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Mitteldeutschland Ostritzer Bürger stemmen sich erneut gegen Neonazi-Festival
Region Mitteldeutschland Ostritzer Bürger stemmen sich erneut gegen Neonazi-Festival
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17:17 22.03.2019
Teilnehmer des „Schild und Schwert“-Festivals im April 2018 in Ostritz – ebenfalls auf dem Gelände des Hotel Neißeblick. (Archivfoto) Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Ostritz kämpft wieder einmal gegen ein rechtsextremes Musikfestival. Bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Monate soll die ostsächsische Gemeinde an diesem Samstag zum Treffpunkt Hunderter Neonazis werden. Nach zwei Rechtsrock-Events inklusive altnordischer Kampfsportshows im vergangenen Jahr richtet sich die aktuelle Veranstaltung auf einem Privatgelände im Ort nun explizit an den völkisch-nationalistischen Rand der Skinhead-Szene. Ostritz stemmt sich in gewohnter Weise wacker gegen die Vereinnahmung und hat parallel zu den Nazi-Konzerten ein Friedensfest auf die Beine gestellt.

„Die Ostritzer Bürger setzen erneut mit großem zivilgesellschaftlichen Engagement ein Zeichen für Demokratie, Weltoffenheit, Toleranz und Frieden“, erklärt Friedensfest-Organisator Michael Schlitt vom Begegnungszentrum im nahen Zisterzienserkloster St. Marienthal. Schon seit Donnerstag stehen auf dem Marktplatz bunt geschmückte Zelte und Imbissstände, seit gestern Abend sind diese mit einem zweitägigen Kulturprogramm gefüllt. Mitorganisatorin Cäcilia Schreiber spricht von 150 Akteuren auf den Bühnen – die bis Samstagabend aus der ganzen Region anreisen. „Dazu kommen 250 weitere Engagierte aus Ostritz und der näheren Umgebung, die beim Friedensfest mithelfen“, so Schreiber.

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Unterstützung aus Wirtschaft und Politik

Rückendeckung erhalten die Nazi-Gegner von namhaften Unternehmen der Region – die sich nicht nur finanziell, sondern auch aktiv an der Programmgestaltung beteiligen. Eine große Brauerei aus Görlitz lässt am Wochenende eigens ein „Friedensbier“ anliefern, mit dem unter anderem die beiden Bürgermeister von Görlitz und Zittau in der Ostritzer „Bierpfütze“ anstoßen wollen und damit die inzwischen 500 Jahre währende „Bierfehde“ zwischen beiden Städten beilegen. Ein Spülmittel-Hersteller aus Zittau ließ 10.000 Flaschen seines Produkts mit dem Friedensfest-Logo bedrucken und will diese am Samstag unter den Besuchern verteilen lassen.

Unterstützung gibt es auch wieder von hochrangigen Politikern. Nachdem sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) im April 2018 in die Ostritzer Menschenkette einreihte, machte sich gestern Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) auf den Weg ins Dreiländereck. „Das Friedensfest in Ostritz zeigt den Mut und den Einsatz der Menschen vor Ort. Sie stehen in der Oberlausitz zusammen gegen Engstirnigkeit und Ausgrenzung, für ein weltoffenes Sachsen und eine offene, vielfältige Gesellschaft“, sagte die Sozialdemokratin gegenüber der LVZ. Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) konnte einen gewissen Stolz nicht verhehlen: „Das Beispiel Ostritz ist ein Vorbild für ganz Sachsen. Die Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft stehen hier zusammen, weil sie ihren Ort und die öffentliche Meinung nicht denjenigen überlassen wollen, die fremdenfeindlich, extremistisch und rassistisch sind.“

Skinhead-Bands aus rechtsextremen Kreisen

Auf dem Gelände des Neonazi-Festival werden diese Worte wohl nur höhnisch zu Kenntnis genommen werden. Beim ersten Festival trug die angestellte Security T-Shirts der verbotenen „Arischen Bruderschaft“, lud die NPD zur Pressekonferenz und standen Gruppen des rechtsextremen Netzwerks „Blood & Honour auf der Bühne. An diesem Samstag sollen nun namhaften Skinhead-Bands wie Endstufe und Kraft durch Froide (KdF) für geneigtes Publikum sorgen. Beide Formationen erfreuen sich seit den 1980er Jahren in rechtsextremen Kreisen großer Beliebtheit – wohl deshalb heißt das Neonazi-Festival diesmal wohl auch „Skinheads Back To The Roots“ (Skinheads zurück zu den Wurzeln).

Der gewählte Titel ignoriert allerdings vollkommen, dass die Skinhead-Kultur ursprünglich keineswegs rechtsextrem, sondern überaus weltoffen war – als Schmelztiegel europäischer Arbeiterklasse und Migrantenkultur in den Metropolen Großbritanniens. Gemeinsam wurde westindischer Reggae, die schnellere Variante Ska oder Northern Soul gehört. Ein Großteil der Skinhead-Szene sieht sich auch heute immer noch in dieser weltoffenen Tradition und grenzt sich vom rechtsextremen Rand ab.

Von Matthias Puppe