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Sachsen im Teil-Lockdown: Wie lange hält Ihr Hotel noch durch, Jens Weißflog?

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21:48 11.12.2021
Jens Weißflog, Skisprungweltmeister, Olympiasieger und Hotelier, steht vor dem unbesetzten Tresen seines Hotels.
Jens Weißflog, Skisprungweltmeister, Olympiasieger und Hotelier, steht vor dem unbesetzten Tresen seines Hotels. Quelle: Hendrik Schmidt
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Leipzig

Jens Weißflog ist nicht nur einer der erfolgreichsten Skispringer der Welt, sondern seit 25 Jahren auch Hotelier in Oberwiesenthal. Die höchstgelegene Stadt Deutschlands und der Fichtelberg sind gerade wunderbar eingeschneit und wirken trotzdem „wie ausgestorben“, berichtet der Unternehmer und vierfache Vater im LVZ-Interview. Die Skilifte sind zu, alle touristischen Übernachtungen in Sachsen verboten. Wir fragten den 57-Jährigen, was das für den Kurort und für sein Hotel bedeutet. Und ob man aus dem Spitzensport vielleicht etwas zur Überwindung einer Pandemie lernen kann?

Hallo Herr Weißflog, wie geht es Ihnen?

Privat geht es mir gut, als Unternehmer verliere ich zunehmend meinen Optimismus. Die Lage für die Hotels in Sachsen ist katastrophal und das greift mich schon ziemlich emotional an. In diesem Jahr durften wir nur in fünf von zwölf Monaten öffnen. Im vergangenen Jahr war auch schon vier Monate zu. Bei allem Verständnis für die hohen Inzidenzen und Notlagen in den Krankenhäusern – so kann es nicht weitergehen.

Wie lange hält Ihr Hotel noch durch?

Die Verluste liegen im hohen fünfstelligen Bereich. Davon decken staatliche Entschädigungen, die oft erst mit Verspätung kommen, bei weitem nicht alles ab. Es gab schon Monate ohne Gäste, in denen wir mehr als 25.000 Euro zubuttern mussten. Im Erzgebirge besteht das Gastgewerbe zum größten Teil aus kleinen Familienbetrieben, häufig sind es Ehepaare, wo der eine in der Küche und der andere am Tresen steht. Einige Kollegen mussten ihre Altersvorsorge kündigen, damit es überhaupt irgendwie weitergeht. Wir haben einen Kredit aufgenommen und halten noch wegen der Ersparnisse aus besseren Zeiten durch. Aber es kann doch nicht der Sinn eines Unternehmens sein, jeden Monat so viel Geld zu verlieren, nur weil man zur falschen Branche gehört.

Was ist denn falsch an dieser Branche?

Das frage ich mich auch. Wir haben sehr gute Hygienekonzepte erstellt, bereits letztes Jahr ein Modellprojekt auf die Beine gestellt, das kurz vor der Genehmigung gecancelt wurde. Wir haben Testpersonal geschult, Technik zum Einchecken per Luca- und Corona-Warn-App installiert, in geforderte Maßnahmen investiert. Bei VW drängeln sich weiter Tausende Beschäftigte, während die meisten meiner 23 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits den zehnten Monat seit Beginn der Pandemie in Kurzarbeit zu Hause sind. Wir haben versucht, sie auf unserer hauseigenen Baustelle in Lohn und Brot zu bekommen, Gehälter aufgestockt und vieles mehr. Aber auch diese Last alleinig beim Arbeitgeber abzuladen, ist doch nicht dauerhaft möglich, wenn keine Einnahmen da sind! Im Sommer wurde unser lange geplanter Anbau fertig, durch den das Hotel auf 30 Zimmer und Suiten gewachsen ist. Auf der Baustelle in 30 Metern Entfernung herrschte ständig Gewusel und es lief bei den Gewerken alles wie immer. Aber das vorhandene Hotel daneben wurde praktisch mit einem Berufsverbot versehen. Ich möchte nicht, dass man Branchen gegeneinander ausspielt. Jedoch fehlt hier die Sinnhaftigkeit wenn es darum geht, gemeinsam eine Krise zu meistern.

Was soll Sachsens Landesregierung denn sonst machen, um Kontakte zu verringern?

