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Sachsens Tierheime sind am Limit 

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08:40 28.11.2021
Azubi Ralph Stellmacher kümmert sich mit um die Tiere im Tierheim Vielauer Wald in Reinsdorf im Landkreis Zwickau. Rund 80 Katzen werden hier betreut. Die Tierheime in Sachsen schlagen Alarm. Viele können keine Katzen und Hunde mehr aufnehmen.
Azubi Ralph Stellmacher kümmert sich mit um die Tiere im Tierheim Vielauer Wald in Reinsdorf im Landkreis Zwickau. Rund 80 Katzen werden hier betreut. Die Tierheime in Sachsen schlagen Alarm. Viele können keine Katzen und Hunde mehr aufnehmen. Quelle: Katrin Mädler
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Leipzig

Sie haben keine Familie mehr, die sich um sie kümmert. Aber sie brauchen Liebe, Pflege und medizinische Betreuung. Herrenlose Hunde und Katzen bringen Sachsens Tierheime und deren Mitarbeiter derzeit an die Belastungsgrenze. Innerhalb kurzer Zeit hat sich etwa die Lage im Tierheim Vielauer Wald in Reinsdorf (Landkreis Zwickau) zugespitzt. Deswegen musste es einen Aufnahmestopp verhängen, wie Claudia Ruf als Vorsitzende des Tierschutzvereins Zwickau und Umgebung berichtet.

„Wir mussten in den letzten Tagen mehrere Personen abweisen, die sich hilfesuchend an uns gewandt haben.“ Mit 25 Hunden sei kein einziger Platz mehr frei. Hinzu kommen 80 Katzen. „Es werden nur einzelne Tiere vermittelt und sofort rücken neue nach“, erklärt Ruf. In der Corona-Krise hätten sich viele Menschen ein Tier zugelegt. „Wir vermuten, dass nun die Vermittlung stagniert, weil der Markt mit Tieren übersättigt ist.“

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Vor allem Katzenbabys werden zum Problem. „Womöglich sind während der Pandemie viele nicht kastrierte Katzen in Umlauf gekommen, die dann Nachwuchs hatten“, vermutet Ruf. Zusätzlich bereite ihr Knappheit bei Impfstoffen Sorge – etwa gegen Katzenschnupfen oder Katzenseuche. Ein Grund sei, dass durch die Corona-Pandemie Impfampullen fehlten.

Die Situation im Tierheim in Reinsdorf ist kein Einzelfall. Die meisten sächsischen Tierheime seien voll, vor allem mit kleinen Katzen, bestätigt die Vorsitzende des Landestierschutzverbandes, Christel Jeske. „Aber die Tiere, die während der Corona-Zeit aus unseren Tierheimen vermittelt wurden, kommen kaum zurück.“ Wer sich jedoch über das Internet oder aus dem Ausland ein Tier zugelegt habe, sei nun manchmal überfordert.

„Müssen Hilfesuchende abweisen“

„Darunter waren auch verhaltensauffällige Tiere, beispielsweise Welpen, die zu früh der Mutter weggenommen wurden. Jetzt haben wir Wartelisten und müssen Hilfesuchende abweisen“, sagt Jeske. Dazu kämen Exoten. Um 55 Schlangen müsse sich aktuell das Tierheim Leipzig kümmern. „Was wir erleben, ist teilweise chaotisch. Die Menschen sollten sich vor der Anschaffung von Tieren genau überlegen, ob es die Umstände und die finanzielle Situation erlauben.“

Mit 60 Katzen, 40 Hunden, Hasen, Meerschweinchen, Vögeln und weiteren Tieren sei auch das Tierheim in Freital bei Dresden fast voll, sagt Regina Barthel-Marr vom Tierschutzverein Freital und Umgebung. Plätze für Noteinweisungen durch die Behörden müssten weiter frei gehalten werden. Denn Beschlagnahmungen von Tieren nähmen zu. „Die Landkreise haben in den letzten Monaten viel mehr Arbeit. Einige Menschen haben wohl die Haltung von Tieren unterschätzt.“

Viele wollen ihr Tier schnell wieder loswerden

Andererseits bedauert Barthel-Marr, dass viele Menschen ihr Tier gleich loswerden wollen, nur weil Probleme auftauchen. „Viele Hunde, die während Corona angeschafft wurden, kommen jetzt in eine Art Teenager-Rüpel-Phase. Die ist nicht ungewöhnlich und bekommt man mit Hundetrainern oft wieder hin.“ Auch Tiere, die während des Lockdowns nicht gelernt hätten, alleine zu bleiben, machten nun Probleme.

„Die Menschen können uns kontaktieren, wir vermitteln Hundetrainer. Manchmal schauen wir auch selbst vorbei, wenn es Probleme gibt“, bietet Barthel-Marr Unterstützung an. Aber mittlerweile seien die Mitarbeiter des Tierheims Freital selbst am Limit – auch durch gestresste Menschen. „Die werden immer ungeduldiger, manche beschimpfen uns sogar. Das geht uns wirklich nahe.“

Tierschutz soll gestärkt werden

Laut Sozialministerium soll die Tierschutzarbeit gestärkt werden. „Eine wesentliche Säule der Tierschutzarbeit wird über ehrenamtliches Engagement getragen. Doch die vielen Aufgaben sind allein durch Ehrenamtliche kaum zu bewältigen“, erklärte Ministerin Petra Köpping (SPD) kürzlich. Deshalb wurde im Doppelhaushalt 2021/2022 die finanzielle Unterstützung der rund 50 Tierheime in Sachsen auf 1,07 Millionen Euro pro Jahr aufgestockt, teilt das Ministerium mit. „Ohne die Finanzierungsverantwortung der Kommunen abzulösen, soll eine Personalkostenförderung möglich sein“, heißt es weiter.

„Wichtig wäre, dass unsere Hauptvertragspartner angemessen bezahlen würden“, entgegnet Claudia Ruf. Über Verträge mit Kommunen und Landkreisen würden in den Tierheimen Fundtiere aufgenommen ebenso wie Tiere, die bei Tierschutz-Verstößen eingewiesen werden. „Diese Unterbringung ist eine staatliche Pflichtaufgabe und müsste kostendeckend finanziert werden – was häufig nicht der Fall ist. Und leider werden Tierheime bevorzugt, die durch viele Ehrenamtler billigere Angebote machen. In anderen Branchen wäre das undenkbar“, kritisiert Ruf. Sollten zukünftig die Personalkosten weiter steigen, nähmen Existenzängste zu. Schon jetzt bräuchten die Tierheime oft die Spendengelder, um über die Runden zu kommen.

Von RND/dpa