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Mitteldeutschland Ratschlag für Eltern: Auch Kinder mit schlechten Noten in den Arm nehmen
Region Mitteldeutschland Ratschlag für Eltern: Auch Kinder mit schlechten Noten in den Arm nehmen
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10:53 05.07.2019
Am Freitag gibt es in Sachsens Schulen Zeugnisse. (Archivfoto)
Am Freitag gibt es in Sachsens Schulen Zeugnisse. (Archivfoto) Quelle: dpa
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Leipzig

478.300 Schüler erhalten am Freitag in Sachsen ihre Zeugnisse und starten danach in sechs Wochen Sommerferien. Nicht alle werden nur gute Noten mit nach Hause bringen. Roman Schulz, Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung, rät Eltern im LVZ-Interview trotzdem zu Gelassenheit.

Am Freitag gibt es Zeugnisse. Wie sollten Eltern auf schlechte Noten reagieren?

Roman Schulz: Ganz wichtig, und das sage ich auch als Vater zweier Kinder: Keine spontanen Negativreaktionen. Keine Faust auf den Tisch. Kein Donnerwetter. Auch nicht rumtoben, und sagen: „Torsten, warum hast Du nicht gelernt? Und wie das wieder bei Dir aussieht, und Löcher in der Hose, die langen Haare ...“ Stattdessen: Auch Kinder mit schlechten Zeugnissen sollte man einfach mal in den Arm nehmen und lieb haben. Auch für Kinder mit schlechten Noten war das Schuljahr sehr anstrengend. Das heißt natürlich nicht, dass man ein Zeugnis nicht auswerten soll – ganz im Gegenteil und auch sehr konsequent. Aber bitte immer mit ein paar Tagen Abstand. Für das Hilfsangebot muss man sich Zeit nehmen und bestenfalls nicht parallel auch noch zwei Geschäftstermine bearbeiten.

Konsequente Regeln aufstellen

Wie kann denn ein solches Hilfsangebot aussehen?

Roman Schulz: Ich würde empfehlen, sowohl dem Kind als auch sich selbst einen klaren Aufgabenkatalog mitzugeben. Dabei auch die Fragen stellen: Wie konnte das passieren? Wo liegen die Ursachen? Was genau hat nicht funktioniert? Es gibt kein Kind, was immer nur schlechte Leistungen hat. Es gibt immer Punkte, wo man ansetzen kann: „Torsten, denk an den Vortrag im letzten Halbjahr, da gab es eine Zwei. Das hat doch schon funktioniert.“ Auch ganz wichtig: Wie sieht der häusliche Arbeitsplatz aus? Gibt es darauf komplettes Chaos, liegen da drei digitale Geräte, schaut das Kind parallel immer Influenzerin Bibi bei Instagram zu, läuft noch ein Youtube-Channel nebenbei? So etwas lenkt ab. Besser mit dem Kind gemeinsam konsequente, durchaus auch strenge Regeln für das nächste Schuljahr aufstellen. Jedes Kind hat eine andere Struktur, der eine kommt nach Hause und macht sofort Hausaufgaben, die nächste muss sich erstmal drei Grillschnitten schmieren und ein paar Musikclips schauen und fängt danach an. Das ist alles legitim. Wichtig ist: Man muss das konkret besprechen und klare Strukturen zum Tagesablauf schaffen. Die Vorschläge zur Verbesserung sollten bestenfalls auch von den Kindern kommen – oder sagen wir: gemeinsam heraus gelockt werden.

Roman Schulz, Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung. Quelle: André Kempner

Der Leistungsdruck nimmt schon in der Grundschule immer weiter zu. Wie sollten Eltern damit umgehen?

Roman Schulz: Ob jetzt die Schulen Leistungsdruck produzieren oder die Eltern – darüber kann man streiten. Wir haben natürlich eine klare Erwartungshaltung hinsichtlich Bildungs- und Erziehungsauftrag, wir haben auch eine klare Leistungsorientierung in den Schulen. Natürlich sollte Schule auch Freude bereiten, aber nur Spiel- und Spaßschule – das ist nicht so unsere Sache. Ich denke aber auch, die Grundschule hat weniger Leistungsdruck, als das immer impliziert wird. Es gibt in Klasse 4 eine Bildungsempfehlung, die ist so gestaltet, dass der Wille der Eltern letztlich dennoch entscheidet. Selbst wenn die Eltern die Ergebnisse von Leistungsfeststellung und Beratungsgespräch nicht akzeptieren, kann das Kind immer noch auf die gewünschte Schule gehen. Die Annahme, dass Torsten und Renate aufgrund der Bildungsempfehlung irgendwohin aussortiert werden, ist einfach falsch. Beide können auch danach immer noch wechseln. Wir haben allerdings auch eine Vielzahl von Oberschülern, die in der zehnten Klasse einen Abschluss unter 2,0 schaffen, die damit an ein berufliches Gymnasium gehen. Ich sage immer: Wenn das Gymnasium die Autobahn ist, dann ist die Oberschule die gut ausgebaute Bundesstraße und beide führen zum gleichen Ziel. Man muss sich fragen, wer macht diesbezüglich Druck? Sind familiäre Erwartungen da, muss das Heil des Kindes unbedingt im Abitur und Studium liegen? Oder ist nicht eine Oberschule, mit anschließender dualer Ausbildung, Betriebsakademie, Handwerksberuf, Meisterausbildung auch sinnvoll? Es gibt eine Vielzahl von Perspektiven außerhalb der Uni-Vorlesung – um es etwas polemisch auszudrücken.

