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Mitteldeutschland Edler kuren mit Edelgas: Freistaat investiert 13,6 Millionen Euro
Region Mitteldeutschland Edler kuren mit Edelgas: Freistaat investiert 13,6 Millionen Euro
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16:32 29.03.2019
So sieht die Zukunft in Bad Brambach aus: links der Neubau, rechts das bereits bestehende Therapie- und Wohlfühlzentrum. Quelle: Sächsische Staatsbäder GmbH/Architekten Baum-Kappler
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Bad Brambach

13 Kilometer hinter Bad Elster (3700 Einwohner) liegt Bad Brambach (2000 Einwohner) im Vogtlandkreis am südlichsten Zipfel Sachsens nahe der tschechischen Grenze. Beide Orte haben Schätze in ihrer Erde, die unterschiedlicher nicht sein könnten: In Bad Elster ist es ein fossiles Urmeer aus eiszeitlicher Sole, dessen Zusammensetzung einzigartig in Europa ist und der dortigen Soletherme (Investitionssumme: 19 Millionen Euro) Rekordzulauf beschert.

In Bad Brambach ist es mit der Wettinquelle die größte Radonquelle der Welt, die 1910 entdeckt wurde und künftig noch mehr Kurgäste ins Vogtland locken soll. Dabei stand Bad Brambach bislang immer ein wenig im Schatten des Nachbarortes. Zwar hat die Radontherapie vor Ort bereits eine mehr als 100jährige Tradition und wird seit 2010 spürbar intensiviert. Auch Sachsens Finanzminister Matthias Haß (CDU), der Bad Brambach vom „großen Bruder Bad Elster“ abkoppeln will, erkennt an: „Bad Brambach hat mit seinen Radonquellen ein echtes Alleinstellungsmerkmal.“ Aber, nachdem sich die Bäderanwendungen nahezu verdoppelt haben, stößt das Therapie- und Wohlfühlzentrum im Ort doch an die Grenzen.

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Darum soll nun auch in Bad Brambach geklotzt werden. Gestern stellten Haß und die Sächsische Staatsbäder GmbH in der Festhalle ihre Pläne vor 100 bis 150 Einwohnern vor. Ziel ist es, einen Neubau zu errichten, der noch mehr Radonanwendungen ermöglicht und über einen Zugang mit dem ursprünglichen Zentrum verbunden wird. Damit soll letztendlich eine Verdopplung der Radonkapazitäten erreicht werden. Geplante Kosten: insgesamt 13,6 Millionen Euro.

Staatsbäder-Geschäftsführer Gernot Ressler schwärmt: „Unser Unternehmen hat sich als sehr ambitioniertes Ziel gesetzt, Bad Brambach als d e n Radonstandort in Deutschland und Europa zu positionieren.“ Haß wiederum verspricht sich einen Beitrag „zur positiven Entwicklung der Gesundheits- und Tourismuswirtschaft in der Region“. Nachdem das Architekturbüro Baum & Kappler aus Nürnberg die europaweite Ausschreibung gewonnen hat, ist der Baustart nun für Sommer vorgesehen.

Netter Zufall am Rande: Architekt Andreas Baum ist gebürtiger Vogtländer und kommt eigentlich aus Plauen. Den ersten Spatenstich am 6. Juli wird Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) setzen. Die Fertigstellung ist dann für Ende 2020 geplant.

Das Projekt ist aber noch umfangreicher. Eingeschlossen sind auch der anschließende Umbau des bestehenden Therapie- und Wohlfühlzentrums und die General-Sanierung der Bade- und Saunalandschaft im Juli und August. Aus dem früheren Kolonnadencafé am Festhallenteich wird parallel dazu ein Gebäude mit Multifunktionsräumen für Bewegung, Training sowie Physiotherapie. Auch den Bewohnern von Bad Brambach soll das moderne Trainingsgelände nach seiner Fertigstellung zur Verfügung stellen.

Neu ist auch die Einbeziehung telemedizinischer Möglichkeiten. So werden Patienten neben den vorhandenen Badeärzten auch über Bildschirme mit zusätzlichen Spezialisten aus ganz Deutschland über das Internet verbunden.

Radon? War da nicht was? Die Gefahr aus der Tiefe, die zu Krebserkrankungen führt? „Die Dosis macht es“, erklärt Karl-Ludwig Resch den Unterschied. Der Professor ist Leiter des Deutschen Instituts für Gesundheitsforschung in Bad Elster. Die zusätzliche Dosis von 10 Vollbädern in Bad Brambach betrage etwa 0,5 bis 1 Millisievert und sei etwa vergleichbar mit jener, der ein Mensch bei einem Interkontinentalflug ausgesetzt sei. Zuverlässig nachgewiesen seien überdies sowohl die schmerzlindernde als auch die entzündungshemmende Wirkung beispielsweise bei Rheuma, Osteoporose und Arthrose oder zur Unterstützung von Heilungsprozessen beispielsweise nach Sportverletzungen.

„In Deutschland gibt es rund 30 Millionen Schmerzpatienten, die schulmedizinisch mit pharmazeutischen Mitteln behandelt werden und starke Nebenwirkungen in Kauf nehmen müssen“, rechnet wiederum Ressler vor. Mit dem Radon stehe den Patienten „ein absolut wirksames, am Markt verfügbares Produkt ohne chemische Nebenwirkungen zur Verfügung“.

Radonwannenbäder sollen darum auch künftig das Fundament der therapeutischen Anwendung bilden. Neue Anwendungsformen wie Radon-Inhalation, Radon-Spülungen – beispielsweise der Nasenschleimhäute – oder auch Radon-Wickel kommen dazu.

Rund 100 bis 150 Einwohner kommen am Freitag in die Festhalle zur Präsentation des Projektes. „Warum denn leiden, wenn geholfen werden kann“, hieß bereits vor über 100 Jahren ein Werbeslogan für die Radontherapie. In Bad Brambach gibt es keine Bürgerinitiative, die dieses ambitionierte Projekt missbilligt, Wald, Eisvogel oder Klima retten will. Im Gegenteil. „S‘ wird fei höchste Zeit, dos sich hier wo’s tudd“, sagt ein Rentner am Gartenzaun, während er unverdrossen Zweige schneidet.

Von Roland Herold