der Betrachtung ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen«, sagte Kultusminister Piwarz. Scharf kritisiert wird die dünne Personaldecke in ostdeutschen Krippen und Kitas dagegen von Kinderpsychologen wie dem Leipziger Mediziner Kai von Klitzing.

Zweitschlechtester Wert in Deutschland

Laut der Studie fehlen in Sachsen 17 000 Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten und Krippen. Zwischen 2008 und 2018 ist die Zahl der Pädagogen in sächsischen Kitas demnach um knapp 4400 auf rund 27 200 gestiegen. Da jedoch die Zahl der zu betreuenden Kinder gleichzeitig um fast 38 000 auf gut 182 000 zugenommen habe, war zum Stichtag 1. März 2018 eine pädagogische Fachkraft rechnerisch für 6,2 ganztagsbetreute Kinder zuständig. Dies sei bundesweit der ungünstigste Personalschlüssel nach Sachsen-Anhalt, hieß es. Im Ranking steht Baden-Württemberg am besten da beim Personalschlüssel, gefolgt von Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und Bayern.

In den Kindergartengruppen hat sich der Personalschlüssel demnach von 2013 bis 2018 von 13,5 auf 12,7 Kinder verbessert. Auch dies sei jedoch nach Mecklenburg-Vorpommern der zweitschlechteste Wert in Deutschland. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt für Kitas einen Betreuungsschlüssel von 1:3 und in Kindergärten von 1:7,5.

Fast 1,6 Milliarden Euro für Sachsens Kitas

Piwarz verwies darauf, dass die Betreuungsquote der unter Dreijährigen in Ostdeutschland und so auch in Sachsen deutlich höher sei als im Bundesdurchschnitt. Während bundesweit lediglich jedes dritte Kind in einer Krippe betreut werde, liege der Betreuungsgrad in Sachsen bei knapp 51 Prozent. „Zudem ist das Kita-Personal deutlich besser ausgebildet als im Bundesdurchschnitt.“ Zehn Prozent habe in Sachsen einen Hochschulabschluss, bundesweit seien es lediglich fünf Prozent. Auch habe in Sachsen mehr Personal einen Abschluss als Erzieher als im Bund. In Sachsen sind es 83 Prozent, im Bund 70 Prozent.

Sachsen wendet 2019 rund 750 Millionen Euro und 2020 rund 840 Millionen Euro zur Finanzierung der Kindertageseinrichtungen auf, so der Minister.

Thüringen steht besser da als Sachsen

In Thüringen sind in den nächsten Jahren 9100 zusätzliche Erzieher in den Kitas und Krippen nötig. Zwar sei das Personal in den Kitas zwischen 2008 und 2018 um fast 50 Prozent gestiegen, jedoch sei auch die Zahl der Kita-Kinder von 77 779 auf 93 581 nach oben gegangen, so die Bertelsmann Stiftung. Im Schnitt müsse sich eine Fachkraft um 5,5 ganztagsbetreute Kinder in Krippengruppen kümmern. Damit habe sich die Personalsituation gegenüber dem Jahr 2013 kaum verändert.

In Kindergartengruppen habe sich die Situation sogar verschlechtert. Demnach musste sich eine Fachkraft im Jahr 2013 rechnerisch um 11,2 Kinder kümmern, im vergangenen Jahr lag der Wert bei 11,6. Für eine kindgerechte Betreuung empfiehlt die Bertelsmann Stiftung, dass in Krippengruppen maximal drei und in Kindergartengruppen 7,5 Kinder auf eine pädagogische Fachkraft kommen.

Thüringen schneidet bei Kindern über drei Jahren besser als Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, jedoch schlechter als Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Berlin ab. Bei Kindern unter drei steht der Freistaat unter den ostdeutschen Bundesländern am besten da.

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) kritisierte die Studie ebenfalls. Sie ignoriere unter anderem, dass in Thüringen 96 Prozent der Kinder in den Kindergarten gingen und bis zu zehn Stunden betreut würden. Auch die Quote bei der Ganztagsbetreuung sei hoch. „Der Osten Deutschlands hat bei der frühkindlichen Bildung einen klaren Qualitätsvorsprung, Bertelsmann blendet das aber einfach aus“, erklärte Holter. Außerdem monierte er, dass die Daten veraltet seien.

Mediziner warnt vor emotionaler Vernachlässigung

Den „dramatischen Erziehermangel in sächsischen Krippen und Kitas“ geißelt der Präsident der Weltgesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit, Kai von Klitzing, „als gesellschaftlich akzeptierte Kindesmisshandlung“. Der Professor für Kinderpsychiatrie am Uniklinikum Leipzig wundert sich nach eigener Aussage, „dass der Aufschrei über solche unfassbaren Zustände nicht viel größer ist. Kinder im Osten haben damit nur halb so gute Chancen für ihre seelische Entwicklung gegenüber Jungen und Mädchen im Westen“, unterstreicht der Leiter der Leipziger Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters. Daraus erwachse „doppeltes Risiko für seelische und körperliche Erkrankungen und eine hohe Wahrscheinlichkeit psychoemotionaler Vernachlässigung“, warnt der Mediziner. „Das in östlichen Bundesländern verbreitete Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, wird in den ersten drei Lebensjahren im Grunde schon angelegt“. Der Wissenschaftler plädiert daher für bessere Vergütung und attraktivere Arbeitsbedingungen, um offenen Erzieherstellen so schnell wie möglich zu besetzen.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, sah es als großen Erfolg der Kommunen, dass mit der Einführung des Rechtsanspruchs auf Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige „die Platzzahlen ganz erheblich ausgebaut und trotzdem auch die Qualität der Kindertagesbetreuung insgesamt verbessert werden konnte. Ein Anstieg der Zahl des pädagogischen Personals um 54 Prozent innerhalb von 10 Jahren ist in Zeiten des Fachkräftemangels eine große Leistung.“

Auch die gestiegene Geburtenrate sei ein Erfolg und Ansporn für die Kommunen, die Kinderbetreuung noch weiter zu verbessern, so Dedy.

Von Winfried Mahr

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