Die Tische in unserem Restaurant stehen längst über 1,50 Meter auseinander. Wir haben Plätze reduziert und auch sonst alle geforderten Maßnahmen erfüllt. Noch mal: Ich will die Gefahren durch Corona nicht verharmlosen. Auch in Oberwiesenthal gab es mittlerweile eine ganze Reihe von Ansteckungen. In der ersten Welle hatte man das nur aus anderen Orten gehört. Aber was ist gewonnen, wenn jetzt bei uns alle Lifte zu sind, aber das nächste Skigebiet in 1,5 Kilometern auf der tschechischen Seite ganz normal öffnet? Am 12. Dezember soll die Beherbergung in Österreich wieder starten. Dann fahren die Sachsen über Weihnachten und Silvester eben zum Ski-Urlaub in die Alpen oder nach Bayern – oder sie haben von vornherein an der Ostsee gebucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auf diese Weise erfolgreich Kontakte eingeschränkt werden. In Leipzig oder Dresden haben die Hotels noch Geschäftsreisende. Aber wir in Oberwiesenthal leben zu 100 Prozent vom Tourismus. Neben den Winterferien im Februar sind der Advent und die Zeit um den Jahreswechsel für uns die wichtigste Einnahmequelle des Jahres. Und die fällt nun schon zum zweiten Mal aus.

Zur Person

Jens Weißflog, geboren 1964 im erzgebirgischen Erlabrunn und aufgewachsen in Pöhla, ist Deutschlands erfolgreichster Skispringer. Der „Floh vom Fichtelberg“ zählt zu den nur fünf Athleten weltweit, die bei allen internationalen Top-Wettbewerben im Skisprung (Olympia, Weltmeisterschaften, Gesamtweltcup und Vierschanzentournee) ganz oben auf dem Treppchen standen. Nach seinem vierten Gewinn der Vierschanzentournee beendete der dreifache Olympia-Sieger 1996 seine sportliche Karriere. Seitdem betreibt er ein Appartement-Hotel in Oberwiesenthal. Weißflog hat vier Kinder. 2019 heiratete er seine langjährige Lebenspartnerin Doreen. Nach Weißflog wurde sogar ein Planetoid zwischen Mars und Jupiter benannt, der im Jahr 2000 in der Volkssternwarte Drebach entdeckt worden war.

Mindestens bis 9. Januar bleibt der Tourismus im Freistaat untersagt. Wie ist die Stimmung in Oberwiesenthal jetzt?

Es ist alles schön eingeschneit, aber der Ort wirkt ohne Besucher wie lahmgelegt und ausgestorben. Das ist ein trauriges Bild. Die Unternehmer haben wirklich Existenzängste. Ich glaube, es würden gern viel mehr Menschen auf der Straße protestieren. Aber sie tun es nicht, weil sie befürchten müssen, sonst gleich in die Ecke von Rechtsradikalen oder ideologisierten Querdenkern gestellt zu werden. Dort wollen sie auch nicht hin.

Sie sind seit Jahren Stadtrat. Woran liegt es, dass die Politik in Sachsen so viele Entscheidungen trifft, die außerhalb der Metropolen kaum akzeptiert werden?

Auch für die Politik ist die Lage schwierig, doch mir scheint, dass sie weit von der Praxis weg ist. Sie müsste den Mut finden, Fehler einzugestehen. Dann könnte man gemeinsam nach besseren Lösungen für die Probleme suchen. Zwischen der dritten und vierten Corona-Welle in diesem Sommer schien es in Deutschland wichtigere Themen zu geben wie zum Beispiel die gendergerechte Sprache. Gleichzeitig wurden in Sachsens Krankenhäusern 300 Intensiv-Betten abgebaut und nun müssen wir Schwerstpatienten in andere Bundesländer oder nach Polen bringen. Wegen der Schadensminderungspflicht bei den staatlichen Hilfen ist unser Unternehmen gezwungen, das Restaurant jetzt weiter zu öffnen, obwohl es in Oberwiesenthal gar keine Gäste gibt. Wir müssen Ware bestellen, die Küche hochfahren, mehr heizen, Personal bereitstellen – und hatten gerade zum ersten Mal in 25 Jahren zwei Tage lang keinen einzigen Gast bei geöffnetem Restaurant. Mitten im Advent, der sonst eigentlich durch Firmenweihnachts- und Familienfeiern ausgebucht ist. Die Schadensminderungspflicht in den Vorschriften schafft also noch mehr Schaden. Da hört mein Verständnis auf.

Ist das nicht eine Regelung des Bundes?

