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Mitteldeutschland Sachsens Senioren in der Schuldenfalle: „Gewisse Mitschuld bei Banken“
Region Mitteldeutschland Sachsens Senioren in der Schuldenfalle: „Gewisse Mitschuld bei Banken“
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20:40 08.01.2020
Immer mehr Senioren können ihre Rechnungen nicht bezahlen – sie machen deshalb Schulden. Quelle: imago images / imagebroker
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Leipzig

Das neue Jahr hat für Friedrich Wensing und seine Mitarbeiter so begonnen, wie das alte geendet hat. „Bei uns häufen sich seit einiger Zeit Anfragen von älteren Arbeitnehmern und auch Senioren“, sagt der Chef des VSR Verein zur Schuldenregulierung in Leipzig.

Die Gründe dafür seien verschieden. „Zu uns kommen Menschen, die aufgrund häufiger Erwerbslosigkeit, nur eine kleine Rente bekommen und mit dem Geld ihre Verbindlichkeiten nicht mehr begleichen können“, sagt der Jurist. „Andere haben gut gelebt, plötzlich ist der Job weg und die neue Stelle ist weit weniger gut bezahlt.“ Auch Menschen mit psychischen Problemen suchten Beratung.

In den meisten Fällen kämen die Hilfesuchenden nicht „Fünf vor Zwölf“, sondern weit später. „Also wenn die Anwälte der Gläubiger schon aktiv sind, die Inkasso-Vertreter vor der Tür stehen. Oft wird an die lautesten Gläubiger gezahlt und übersehen, dass dadurch anderswo Lücken entstehen: es kommt zu ausstehenden Zahlungen für Miete oder Energie.“

Aggressives Verhalten bei den Banken

Wensing schildert den Fall einer Rentnerin, die mit ihrem Mann einen Kredit aufgenommen hat, den sie nach dem Tod ihres Gatten nicht mehr bedienen kann. Die Hilfe der Bank habe so ausgesehen, dass sie den Kredit umgeschuldet und gleich noch eine Versicherung draufgesattelt hat. „Das Spiel hat die Bank mit der Frau zweimal getrieben. Zu uns ist sie gekommen, als schon nichts mehr ging - Vermieter und Energieversorger haben schon gedroht.“ Die international agierende Privatbank sei bereits mehrfach durch ihr „aggressives Verkaufsverhalten“ aufgefallen. „In der aktuellen Niedrigzinsphase zählt offensichtlich jeder Abschluss. Einige Banken tragen eine Mitschuld daran, dass Verbraucher Kredite erhalten, die sie nie zurückzahlen können.“

Friedrich Wensing vom Verein zur Schuldenregulierung in Leipzig berät einen Betroffenen. Quelle: Kempner

Auch bei der Verbraucherzentrale Sachsen registriert man eine Zunahme von verschuldeten Altersrentnern. In dieser Altersgruppe wirke sich zunehmend die wachsende Zahl unsteter Erwerbsbiografien und der hier immer größer gewordene Niedriglohnsektor aus, sagt Thomas Griebel, Insolvenz- und Schuldnerberater bei der Verbraucherschutzzentrale. „Auch der zum Teil dramatische Anstieg der Mieten spielt eine Rolle.“ Die Überschuldungsquote bei den Rentnern liege aber trotz Zuwächsen mit rund drei Prozent noch immer erheblich unter den Durchschnittswerten anderer Altersgruppen.

Verschiedene Ursachen für Überschuldung

Griebel nennt als Ursachen für private Überschuldung Arbeitslosigkeit, Krankheit, Trennung, gescheiterte Selbstständigkeit. Aber auch die Praxis der Kreditvergabe sei zu nennen, so der Fachmann. Von Relevanz sei zudem „das individuelle Konsumverhalten sowie individuelle Kompetenzen und Wissen über das Entstehen von Überschuldung“. Es sei besorgniserregend, wie häufig Haushalt- und Finanzkompetenz fehlten.

Das Entkommen aus der Überschuldung gelingt laut Berater Griebel aus eigener Kraft eher selten. „Ökonomischer Stress wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus und belastet in erster Linie die persönliche Gesundheit und die sozialen Beziehungen.“ Zum Glück gebe es seit 1999 die Chance auf einen finanziellen Neuanfang auch für Privatpersonen. Bis dahin war ein Insolvenzverfahren nur Unternehmen und Gewerbetreibenden vorbehalten, so dass Überschuldung im Privatbereich häufig ein dauerhaftes Leben mit Schulden bedeutete.

6000 Betroffenen geholfen

In den vergangenen 20 Jahren sei es den Beratern der Verbraucherzentrale Sachsen gelungen, mehr als 6000 Betroffene durch die Einleitung eines Insolvenzverfahrens einen Ausweg aus der Schuldenfalle zu zeigen, so Griebel.

In Sachsen gibt es für Überschuldete 86 Beratungsstellen verschiedener Träger. Allerdings bieten nicht alle den gleichen Service. Oft müssen Berater Betroffene an andere Einrichtungen verweisen, wenn nur noch der Weg in die Privatinsolvenz bleibt. Verantwortlich dafür ist die unterschiedliche Finanzierung, erklärt Thomas Neumann, Sprecher des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Sachsen.

„Während die Schuldnerberatung durch die kommunale Ebene gefördert wird, kommen die Mittel für die Insolvenzberatung aus dem Haushalt des Sozialministerium. Nur wenige Beratungsstellen bieten beides.“ Verschiedene Ansprechpartner, lange Anfahrtswege insbesondere im ländlichen Bereich – der Paritätische fordert deshalb eine Überarbeitung der Förderung, „damit die fast zehn Prozent überschuldeten Menschen in Sachsen die Hilfe bekommen können, die sie benötigen, sprich Hilfe aus einer Hand“, so Neumann weiter.

Die von Jurist Wensing geleitete Einrichtung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Leipzig hat sich neben Beratung auch auf Insolvenzrecht spezialisiert. „Wir haben Juristen, die die Schuldner wenn nötig von Beginn der Beratung an bis zum Gang in die Privatinsolvenz begleiten.“

Im geschilderten Fall der älteren Dame, die den Bankkredit nicht mehr bedienen kann und Mietschulden hat, will man der privaten Bank noch in diesem Monat eine außergerichtliche Einigung anbieten. Die Aussichten seien aber gering, sagt Wensing. Jetzt gelte es, der Frau die Sorgen vor einer Insolvenz zu nehmen. „Ihre Rente liegt unterhalb der Pfändungsgrenze. Ihr Vermieter haben auch erkennen lassen, dass man Verständnis hat und ihr kein Rauswurf droht.“

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