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Mitteldeutschland Radebeuls OB legt Veto gegen Wahl von neurechtem Autor zum Kulturamtsleiter ein
Region Mitteldeutschland Radebeuls OB legt Veto gegen Wahl von neurechtem Autor zum Kulturamtsleiter ein
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20:06 25.05.2020
Die Wahl des Schriftstellers Jörg Bernig zum neuen Kulturamtsleiter von Radebeul löste Proteste aus. Quelle: privat
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Radebeul

In die Wahl des Schriftstellers Jörg Bernig zum neuen Radebeuler Kulturamtsleiter hat sich nun auch der Bürgermeister der Stadt eingeschaltet. Wie am Montagabend bekannt wurde, hat Bert Wendsche (parteilos) sein Veto gegen die Wahl eingelegt. „Die durch den Beschluss bereits jetzt schon deutlich spürbare Polarisierung wirkt sich aus meiner Sicht negativ und nachteilig für die Stadt aus“, so das Stadtoberhaupt. Er lege den Beschluss damit dem Stadtrat noch einmal zur Überprüfung vor.

Der Fall schlägt inzwischen auch über die Stadtgrenzen hinaus Wellen. Der Schriftstellerverband PEN forderte den 56 Jahre alten Bernig am Sonntag auf, seine Position zu überdenken. Bernig sei seit 2005 Mitglied des deutschen PEN. Der Autor wird zur neuen Rechten gezählt.

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Das deutsche PEN-Zentrum wende sich „mit aller Schärfe gegen nationalistische Bewegungen, insbesondere gegen Positionen, wie sie AfD, Pegida und ähnliche Gruppierungen vertreten“, erklärte Präsidentin Regula Venske. Die Charta des Verbandes verpflichte jedes Mitglied, für das Ideal einer einigen Welt einzutreten.

120 Unterzeichner bei Protest-Brief

Rund 120 Menschen haben inzwischen einen offenen Protest-Brief gegen die Wahl Bernigs unterzeichnet. Zu den Erstunterzeichnern gehören auch sieben Träger des Radebeuler Kunstpreises, darunter DDR-Jazzlegende Günter „Baby“ Sommer. In dem Schreiben, das vom Kulturverein Radebeul initiiert wurde, äußern die Kulturschaffenden „Entsetzen und Unverständnis“. Bernig war in der vorigen Woche vom Stadtrat mutmaßlich mit den Stimmen von CDU und AfD gewählt worden. Kritiker zählen ihn zur neurechten Szene.

Bernig stehe im Widerspruch zu all dem, „was die Radebeuler Kulturlandschaft seit Jahrzehnten prägt und einzigartig macht“, heißt es in dem Brief. Den Initiatoren gehe es darum, Position zu beziehen, sagte der Geschäftsführer des Kulturvereins, Björn Reinemer (33). Bernig ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste. Er schreibt auch als politischer Autor, unter anderem als Gastautor für das Magazin „Sezession“ des Verlegers Götz Kubitschek.

Bernig äußert sich nicht

PEN wies darauf hin, dass auch ein Aufruf aus dem Jahr 2014 weiter Gültigkeit habe. Darin forderten die Schriftsteller die Europäische Union auf, ein gemeinsames Asylrecht zu schaffen und Schutzsuchende nicht zu behandeln, als wären sie Feinde, die es abzuwehren gilt. Äußerungen aus dem Umkreis der neuen Rechten zu Migration und Migranten seien damit nicht kompatibel.

„Vor diesem Hintergrund bitten wir Herrn Bernig zu prüfen, inwieweit er seine Verpflichtung gegenüber der PEN-Charta wahrnehmen kann, und ggfs. die notwendigen Konsequenzen zu ziehen“, teilte der Verband mit. Bernig schweigt jedoch weiterhin. Auch eine Interview-Anfrage der Deutschen Presse-Agentur lehnte er ab.

Mehr zum Thema: Wie ein neurechter Autor zum Kulturamtsleiter von Radebeul gewählt wird

Von LVZ