Mag sein, aber dass die Weihnachtsfeiern ausfallen, weil die Restaurants schon 20 Uhr schließen sollen, hat Sachsen verfügt. Mit Einführung von 2G kommen kaum noch 2G-Gäste. Die aktuelle Tourismus-Sperre ist ebenfalls Ländersache. Sie wird uns langfristig noch mehr schaden als die im letzten Winter, weil Sachsen hier einen Alleingang wählt. Die Gewerbetreibenden in Oberwiesenthal hatten ab dem Frühjahr 2021 monatelang für ein Tourismus-Modellprojekt nach dem Vorbild von Augustusburg gekämpft und alles vorbereitet – vom Testzentrum bis zur Technik, mit der die Test-Ergebnisse automatisch aufs Handy der Besucher gelangen. Und dann als Eintrittskarte für Geschäfte, Restaurants und Herbergen dienen. Sachsens Ministerpräsident setzte sich für die Erlaubnis ein, aber unser Modellprojekt wurde von der Bürokratie auf den unteren Ebenen so lange behindert, bis es gescheitert war. Dort wollte niemand Verantwortung übernehmen. Statt konstruktiver Lösungen kamen nur ständig neue Verhinderungsvorschriften zum Vorschein. So kann es nicht weitergehen, wenn wir uns nicht an zwei Lockdowns pro Jahr gewöhnen und die Tourismus-Branche in Sachsen ruinieren wollen. Ich verstehe nicht, warum mein Haus mit maximal 70 Gästen oder die Ferienwohnungen unter 2G nicht als genau so sicher eingeschätzt werden wie zum Beispiel unser Restaurant oder der Handel.

Halten Ihnen die Stammgäste die Treue?

Ja und das ist – neben meinem wunderbaren Team im Haus – der größte Lichtblick. Deshalb halten wir auch die Hotel-Rezeption weiter den ganzen Tag über besetzt. Viele treue Gäste rufen an, haben ein paar nette Worte. Sie erkundigen sich nach der Lage und nehmen klaglos hin, wenn sich die Urlaubstermine immer wieder verschieben. Im Schnitt mussten wir seit Beginn der Pandemie leider jede Buchung drei- bis fünfmal anfassen, bevor es wirklich geklappt hat. Trotzdem halten die allermeisten zu uns. Zum Beispiel konnten wir im Juli die Bundesliga-Handballer des SC DHfK Leipzig begrüßen, die am Fichtelberg ihr Trainingslager absolvierten.

Sie sind der erfolgreichste deutsche Skispringer aller Zeiten. Gibt es vielleicht Erfahrungen aus dem Leistungssport, die Ihnen heute als Unternehmer in der Corona-Krise helfen?

Im Sport ganz allgemein lernt man, mit Niederlagen oder Tiefschlägen umzugehen, Fehler in Ruhe zu analysieren, um dadurch besser zu werden. Bei der Einführung des V-Stils Anfang der 1990er-Jahre zum Beispiel gehörte ich zu den Skispringern aus der früheren DDR, die die Entwicklung verkannt hatten. Statt für die Weltspitze reichte es plötzlich nur noch fürs Mittelfeld.

Aber Sie haben den V-Stil dann perfekt gelernt und damit noch zweimal Olympiagold 1994 in Lillehammer gewonnen?

Damals war der Trend klar. Heute gilt das nicht. Die langfristige Entwicklung bei Corona ist für mich weder absehbar noch beeinflussbar. Den Hoteliers sind die Hände gebunden. Wir bemühen uns mithilfe unseres Branchenverbandes Dehoga um Schadensbegrenzung bei der Politik. Und im Unternehmen vor allem darum, die Frauen und Männer unseres Teams nicht zu verlieren. Kurzarbeitergeld bedeutet nur 60 oder 67 Prozent vom Netto-Lohn. Und das ist ja nur die halbe Wahrheit, das Trinkgeld fehlt immerhin auch, mit dem sonst fest gerechnet wird. Über viele Monate bringt das empfindliche Einbußen. Dennoch hat sich bisher niemand in unserem Haus einen anderen Job gesucht, was meine Frau und mich sehr froh macht. Aber wir finden keine neuen Arbeitskräfte, die wir wegen der Vergrößerung eigentlich bräuchten.

Was wäre eine zeitnah mögliche Lösung?

Ob diese Einschränkung jedem gefällt oder nicht: Wenn 2G als sicher angesehen wird, haben wir das gleiche Recht zu beweisen, dass wir verantwortungsbewusst damit umgehen können. Dies wird vielen anderen Branchen möglich gemacht. Unsere Hotels und Restaurants sehe ich nach wie vor nicht als Pandemietreiber.

Von Jens Rometsch