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News Lebenslange Haft für Sophias Mörder – so begründet das Gericht das Urteil
Region Mitteldeutschland News Lebenslange Haft für Sophias Mörder – so begründet das Gericht das Urteil
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22:30 18.09.2019
Boujemaa L. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Quelle: dpa
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Bayreuth/Leipzig

Wieder lange Schlangen vor dem Bayreuther Landgericht, Dutzende Kameras, Übertragungswagen, Hunderte Zuhörer, die sich am Mittwoch in den großen Gerichtssaal drängen. Jeder Platz wird ausgenutzt. Dann gespannte Stille, als das Schwurgericht den Saal betritt. Seit zwei Monaten wird hier um ein Urteil für den Lkw-Fahrer Boujemaa L. gerungen. Zahlreiche Zeugen wurden gehört, mehrere Gutachten erstellt, Live-Schaltungen zu spanischen Behörden organisiert. Nun, am Mittwoch: das Urteil. Sophias Mörder muss lebenslänglich ins Gefängnis.

Wie erwartet spricht der vorsitzende Richter Bernhard Heim den geständigen 42-Jährigen dafür schuldig, die Leipziger Studentin im Sommer 2018 auf einem Rastplatz ermordet zu haben. Nach Auffassung des Gerichts tötete Boujemaa L. die zuvor bereits bewusstlos geschlagene Sophia, um sie daran zu hindern, seine in brutale Schläge ausgeartete Raserei zur Anzeige zu bringen.

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Mit seiner Entscheidung folgt das Schwurgericht den Forderungen von Staatsanwältin Sandra Staade, die bereits auf lebenslänglich plädiert hatte. In einer ersten Erklärung sagte auch Verteidiger Karsten Schieseck, die Darlegung des Gerichts sei nachvollziehbar, sein Mandant gestehe die Schuld ein. Er neige derzeit zudem nicht dazu, Revision einzulegen. Allerdings: Noch habe sein Mandant eine Woche Bedenkzeit, ehe das Urteil rechtskräftig wird.

Angriff kurz vor dem Ziel

Die Beweislast gegen den Marokkaner ist zumindest erdrückend. In seiner Begründung schilderte der Richter noch einmal minutiös den Ablauf der Tat, die sich am 14. Juni 2018 in zwei Phasen auf einem Parkplatz bei Sperbes (Franken) zugetragen hatte. Der für eine Spedition in Tanger fahrende Boujemaa L. hatte Sophia am späten Nachmittag in Schkeuditz mitgenommen, die junge Frau wollte bis Nürnberg trampen. Etwa 15 Minuten vor ihrem angedachten Ausstieg steuerte der Fernfahrer plötzlich den kleinen, sonst menschenleeren Parkplatz an. Es war bereits 21 Uhr am Abend.

„Er sah hier wohl die letzte Gelegenheit für einen Annäherungsversuch“, sagte Heim. Der Täter habe die völlig überraschte Studentin nun auf ungeklärte Weise ergriffen. Nachweisen lässt sich die sexuelle Motivation, auch die Nötigung allerdings nicht – da der Täter vehement bestreitet, an Sophia interessiert gewesen zu sein und auch bei der Obduktion keine entsprechenden Spuren gefunden wurden.

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Urteil beruht auf Geständnis

Im nun gefällten Urteil spielt der Übergriff deshalb keine entscheidende Rolle. Die Entscheidung beruhe „im Wesentlichen auf dem Geständnis des Angeklagten“, erklärte Richter Heim. Sicher ist: Sophia wehrte sich, der Lkw-Fahrer empfand diese Zurückweisung als „massive Kränkung“. Als die junge Frau dem Täter in ihrer Not ins Gesichts schlug, „geriet der leicht reizbare und zu erheblicher Gewaltbereitschaft neigende Angeklagte in Rage“, so der Richter weiter. In der Folge griff er ein Werkzeug, ein etwa 40 Zentimeter langes Stahlrohr, und schlug die junge Frau bewusstlos.