Dauerhafte Nachhilfe ist bedenklich

Ohne Nachhilfe-Lehrer geht in den höheren Klassen nichts mehr – stimmt das?

Roman Schulz: Die Aufgabe der Schule ist, den Unterrichtsverlauf so zu organisieren, dass Kinder ohne Nachhilfe auskommen. Du kannst doch niemandem das Schwimmen beibringen und lässt danach immer einen Rettungsschwimmer nebenher schwimmen. Ich sage nichts Negatives gegen Nachhilfe, das kann natürlich sehr sinnvoll sein. Zum Beispiel, wenn ein Kind nach längerer Krankheit, nach einem Umzug oder nach persönlichen Krisen, nach Trennung der Eltern, auch im Fall von spontanen Leistungsverschlechterungen irgendwo den Anschluss verliert. Durch Nachhilfe kommen sie wieder heran, haben vielleicht auch wieder mehr Lust auf das Fach. Ich finde es allerdings bedenklich, wenn Grundschüler schon zur Nachhilfe geschickt werden, weil die Eltern Angst haben, die Kinder schaffen das Gymnasium nicht. Genauso bedenklich ist, wenn sie am Gymnasium dauerhaft Nachhilfe bekommen. Da sollten die Eltern lieber überlegen, ob das Gymnasium überhaupt der richtige Weg ist. Eltern sollten sich auch immer vor Augen halten: Ein Schultag ist wie ein Arbeitstag – einfach anstrengend. 30 Wochenstunden Unterricht, Hausaufgaben, Vorbereitung und dazu kommt dann auch noch Nachhilfe. Da stellt sich die Frage: Muss diese zusätzliche Belastung tatsächlich sein?

Apropos Belastung: Schüler haben heute viele Optionen: Musikunterricht, Bouldern, Sportvereine, Yoga, Capoeira. Ab wann sollten Eltern die Reißleine ziehen?  

Roman Schulz: Da habe ich eine klare Antwort: Wenn Kinder schon ein Leben nach Terminplan führen müssen, wie es Manager tun, dann hat das mit Kindheit nichts mehr zu tun. Ich habe nichts gegen sinnvolle Hobbys, es gibt auch Kinder, die haben mit drei, vier Hobbys gar kein Problem. Andere sind allerdings schon mit einem überfordert, wieder andere sind ohne glücklich. Wichtig ist: Das Kind muss das Hobby von sich aus wollen und es darf nicht überlastet werden. Es gibt ja Fälle, da werden die Kinder früh mit dem Auto in die Schule gefahren und wenn Clara dann drei Minuten zu spät wieder rauskommt, dann ist gleich die Reitstunde in Gefahr und es gibt Ärger. Da sind wir wieder beim Thema: Wer baut den Leistungsdruck eigentlich auf? Die Schule oder doch die Eltern?

Den Schalter komplett auf Aus stellen

Wie sieht es mit Stoff nachholen in der Ferienzeit aus?

Roman Schulz: Für die Sommerferien gilt in erster Linie: Einfach mal die Seele baumeln lassen und den Schalter komplett auf Aus zu stellen. Eltern sollten auf keinen Fall sagen: Du hast jetzt sechs Wochen Zeit, in der ersten schreibst Du den Mathe-Hefter ab, in der zweiten dann den Deutsch-Hefter und so weiter. Sommerferien sind keine Zeit für Strafarbeiten. Natürlich muss man in den sechs Wochen nicht nur komplett rumgammeln, bis die Langeweile aus den Ohren herausschaut. Man kann durchaus auch mal was nachholen. Aber bitte in Maßen. Ich halte nichts von Nachhilfecamps, auch nichts von Intensivkursen. Aus medizinisch-psychologischer Sicht ist es einfach wichtig, dass Kinder mal eine längere Pause bekommen, um dann richtig durchzustarten.  

Welche Tipps geben sie Eltern noch mit auf den Weg?

Roman Schulz: Freuen Sie sich immer über ihre Kinder. Keins ist so schlecht, dass man es nicht immer mal in den Arm nehmen könnte. Kinder bereichern unser Leben.

Hilfsangebote für Kinder:

Sächsische Zeugnishotline, geschaltet am 5. Juli von 11 bis 16 Uhr: 0341/4945860 (Leipzig), 0351/8439305 (Dresden), 0371/5366105 (Chemnitz), 03591/621132 (Bautzen), 0375/4444333 (Zwickau)

Ganzjährig erreichbar von Mo bis Sa (14 bis 20 Uhr) ist die Nummer gegen Kummer: 116111

Von Matthias Puppe