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Mitteldeutschland Landwirtschaftsminister Günther (Grüne): „Am Ende zahlt der Verbraucher“
Region Mitteldeutschland Landwirtschaftsminister Günther (Grüne): „Am Ende zahlt der Verbraucher“
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19:40 04.03.2020
Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) hat Verständnis für die Bauern. Foto: Ingo Wagner/dpa
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Leipzig

Im Streit um zu viel Nitrat im Wasser haben sich EU-Kommission und Bundesregierung auf schärfere Dünge-Vorgaben für deutsche Bauern geeinigt. Dazu wird am Donnerstag eine Sachverständigenanhörung im Sächsischen Landtag stattfinden – begleitet von Bauernprotesten. Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) spricht im Interview über die verschiedenen Positionen.

Können Sie den Zorn der Landwirte nachvollziehen?

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Die Kritik richtet sich nicht nur gegen verschärfte Düngevorschriften, sondern auch gegen den Punkt, welche Messstellen von der EU herangezogen werden. Dass Landwirte darauf hinweisen, dass es für sie wirtschaftlich eng werden kann, wenn sie weniger düngen, dafür habe ich sehr großes Verständnis. Sie erkennen ja umgekehrt auch an, dass in bestimmten Gebieten die Nitratwerte im Grundwasser zu hoch sind.

Woher kommt diese Belastung?

Bei der Bodenbelastung durch Nitrate haben wir es mit der aktuellen Düngemittelpraxis zu tun, aber auch zu einem nicht geringen Teil mit den Spätfolgen der DDR-Landwirtschaft und damit, dass wir in Teilen von Sachsen zu wenige Niederschläge abbekommen, die das Nitrat im Boden verdünnen könnten.

Woran entzündet sich denn der Zorn?

Unter anderem daran, dass die Regelungen fachgerecht zustande kommen müssen. Damit ein Betrieb so reagieren kann, dass ein wirtschaftliches Produzieren weiterhin möglich ist.

Warum hat sich das Problem so verschärft?

Weil sich die Bundesregierung über Jahre hinweg nicht darum gekümmert hat und die EU jetzt großen Druck macht. Sie will ihr Vertragsverletzungsverfahren wieder aufnehmen, wenn sich nicht rasch etwas ändert. Dann würden Deutschland bis zu 850 000 Euro Strafzahlungen pro Tag drohen. Unsere Agrarbetriebe stehen vor einer großen Herausforderung – auch, weil vieles so schnell gar nicht zu regeln ist.

Wie wichtig ist das Thema der sächsischen Landesregierung?

Sehr wichtig. Das ist der erste fachliche Antrag, die allererste Anhörung in der neuen Legislaturperiode. Das zeigt, dass die Koalition das Thema sehr, sehr ernst nimmt.

Wie groß sind denn die Spielräume gegenüber Brüssel?

Sie sind extrem überschaubar. Natürlich geht es darum, die Nitratwerte zu senken. Aber die Ansätze der EU sind teilweise sehr schematisch: Es gibt Hanglagen, bei denen der Nährstoffbedarf oben anders ist als unten. Außerdem müsste man die Ausbringung von tierischem Dünger mehr an der Witterung als an einem starren Datum ausrichten. Das aber findet sich in den Vorgaben nicht wieder und macht es den Landwirten darum besonders schwer, sich darauf einzustellen.

Wie viele Bauern sind davon betroffen?

In Sachsen geht es um 18 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche, auf der weniger gedüngt werden muss. Man sollte deshalb die Diskussion auch nicht so führen, als ob die gesamte Landwirtschaft auf den Prüfstand käme.

Um welche Landkreise geht es dabei?

Besonders betroffen sind Nordsachsen, Mittelsachsen, aber auch Teile des Vogtlandkreises.

Nun ist ein bestimmter Nitratgehalt des Bodens Voraussetzung dafür, dass Brotgetreide statt Futtergetreide angebaut werden kann. Bedeutet das in Konsequenz, dass Brot künftig teurer wird?

Nein. Wie gesagt: 82 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche sind gar nicht betroffen. Für die anderen Betriebe bedeutet es, dass man noch exakter planen muss, was wo angebaut werden kann und wo genau gedüngt wird. Die Technik ist ja mittlerweile so weit, dass dies pflanzengenau passieren kann. Außerdem können auch ein bestimmter Zwischenfruchtanbau und bestimmte Fruchtfolgen Teil der Lösung sein. Letztendlich bedarf es eines ganzen Bündels verschiedener Maßnahmen.

Was ist denn an Nitraten eigentlich so schädlich für den Verbraucher?

Wenn die Grenzwerte überschritten werden, kann das gesundheitliche Folgen haben – beispielsweise für Babys und stillende Mütter. Wir haben ja jetzt schon das Phänomen, dass private Brunnen beispielsweise in Nordsachsen stillgelegt werden mussten. Außerdem bedeutet es immer einen sehr hohen Aufwand für die Trinkwasserversorger. Zum Teil muss Wasser von weit außerhalb hinzugekauft werden, um die Grenzwerte einzuhalten. Das zahlt am Ende dann auch der Verbraucher mit.

Von Roland Herold