„Im Vordergrund dieser Handlung stand die Disziplinierung seines Opfers“, führte der Richter weiter aus. Dass Boujemaa L. die junge Frau hier schon töten wollte, glaubt Heim indes nicht. Der eigentliche Mord geschah erst danach, als der 42-Jährige nach einer Zigarettenpause zurückkehrte. „Der Angeklagte fasste nun den neuen Tatentschluss, dem Leben von Sophia ein Ende zu setzen“.

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Die erneute Attacke sollte verhindern, dass Sophia den ersten Angriff der Polizei melden kann. In der Juristensprache nennt man das Ver­deckungstat – in diesem Fall für eine gefährliche Körperverletzung. Das Urteil für Mord ist im deutschen Strafrecht eindeutig und bedeutet die Höchststrafe: lebenslange Haft. Da spielt es praktisch keine Rolle, dass Boujemaa L. für den ersten Angriff bereits drei Jahre Haft zugesprochen bekam.

Anwalt der Familie: „Damit kann man leben“

„Das Urteil ist so, wie wir es erwartet haben. Alles andere wäre nicht vertretbar gewesen, damit kann man auch leben“, sagte Valentin Barth, Anwalt von Sophias Familie, in einer ersten Stellungnahme am Mittwoch. Ob tatsächlich wirklich alle Fragen beantwortet sind, daran zweifelte Barth. Sophias Familie, die als Nebenkläger im Gerichtssaal auftrat, hatte Boujemaa L. während der Verhandlungen mehrfach aufgerufen, endlich die ganze Wahrheit zu erzählen. „Der Angeklagte hat teilweise Antworten gegeben, aber nicht alle. Daran haben die Hinterbliebenen nun weiter zu knabbern“, so Barth weiter.

Neben dem vom Täter bestrittenen sexuellen Motiv und Hinweisen auf einen möglichen späteren Todeszeitpunkt aus einem der Obduktionsgutachten, gehört aus Sicht der Familie auch die Rolle der Polizei dazu. Richter Bernhard Heim lobte am Mittwoch explizit noch einmal das Bemühen von Sophias Angehören und Freunden, die entlang der Autobahn Parkplätze und Waldstücke durchkämmten, Videoaufnahmen sicherten: „Die privat organisierte Suche der Freunde hat bemerkenswerte Ergebnisse geliefert, die der Unterstützung der Polizei dienten.“

Die Vorwürfe an die Behörden, sie hätten viel zu lange zu untätig zugesehen, wies Heim am Mittwoch im Gerichtssaal zurück. Gleichwohl erklärte er auch: „Ein Gerichtssaal ist kein Untersuchungsausschuss. Die Aufarbeitung ist als nicht abschließend zu bewerten.“

Leipziger Polizei: Werden Abläufe nachbereiten

Die am heftigsten kritisierte Leipziger Polizei wollte sich bisher nicht zu den Vorwürfen äußern, lehnt Interviewanfragen ab. Allerdings teilte Behördensprecher Andreas Loepki gegenüber LVZ mit: „Nach Abschluss des Strafprozesses am Landgericht Bayreuth bereiten die Polizei Sachsen und die Polizei Bayern die Abläufe in dem Fall gemeinsam nach. Dazu wird es in Kürze ein erstes Treffen von Vertretern der beteiligten Polizeidienststellen geben.“

Zudem hätten die Innenminister beider Länder ihre Polizeidienststellen angewiesen, „Fragen der Zuständigkeit bei länderübergreifenden Vermisstenfällen beschleunigt über die Lagenzentren der Ministerien klären zu lassen“, so Loepki weiter. Als Sophia im Sommer 2018 verschwand, blieb tagelang völlig unklar, welches Bundesland sich überhaupt für die Leipzigerin zuständig fühlt.

Von Matthias Puppe